„Hurenkinder“ : Die kalte Marie

Eine Frau will unbedingt nach oben: Nina Kunzendorf als skrupellose Journalistin in „Hurenkinder". Nie war die Sache mit der Identifikation, den kalten Figuren und dem Schauspieler-Geheimnis so kompliziert und einfach zugleich.

Markus Ehrenberg
Hurenkinder
Die ehrgeizige Marie (Nina Kunzendorf) muss sich von ihrem Geliebten und Chefredakteur (Michael Brandner) die Meinung sagen...Foto: NDR

Zu der Frage, was einen gelungenen Film ausmacht, sind zig Bücher geschrieben. Deine Hauptfigur muss Identifikationsträger sein, heißt es da oft. Der Zuschauer muss die Figur mögen, der Held braucht eine Anzahl guter Eigenschaften oder Dinge, die ihn sympathisch machen. So gesehen ist das Psychodrama „Hurenkinder“ ein recht gewagter Zwitter im Heer der bravourösen Mittwochfilme im Ersten. Man sollte schon Fan der Schauspielerin Nina Kunzendorf sein, um an der von ihr dargestellten Marie auch nur ein gutes Haar zu finden.

Kunzendorf spielt die Tochter einer Puffmutter. Marie schämt sich für ihre Herkunft, will anders leben, als Redakteurin eines Hamburger Printmagazins ganz nach oben. Sie setzt vom Beischlaf über Skandaljournalismus bis zur angedeuteten Erpressung alle Mittel ein, um Karriere zu machen. Maries Credo: „Ich bekomme, was ich will.“ Skrupellos ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, aber selten hat sich eine Hauptfigur im deutschen Film weniger Mühe geben müssen, geben dürfen, warmherzig zu erscheinen. Marie hat es mit dem Koks schnupfenden Alt-Kollegen ebenso wie mit dem Chefredakteur, sie lässt auch dessen Freund, einen Industriellen, nicht aus und liebäugelt mit dessen „ganz kleinem“ Bruder Leon – einem Gefühl, dem sie besser nicht nachgegeben hätte …

Nur Hitchcock hätte es sich eigentlich erlauben können, einen derart fiesen Charakter nach vorne zu stellen. Und damit zum Können der Nina Kunzendorf. Es gibt eine Szene, mitten in „Hurenkinder“, man möchte bis dahin fast abgeschaltet haben, wo die besoffene Marie in ihrem Loft schreiend ihrem Freund Leon hinterherkriecht, weil der sich nicht von seiner Familie trennen kann. „Da habe ich am meisten Seele auf den Tisch gelegt“, sagt die Schauspielerin. Eine untypische Szene. Kunzendorf genügt ein Augenaufschlag, ein Blick, eine Geste, selten ein Gefühlsausbruch. Und ein ganzer Film kann kippen. Ob in Dominik Grafs „Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel“, im Sterbefilm „Marias letzte Reise“ oder dem Lehrer-Drama „Guten Morgen, Herr Grote“ – Filme mit der Kunzendorf sind mittlerweile nicht nur verdächtig preiswürdig, sondern die Art von Fernsehen, die den Unterschied zum TV-Mainstream ausmachen, ohne dem Reigen sehr guter deutscher Schauspielerinnen von Christiane Paul über Nina Hoss bis hin zu Heike Makatsch mit ihren meistens sehr guten Filmen zu nahezutreten.

Der Name Nina Kunzendorf sagt nur wenigen etwas. Die 36-Jährige ist kein Star im herkömmlichen Sinne. Meistens spielt sie verstörende, verschlossene, abgründige Typen. „Jede Rolle ein Geheimnis“, hat die „FAZ“ einmal „über die Entdeckung des Fernsehjahres 2005“ geschrieben. Unvergessen dieser bayerische „Polizeiruf“: Nina Kunzendorf als vergewaltigte Frau, die Probleme hat, sich in die Opferrolle zu fügen, und ihre Umwelt hat deshalb Probleme mit ihr. Für die Rolle erhielt sie den Adolf-Grimme-Preis.

Auf der anderen Skala der Charaktere: die Marie in „Hurenkinder“. Nicht Opfer, sondern Täter – eine Möchtegernmacherin, kalt, überehrgeizig und unsympathisch, die am Ende genauso alleine bleibt wie die vergewaltigte Frau im Krimi. Wie gesagt, ein Wagnis. Für Zuschauer und Schauspieler. Keine einzige wirklich positiv besetzte Figur, nirgends, von der Puffmutter mal abgesehen. Und das bei der hervorragenden Besetzung (Hans Peter Hallwachs, Stefan Kurt, Karin Baal), ambitionierter Regie (Andreas Kleinert) und der Autorin Hannah Hollinger („Die Mutter“), die viel mit Matti Geschonneck zusammen- gearbeitet hat, in diesem Fall aber lieber das eine oder andere Klischee und das allzu absehbare Ende überdacht hätte.

Dennoch oder gerade deswegen: ein sehenswerter Film. Nie war die Sache mit der Identifikation, den kalten Figuren und dem Schauspieler-Geheimnis so kompliziert und einfach zugleich: Nina-Kunzendorf-Filme wirken immer deshalb wie besondere Filme, weil Nina Kunzendorf da ist, um sie zu einem Film zu machen. Auch mal als Bösewicht.

„Hurenkinder“, ARD, 20 Uhr 30.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben