Medien : „Ich bin der Kellner“

Der künftige „Tagesthemen“-Moderator Tom Buhrow über Nachrichtenpräsentation, Amerikas Außenpolitik und Bob Dylan

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In einem halben Jahr lösen Sie Ulrich Wickert als Moderator der „Tagesthemen“ ab. Wird es Ihnen langsam unheimlich?

Jeden Morgen beim Aufwachen bin ich ein bisschen angespannt. Ich werde in den Job reinwachsen, klar, aber es ist eine Umstellung. Ich habe zum Beispiel immer gedacht, die Verabschiedung sei bei einer Nachrichtensendung nicht besonders wichtig, merke aber, wie wichtig das vielen Zuschauern ist. Die „Tagesthemen“ beschließen ja für viele den Tag. Die Leute erwarten, dass Ulrich Wickert ihnen noch einen geruhsamen Abend wünscht. Viele fühlen sich sogar unwohl, wenn er es einmal nicht sagt.

Als „Tagesthemen“-Moderator muss man mehr sein als ein guter Journalist.

Man ist der Begleiter der Menschen, fasst den Tag zusammen. Bisher trete ich ja nur auf, wenn irgendetwas Wichtiges passiert ist. Da ist klar, was zu sagen ist. Wenn man im Studio in Hamburg sitzt, ist es ruhig und kalt, und man muss die Verbindlichkeit in der Situation erst herstellen. Ich stelle mir den Unterschied immer so vor: Bislang stehe ich in der Küche, dann bin ich der Kellner.

Eine Kollegin hat einer Zeitung schon Ihre Abschiedsfloskel verraten: „Tschö“.

Weil ich Rheinländer bin. Das meinte sie aber nicht ernst. Bei einer Nachrichtensendung muss man mit einer Standardfloskel sehr aufpassen. Sie muss auf alles passen: auf einen Krieg, einen Brand, die Fußballweltmeisterschaft. Wickerts „geruhsame Nacht“ ist wirklich ungefährlich. Ich werde ein bisschen experimentieren. Mal gucken, ob sich da etwas herausschält.

Mit welcher Haltung wollen Sie denn die Nachrichten präsentieren: Mit leichter Ironie wie Anne Will oder mit weltpolitischer Verve wie Claus Kleber?

Mein berufliches Mantra ist, dass man sich selbst treu sein muss. Ich habe als Nachrichtenredakteur hinter den Kulissen beim WDR angefangen. Da schlägt mein Herz: der Aufbau von Nachrichten, die fünf Ws: Wer macht was, wann, wo und warum. Wenn es zum Thema passt, kann Ironie auch ein Mittel sein: richtig dosiert. Ich will viel erklären und wenig voraussetzten. Man darf nur nicht zum Märchenonkel werden.

Die wirklich erfolgreichen deutschen Nachrichtenmoderatoren haben auch menschlich ein klares Profil: Marietta Slomka ist die Kühle, Anne Will die Rheinländerin.

Die Rollen kommen von außen: Was die Leute in der Person zu erkennen glauben.

Aber man braucht Charisma als sehr guter Moderator, und das speist sich auch aus Niederlagen, Brüchen im Leben. Bei Ihnen lief immer alles ganz glatt.

Im Nachhinein liest sich mein Lebenslauf super, aber mein Anfang im Journalismus war sehr zäh. Ich fing im WDR-Regionalmagazin „Aktuelle Stunde“ beim fünfminütigen Weltnachrichtenblock an. Dort fiel man nur auf, wenn man etwas falsch machte. In der Hackordnung waren wir ziemlich unten. Ich hatte vor, dort anderthalb Jahre zu bleiben, aber weil man sich da nicht profilieren konnte, wurde ich 30, 31, 32 und saß immer noch da. Ich spürte bei einigen Kollegen Herablassung. Damals habe ich Moderationsseminare belegt, mich hinter den Kulissen vorbereitet, falls ich einmal eine Chance kriege. Und als dann die Chance kam, war ich innerlich und handwerklich so weit.

Sie waren schon immer sehr ehrgeizig.

Ich war kein grandioser Student. Mir war die Uni zu verkopft. Ich habe schon vorher bei der Siegburger Lokalredaktion des „Bonner Generalanzeigers“ gearbeitet, da wollte ich wieder hin. Ich wusste, nach dem Diplom geht es normal weiter. Da muss man sich nicht mehr verstellen und großspurig daherreden.

Sie sprechen vom Anfang der 80er an der Uni Bonn, wo Sie Politik und Geschichte studierten. Das war die Zeit der langen politischen Debatten, der Anti-Atomkraftbewegung …

... ja, und des Natodoppelbeschlusses. Auch auf den Friedensdemos habe ich das Gelaber nicht ausgehalten. Ich habe mir nur die Bands angeguckt.

Sie sind politisch eher konservativ?

Ich bin politisch relativ leidenschaftslos. In der Schule war ich mal in so einem marxistischen Club, was meinen Vater aufgeregt hat, denn meine Familie ist katholisch. Mein Vater war in der CDU. Da bin ich auch oft mitgegangen. An der Uni hat mich immer stutzig gemacht, dass Leute, die so große Individualisten sein wollten, alle zu den gleichen Schlüssen kamen: Dass Daimler kollektiviert werden soll zum Beispiel, oder die Atomkraft ganz abgeschafft.

