Medien : „Ich behalte nun einmal oft Recht“

Wie Peter Scholl-Latour nach 80 Jahren sich und die Welt sieht – voller Schurken, mit ein paar Heiligen und der katholischen Kirche, die ihn geprägt hat

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Herr SchollLatour, am Dienstag werden Sie achtzig Jahre alt. Haben Sie sich für diesen Tag etwas Besonderes vorgenommen?

Überhaupt nicht. Ich werde mit meiner Frau zu Abend essen. Ich sehe es auch nicht als besondere Leistung an, ein Jahr oder ein Jahrzehnt älter zu werden. Ich verdanke dem lieben Gott, dass ich noch ganz gut drauf bin.

Keiner feiert Sie?

Am Freitag wird mein neues Buch „Weltmacht im Treibsand“ vom Propyläen-Verlag präsentiert. Da wird es eine Feier geben.

Sie sind über 40 Jahren Journalist. Haben Sie sich sehr verändert?

Ich glaube, ich bin mir immer treu geblieben. Das können Sie schon daran ablesen, dass ich selbst für meine neuesten Bücher auf Zeitungsartikel zurückgreifen kann, die ich in den fünfziger Jahren geschrieben habe .

Böse Zungen behaupten, der Scholl-Latour hat in fünfzig Jahren nichts dazu gelernt.

Im vergangenen Jahr ist mein Buch „Der Fluch des Jahrtausends" erschienen, eine Sammlung von Artikeln aus den letzten fünf Jahren für die „Schweizer Illustrierte“, für die ich seit Jahrzehnten schreibe. Ich konnte alles so lassen, wie es war. Es mag anmaßend klingen, aber ich behalte nun einmal oft Recht.

Haben Sie vielleicht davon profitiert, dass die Tricks der Mächtigen und der Schurken über die Jahre gleich geblieben sind?

Das Niveau hat stark nachgelassen. Aber auch die europäische Politik ist auf einem Tiefpunkt angekommen. Sehen Sie sich zum Beispiel die aktuelle deutsche Politik an. Das war unter Helmut Kohl noch anders, der übrigens die Laudatio bei der Präsentation meines Buches halten wird .

Ist Helmut Kohl nach der Spendenaffäre noch ein Ehrenmann für Sie?

Kohl hat zweifellos gegen das Gesetz verstoßen. Aber er hat sich würdevoll verhalten. Unwürdig waren die Leute, die das Geld gegeben und sich nicht gemeldet haben.

Warum kommt Kohl zu Ihnen?

Ich habe ihn gefragt, ob er sprechen will. Ich kenne ihn ja schon lange. Es gab zwar mal eine Missstimmung zwischen uns, als ich Chefredakteur des „Stern“ war. Aber wir haben uns wieder angenähert. Es gibt da etwas, das Sie mit Ihren jungen Jahren noch nicht begreifen können: die Solidarität der alten Männer. Die habe ich jetzt auch wieder bei Dreharbeiten in Vietnam erfahren. General Giap, einer der ganz großen Strategen des Vietnam-Krieges, der Napoleon der Neuzeit, 93 Jahre alt, hat mir die Hand gedrückt und auf die Schulter geklopft, als wir uns vorgestellt wurden. In Hanoi habe ich mich auf eine Bank gesetzt, auf der ein paar alte Männer saßen: Wir haben uns freundlich angeguckt.

Wollten Sie überhaupt Journalist werden?

Ich hatte Glück. Mein erster Artikel überhaupt erschien auf der ersten Seite von „Le Monde“, damals eine der großen Zeitungen der Welt. Dabei hatte ich eigentlich gar nicht vor, Journalist zu werden. Dann kam ich zur „Saarbrücker Zeitung“. Als der damalige Chefredakteur, Graf Montgelas, hörte, dass ich streng katholisch erzogen worden war, hat er mich gleich als Volontär eingestellt. Die „Saarbrücker Zeitung“ hat mir die Gelegenheit gegeben, die Welt zu bereisen. Und das entsprach genau meinen Wünschen.

Ihren Durchbruch erlebten Sie aber relativ spät.

Ich war 36, als die Kongo-Krise ausbrach. Wie es das Schicksal wollte, war ich der Einzige, der von dort berichtete. Ich war damals jeden Abend im Radio zu hören. Die Leute hingen an den Lautsprechern. Trotz meiner nasalen Aussprache. Dann kam das Angebot der ARD, Afrika-Korrespondent zu werden: Afrika von Algier bis zum Kap der guten Hoffnung. Das war eine sehr schöne Zeit. 1963 hat mich der WDR nach Paris geschickt, um das dortige Fernsehstudio der ARD zu gründen. Ich habe mich gefragt, wie mich die Leute wohl aufnehmen würden, vor allem meine Stimme. Aber es hat von Anfang an funktioniert. Dann ging es nach Vietnam, und ich kam in den Genuss dessen, was die Engländer „the sweet smell of success“ nennen, den süßen Geschmack des Erfolgs. Später wechselte ich als Chefkorrespondent zum ZDF, mit allen nur möglichen Freiheiten. Sie können sich vorstellen, wie viele Freunde ich hatte.

