Medien : „Ich bin bereit, jederzeit!“

Wenn Kinder wählen könnten, würden sie „Spongebob“ wählen. Denn er ist ein Kinder-Versteher

Sören Kittel

Würden wir das Wahlrecht auf drei Jahre herabsetzen, hätten wir wahrscheinlich schon jetzt einen Kanzler: Faustgroß, sehr saugfähig und sein Lieblingssatz wäre „Ich bin bereit, jederzeit!“. Jüngst-Wählerinnen und Wähler entschieden sich kürzlich per Mausklick mit 88-prozentiger Mehrheit für Spongebob- Schwammkopf als Kanzler.

Die Idee zu dieser Internet-Wahl hatte der neue Kindersender Nick. Und das Ergebnis wird den Programm-Machern gefallen haben. Für Nick ist der quirlige Zeichentrickschwamm mit dem komplizierten Namen eines seiner wichtigsten Zugpferde beim Wiedereinstieg in den Markt. 1998 musste Nickelodeon in Deutschland aufgeben.

Kurz danach produzierte der amerikanische Muttersender und dortige Marktführer die Serie „Spongebob Squarepants“ zum ersten Mal. Die Idee dazu hatte Stephen Hillenburg, ein Meeresbiologe mit zu viel Fantasie. Er verlegte sich Ende der 90er nur noch auf das Zeichnen und erfand den Seeschwamm (engl.: sea-sponge), der in einer Ananas lebt. Gelb, eckig, mit rotem Schlips und blauen weit offenen Augen. Spongebob arbeitet in einem Fast-Food-Restaurant und verbringt seine freie Zeit damit, anderen Bewohnern von Bikini Bottom auf den Geist zu gehen. Einzig die Hausschnecke Gary nimmt alles gelassen und sagt nur einmal pro Folge „Miau“.

Absurd? Glaubt man der Medienexpertin Maya Götz geht es genau darum. „Spongebob passt doch wunderbar in die Zeit“, so die Münchner Wissenschaftlerin. Während Serien wie „Simpsons“ oder „Angela Anaconda“ noch auf längere Entwicklungen von Geschichten setzten, ginge es bei Spongebob viel unmittelbarer zu. „Seine Stimme klingt komisch, er sieht komisch aus und macht lustige Bewegungen – Kinder lieben Humor im Bild.“ Zudem dauern die einzelnen Folgen nur etwa zehn Minuten, gerade genug für Kinder. Und dass unter Wasser mit grellen Farben nicht gespart werden muss, hat schon der Film „Findet Nemo“ eindrucksvoll bewiesen.

Die Sechs- bis Zwölfjährigen wählten „Spongebob“ vor einem Jahr zur beliebtesten Kindersendung Deutschlands. Laut Quotenanalyse erreicht „Spongebob“ genau in dieser Altersgruppe Marktanteile von bis zu 50 Prozent. Im Durchschnitt schaltet jeder dritte Fernsehzuschauer zwischen drei und 13 Jahren täglich zum gelben Schwamm.

In sieben Jahren wuchs ein kleines Imperium um den Krabbenburger-Brater: Neben den 80 Folgen auf DVD gibt es mittlerweile einen Kinofilm, eine Hörspielreihe und ein eigenes Magazin, das monatlich über 120000 Exemplare verkauft. Solch ein Erfolg war 1999 noch nicht abzusehen. Deshalb verkaufte Nickelodeon die Serie an den Kölner Sender Super RTL.

Ganz ähnlich verlief es bei den Serien „Blue’s Clues – Blau und Schlau“ und „Jimmy Neutron“. Alle drei werden momentan parallel auf beiden Sendern ausgestrahlt. Speziell bei „Spongebob“ haben sich die Programm-Zuständigen jedoch offensichtlich einen Plan gemacht: Wochentäglich läuft die Serie ab 18 Uhr 45 auf Nick. Wer danach auf Super RTL schaltet, sieht eine Doppelfolge „Spongebob“ bis 20 Uhr 15. Direkt im Anschluss wiederum läuft eine weitere Episode auf Nick. „Spongebob“ also täglich abendfüllend.

Kein Wunder, dass inzwischen fast 90 Prozent der Kinder zwischen drei und 13 Jahren die Figur kennen. Die Wirtschaft freut’s: Der Verband für Medienlizenzen und Marken (LIMA) wählte Spongebob zum „Lizenzthema des Jahres 2003“ und ist auch für 2004 wieder nominiert. In den Geschäften liegen mittlerweile über 140 Produkte, von denen der Schwamm grinst. „Lizenz-affin ist aber heutzutage beinahe jede neue Serie“, sagt Medienwissenschaftlerin Maya Götz. Der „Kommissar Rex“ sei eine der letzten Fernsehfiguren gewesen, die nur schwer vermarlten ließen. Keineswegs, weil mit der Sat-1-Serie etwas nicht stimmte, sondern „weil sich e in Schäferhund schlicht nicht lizensieren lässt“.Deutsche Schäferhunde sehen sich einfach zu ähnlich. Und eine Partnerin hat der Hund auch nicht.

Spongebob schon. Für Mädchen gibt es in Bikini Bottom das Unterwasser-Eichhörnchen Wendy. Sie kann Karate, baut Raketen und ist Spongebob eigentlich in allem voraus. Einmal will er sie in ihrer Wohnung, einer belüfteten Glasglocke, besuchen. Als er dort dann ohne Wasser beinahe erstickt, ist er zu schüchtern, um nach Hilfe zu fragen. „Typisch“, findet Medienexpertin Götz: „Die Lebensumstände von Wendy betonen die Unterschiede beider Welten. Jungs und Mädchen erleben sich in diesem Alter als fundamental anders.“ Und fühlen deshalb mit dem Schwamm.

Erwachsene sind von den schnellen Schnitten und den absurden Witzen häufig irritiert. Damit diese nicht entnervt abschalten, haben sich die Drehbuchautoren des so genannten Double-Codings bedient. Das heißt: Die Figuren sind kindgerecht, die Inhalte richten sich aber an ein älteres Publikum. Und richtig – etwas mehr als ein Drittel der „Spongebob“-Zuschauer sind Erwachsene. Für sie sind Parallelen zur Welt über der Wasserkante eingebaut. Spongebobs Heimat heißt „Bikini Bottom“, wie das Atoll, wo Amerikaner in den 60ern Atomversuche unternahmen. Und wenn Spongebob einmal streikt, dann wird von „Kapital“ und der „Masse“ geredet. In einer Folge will ein kleines Planktonwesen, mit „nuklearem Waffenarsenal“ die Herausgabe eines Geheimrezepts erzwingen.

So will die Serie einerseits nur lustig sein und greift andererseits auch Themen wie Freundschaft, Gerechtigkeit oder Toleranz gegenüber anderen kindgerecht auf. Und Eltern lehrt es vor allem Geduld. Denn wie Kinder es selbst manchmal sind, ist Spongebob laut, naiv und macht hartnäckig immer dieselben Fehler. Wie ein richtiger Kindermedien-Kanzler eben.

„Spongebob“, Montag bis Freitag, 19 Uhr 15 bei Super RTL. 18 Uhr 45, 20 Uhr 15, sowie 13 und 14 Uhr bei Nick. Am Sonntag, 25. September, eine Sondersendung von zwei Stunden

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