Gab es etwas, womit Sie sich damals identifizierten?

Mit Musik. Mein Idol ist Bob Dylan. Der hat auch unheimlich viele Phasen durchlaufen, auch viele Irrungen und Wirrungen: eine christlich-fundamentalistische Phase, eine jüdische Phase, eine Anarchophase. Es gibt eine Liedzeile bei Bob Dylan: Alle Wahrheit dieser Welt zusammengenommen ergibt doch nur eine einzige große Lüge. Das sehe ich genauso. Ich kenne Leute, die sind theoretisch die größten Weltverbesserer, und im Kleinen praktizieren sie die schiere Menschenverachtung.

70er-Jahre-Musik, Bob Dylan, ist so ziemlich das Gegenteil von den „Tagesthemen“.

Ja, absolut. Man ist kein DJ.

Den Musikern der 70er ging es um die größtmögliche Freiheit. Wer die „Tagesthemen“ präsentiert, ist nicht besonders frei, dafür wichtig.

Ich fühle mich sehr frei. Max Frisch hat gesagt, Freiheit geht im Moment ihres Vollzugs verloren. Im Moment, in dem ich mich für etwas entscheide, habe ich mich gegen etwas anderes entschieden. Aber ist man deshalb unfrei? Ich habe mir diesen Beruf ausgewählt. Und weil ich das getan habe, nehme ich alles an, was damit einhergeht. Mit Rockmusik rebelliert man als Pubertierender, löst sich vom Elternhaus und den Lehrern. Irgendwann ist man dann erwachsen und selbst am Drücker.

Wie würde der 17-jährige Buhrow mit dem 47-jährigen Buhrow klarkommen?

Sehr gut. Ich wollte damals nach Amerika, viel erleben. Aber irgendwann, das wusste ich schon, wollte ich ganz unspektakulär eine glückliche Familie haben. Der amerikanische Traum: viele Kinder und einen Hund. Dieses leichte Chaos, was in Familien ist, mochte ich immer.

Sie haben mal gesagt: Ich liebe Amerika.

Ja, ich habe die Menschen dort als unheimlich gastfreundlich erlebt. Amerikaner urteilen nicht gleich über andere Menschen, sondern man wird erst mal komplett angenommen. Das steckt, glaube ich, in deren Genen. Bis zum Beweis des Gegenteils ist man erst einmal okay.

Die Deutschen haben ein Problem damit, zu sagen, dass sie ihr Land lieben.

Ich nicht. Die deutsche Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit – das finde ich irgendwie positiv. Ich liebe an Deutschland auch die Vielfalt: die Dialekte, die Küche, die Landschaften.

Nervt Sie der Antiamerikanismus der Deutschen?

Nein. Ich persönlich unterscheide aber zwischen Regierung und Volk. Um es extrem zu verdeutlichen: Wenn uns Fremde gleich auf Hitler ansprechen und in Mithaftung nehmen, finden wir das doch auch nicht richtig. Für mich gilt zunächst die Unschuldsvermutung. Ein Amerikaner ist erst mal kein Mini-Bush, sondern einfach ein Amerikaner.

Als Amerika-Korrespondent haben Sie die Mittlerrolle. Wie stehen Sie zu Bush?

Ich bin seiner Außenpolitik gegenüber im Großen und Ganzen sehr kritisch eingestellt, aber auch in dem Fall gilt: Das hat in meinen Berichten nichts verloren. Ich trenne das total. Wenn ein Arzt Bush operiert, darf es auch keine Rolle spielen, ob der nun für oder gegen Bushs Außenpolitik ist. Sein Handwerk ist, Menschen zu heilen, wenn sie krank sind.

Wickert kann man politisch verorten. Gilt Ihr Neutralitäts-Gebot auch für Ihre Arbeit als Moderator der „Tagesthemen“?

Ja. Privat regt einen politisch manches auf, klar. Aber das hat in den Nachrichten überhaupt nichts verloren. Meine Meinung ist nicht ausschlaggebend.

Wie ist denn grundsätzlich Ihr Weltbild – optimistisch, pessimistisch? Fliegt uns in den nächsten Jahrzehnten alles um die Ohren, oder passiert letztlich doch nichts?

Ich bin eher ein Optimist. Es ist zwar ein Wahnsinn, die Daten über die Erderwärmung nicht ernst zu nehmen, aber das heißt nicht unbedingt, dass die Welt absäuft. Wir sind eine anpassungsfähige Spezies. Ich glaube, je medialer wir Deutschen vernetzt sind, je mehr Informationen wir kriegen, desto hysterischer werden wir. Mir ist irgendwann klar geworden, dass ich selbst sterben werde. Von da an dachte ich: Ob ein Atomkraftwerk neben dir in die Luft fliegt oder nicht, ob eine Atombombe über dir explodiert oder nicht, du stirbst ja sowieso. Das mildert die ganz persönliche Angst. Da man sowieso stirbt, ist für einen selbst ja fast egal, wie.

Das Interview führte Barbara Nolte.

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