Sie waren immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Aber Sie müssen auch einen Instinkt dafür haben. Dass sich die UdSSR auflösen würde, habe ich schon relativ früh gemerkt, nämlich als ich den Kaukasus besuchte. Keiner der Moskauer Korrespondenten von ARD oder ZDF war zu der Zeit dort. Ich war der Erste.

Reizt Sie die Krise in Haiti gar nicht?

Ich würde gern nach Haiti fahren, wenn ich Zeit hätte. Eines der ärmsten Länder, aber auch eines der liebenswürdigsten. Ich ginge gern in Begleitung französischer Elitesoldaten dahin, die wissen, was zu tun ist. Ich kenne Haiti gut, auch Papa Doc, neben dem ich mal gesessen habe.

Sie kennen fast alle Schurken dieser Welt.

Das hat wohl seine Ursprünge in meiner Kindheit. Als ich Kind war, hatten wir einen Chauffeur aus Polen. Ich habe diesen Mann über alles geliebt. Später hat sich dann herausgestellt, dass er seine Frau umgebracht hat.

Haben sie den Schurken dieser Welt auch mal Ihre Meinung gesagt?

Im Allgemeinen sind Staatsmänner nicht so veranlagt, dass sie um Rat fragen. Außerdem ist das nicht meine Aufgabe. Ich bin kein Tugendwächter .

Was bekommen wir in Deutschland überhaupt noch von der Welt mit?

Im Zeichen der Globalisierung findet eine unglaubliche Provinzialisierung statt. Dosenpfand und LKW-Maut sind doch keine Weltereignisse. Sie werden aber bei uns so behandelt. Von unseren Soldaten in Afghanistan, die in akuter Gefahr sind, redet kein Mensch .

Brauchen wir Kriege, um wachgerüttelt zu werden?

Wir haben eine falsche Optik, weil wir seit sechzig Jahren in Frieden und Wohlstand leben, eine absolute Ausnahme in der Weltgeschichte. Aber wir werden vom Krieg eingeholt werden, da dürfen wir uns keine Illusionen machen. Ewige Sicherheit gibt es nicht.

Sind Sie verbittert?

Überhaupt nicht. Ich pflege eine grimmige Heiterkeit. Aber man darf doch die Augen nicht vor der Wirklichkeit verschließen.

Was hat Sie in Ihrem Leben am meisten geprägt?

Vielleicht die katholische Kirche. Und die Heiligen, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Im Dritten Reich zum Beispiel war das ein Geistlicher, der es während der Diktatur in einem kleinen katholischen Internat gewagt hat, die Briefe des Bischof von Galen zu verlesen. Der Mann hat seinen Kopf riskiert. Oder die Nonnen, die mir zu essen gegeben haben, obwohl sie selbst kaum etwas hatten. Oder der französische Kommunist, den seine Partei nach Nazi-Deutschland geschickt hatte, um Sabotage zu verüben. Das waren Helden.

Haben Sie viele idealistische Menschen getroffen?

Einige. Aber ich würde sie nicht idealistisch nennen, sondern gute Menschen. Idealismus kann ja furchtbar in die Irre führen. Es gab auch idealistische Nazis .

Sie selbst waren nie Idealist?

Es gibt eine Sache, für die ich sterben würde: meine Würde. Ein Begriff, der in Europa verloren gegangen ist. Den Sie aber im Orient noch finden. Mein Vater hat mir, als ich in das wehrfähige Alter kam, gesagt, wenn du beim Militär bist, melde dich zu allen Unternehmungen. Aber wenn es gilt, jemanden zu erschießen oder gegen Zivilisten vorzugehen, melde dich krank. Das war ein guter Rat. Peter Ustinov hat einmal gesagt, eine Brutalität sei nicht so schlimm wie die Verletzung der Würde. Das sehe ich ganz genau so.

Haben Sie sich einmal für eine ungerechte Sache eingesetzt?

Ich habe mich für wenig Sachen eingesetzt, aber nie für eine ungerechte .

Sie sind Deutscher und Franzose. Wenn sie sich entscheiden müssten, welches Land würden Sie wählen?

Das Land, das meinen freiheitlichen Vorstellungen am ehesten entspräche. Aber eine derartige Entscheidung werden wir nicht mehr treffen müssen. Was uns fehlt, also Deutschen und Franzosen, ist der Krieg, den wir gemeinsam hätten führen müssen. Dann wäre aus den beiden Ländern schon längst eine Einheit geworden. So wie das Deutsche Reich erst in den Schützengräben entstanden ist.

Bei Ihnen ist kein Glück ohne einen Tropfen Blut zu haben.

Ich glaube nicht an das amerikanische Prinzip des „pursuit of happiness“. Mir ist eingebläut worden, dass die Welt ein Tal der Tränen sei. Der Mensch ist nicht gut, der Mensch muss erzogen werden. Ich selbst habe allerdings in meinem Leben viel Glück gehabt. Aus vollem Herzen könnte ich wie der britische Oberst in dem Film „Die Brücke am Qwai“ sagen: „It was a good life“. Der Mann flog zwar mitsamt der Brücke in die Luft, gleich nachdem er das gesagt hatte, aber immerhin .

Das Gespräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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