Medien : Hundert Tage Einsamkeit

„Schwarzwaldhaus“: Die ARD versetzt die Berliner Familie Boro ins Jahr 1902 zurück

Barbara Nolte

Die Antwort der ARD auf „Big Brother“ heißt „Schwarzwaldhaus 1902“. Und sie fällt aus der Zeit.

Zwei Jahre liegt „Big Brother“ zurück. Ein paar Reality-TV-Formate, „Inselduell“, „Girlscamp“, oder wie sie heißen, irrlichtern noch durch die westlichen Länder, aber kaum einer schaltet ein. Die Zuschauer haben Real-Life-Formate bis zur Erschöpfung gesehen – jetzt hat die ARD eine Familie auf eine Zeitreise geschickt. Zehn Wochen lang mussten die Boros aus Berlin einen Bauernhof im Schwarzwald bewirtschaften (erste Folge, heute um 21 Uhr 45, weiter am Mittwoch, Freitag und Montag der kommenden Woche zur gleichen Zeit). Tücke: Alles ist orginal so wie im Jahr 1902. Bis auf die Kameras natürlich. Denn auch die Boros werden Tag und Nacht überwacht.

Da steht also Marianne Hege- Boro, normalerweise Heilpraktikerin von Beruf, in einer kratzigen Wollweste vor dem Herd und verzieht das Gesicht. Im Topf köchelt Pansen. Stinkt offenbar. „Für die Hunde“, sagt Marianne Boro. „Ich hätte ja lieber Frolic gefüttert…“ Ihr Mann Ismail, Werkstoffwissenschaftler, hätte wohl lieber einen Rasenmäher. Er müht sich auf der Wiese vor dem Haus mit der Sense ab: „Jeder Muskel tut mir weh.“ Schnitt: Kuhstall. Die Töchter der beiden, Reya, 18, und Sera, 15, drücken unbeholfen am Euter einer Kuh herum. Sie tragen Kopftücher und lange grobe Leinenröcke – Popstar, wie manche ihrer Vorgänger von „Big Brother“, wird man so nicht. Wieder Schnitt. Sohn Akay sucht das Hühnergehege nach Eiern ab. Vergebens.

Es sind die ersten kleinen Frustrationen, von denen die heutige Auftakt-Folge handelt. Sie läuft ein wenig langatmig an. Wie eine Vorführung in einem Heimatmuseum. Kann es noch besser werden? Geht das überhaupt: öffentlich-rechtliches, also anspruchsvolles Reality-TV – wie die ARD-Programmverantwortlichen immer wieder betonten?

„Big Brother“ und Schwarzwaldhaus“ sind sich ja erstmal sehr ähnlich. Beide Formate benutzen eine der ältesten Erfolgsformeln fiktionalen Erzählens: einen abgeschlossenen Raum, den die Figuren nicht verlassen können. In beiden gibt es Wochenaufgaben samt Sanktionen, falls die Kandidaten sie nicht bewältigen. Im „Schwarzwaldhaus“ lauten die Wochenaufgaben: Heu einholen, Butter und Käse machen, Brot backen. Die Sanktionen sind unmittelbar: Wird der Käse ranzig, gibt es eben mehr keinen mehr zu essen. Und doch besteht zwischen beiden Sendereihen ein grundlegender Unterschied: Bei „Big Brother“ waren die Aufgaben bloßes Ritual, Beschäftigungstherapie für die Bewohner. In Wahrheit ging es um sexuelle Versuchung, um Streit. „Big Brother“ funktionierte so wie „Dallas“. Im „Schwarzwaldhaus“ kann man lange auf irgendwelche Intrigen warten. Die ARD hat die Familie Boro extra aus 650 Bewerber-Familien ausgesucht, weil sie so harmonisch und liebevoll miteinander umgeht. „Schwarzwaldhaus“, das ist, als gäbe es bei „Dallas“ nur so liebe Pärchen wie Pam und Bobby. Einziges Spannungselement: die Wochenaufgabe.

Das klingt nicht sehr vielversprechend – trotzdem schaltet man irgendwie nicht aus. Spätestens, als es heißt: Die Kuh soll kalben. Man denkt sich: Oh, Gott, was machen die denn jetzt? Was würde man selbst machen? Dann das Schwein, Barney, es will einfach nicht ins Außengehege. Er quietscht in Todesangst. Alle fünf Boros sind mit dem Schwein beschäftigt. Einer packt es am Ohr, einer am Schwanz. Ein anderes Mal stüpen sie ihm einen Eimer über den Kopf und schieben von hinten.

Regisseur Volker Heise versteht es, die kleinen täglichen Abenteuer mit Informationspassagen zu verweben. Als die Boros aus ihrem Acker nur schrumplige Kartoffeln graben, die mit der Kraut- und Knollenfäule befallen sind, erzählt er die Geschichte der Kartoffelfäule. In den Jahren 1844 bis ’47 hat sie im Nachbartal fast die gesamt Ernte vernichtet. Jeder zehnte Bewohner musste damals nach Amerika auswandern.

Heise zieht die Zuschauer so durch die Dokumentation: von Ismail Boros Leistenbruch bis zur verregneten Ernte. Vater Boro schaut traurig in die Regenwolken. Off-Ton: Sein Heu wird verfaulen, die Tiere werden im Winter kein Futter haben. Natürlich ist das nur theoretisch so: In Wirklichkeit stehen die Tiere im Winter längst wieder bei einem echten Bauern im Stall, und Ismail Boro kauft seine Milch in einem Berliner Supermarkt. Die Grenze zwischen Authentizität und Inszenierung ist beim „Schwarzwaldhaus“ fließend. Die zehn Wochen auf dem Kaltwasserhof haben jedenfalls mit einer Zeitreise so wenig zu tun wie die hundert Tage „Big Brother“-Container mit dem Einzug in eine neue WG. Es war ein Medienereignis, das die Boros zu bewältigen hatten. Es war ein Spiel, und die Boros waren gute Mitspieler. Die Reihe funktioniert: Der karge Alltag des Jahres 1902 wird im „Schwarzwaldhaus“ plastisch. Reality TV lebt doch noch.

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