Medien : „Ich bin ein zorniger alter Mann“

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Herr Kolle, Sie haben sich als Journalist, Buchautor und Filmemacher zeitlebens mit Sexualität und Liebesbeziehungen anderer Leute beschäftigt. In dem WDR-Fernsehfilm „Kolle – ein Leben für Liebe und Sex“ sind nun Sie selbst und Ihr Intimleben Objekte der medialen Betrachtung.

Ich war immer sehr offen, was meine eigene sexuelle Karriere betrifft und habe sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben. Als junger Mensch habe ich mich oft darüber geärgert, dass die meisten Sexualforscher über das Thema Sex schrieben, als hätten sie mit der Sache persönlich gar nichts zu tun. Meine Offenheit war aber auch eine bewusste Strategie gegenüber den Medien. Als ich mit meinen Filmen bekannt wurde, war meiner Frau und mir klar: Entweder wir lügen über unsere offene Ehe, dass sich die Balken biegen. Dann bekommen wir die ganze Journaille auf den Hals gehetzt, und hinter jedem Busch sitzt ein Fotograf, der guckt, ob sie einen Freund hat oder ich eine Freundin. Oder man ist offensiv und kann so den Informationsfluss mit kontrollieren.

Klingt nach einer kalkulierten Beziehung zur Presse.

Für das, was ich erreichen wollte, brauchte ich die Medien. Weil sie eine Umbruchstimmung und zusätzliche Aufmerksamkeit für meine Aufklärungsthematik förderten.

In „Kolle – ein Leben für Liebe und Sex“ werden Originalausschnitte aus Ihren Filmen „Das Wunder der Liebe – Sexualität in der Ehe“ und „Zum Beispiel Ehebruch“ gezeigt, die Ihre Aufklärungsbemühungen zum Teil komisch, beinahe ironisch anmuten lassen.

Das finde ich völlig normal. Diese Filme sind jetzt 30 Jahre alt und das Interessante ist doch ihre historische Bedeutung: Sie haben etwas bewegt in der öffentlichen Wahrnehmung, auch bei der Zensur. Ich habe damit Türen aufgestoßen, durch die tolle Leute gegangen sind: Claude Lelouch konnte plötzlich Filme machen, in denen Sexualität sehr frei dargestellt wurde. Und Andy Warhol kam mit einem irrsinnigen Film raus, bei dem die Freiwillige Selbstkontrolle nicht mehr so streng war. Aber es sind auch alle möglichen schrecklichen Leute durch diese Türen gegangen und haben Filme wie „Schulmädchen-Report“ gemacht.

Sehen Sie sich als eigentlichen Wegbereiter der sexuellen Revolution in Deutschland?

Ich war ja nicht allein: Frauenbewegung, die 68er, das alles hat ineinandergegriffen. Trotzdem waren meine Filme damals eine absolute Sensation – weltweit. Die Amerikaner und die Engländer wollten sie nicht und haben verrückt gespielt; in Frankreich hat Madame de Gaulle die Filme mit einer eigens mitgebrachten Nagelschere zerschnitten, und der Polizeipräsident von Zürich war der Meinung, man müsse sich doch wohl nicht von einem Deutschen erklären lassen, wie sich der Schweizer im Bett zu verhalten habe. Eine absolut wahnwitzige Situation.

Trotzdem wurden Sie von den liberalen 68ern als Vorreiter einer sexuellen Befreiung nicht anerkannt.

Die Linke wollte die totale Revolution und die gesamte Sexualmoral verändern. Sie hat sich hauptsächlich an Studenten gewandt. Ich dagegen wollte den eher unaufgeklärten Teil der Bevölkerung ansprechen und die Leute da abholen, wo sie waren. Reimund Reiche, der Sexual-Chefideologe der linken Bewegung, ist in „Konkret“ deswegen regelmäßig über mich hergefallen. Doch zu meinem 60. Geburtstag hat er in einem Interview tatsächlich zugegeben, dass ich in Wahrheit mehr erreicht hätte in der sexuellen Befreiung als damals die linke Bewegung.

In welchem Verhältnis stehen Sie zu den beiden anderen Größen der sexuellen Liberalisierung in Deutschland, Alice Schwarzer und Beate Uhse?

Beate Uhse habe ich immer sehr gemocht. Aber natürlich gibt es einen Unterschied zwischen uns: Ich wollte die Leute aufklären, Beate wollte sie beliefern. Und mit Alice bin ich gut befreundet. Die Talkshow-Moderatoren dachten immer, wenn sie uns zusammen einladen, bekommen sie einen großen Kampf geliefert. Das war aber nie so. Nur über Porno haben wir uns gestritten. Ein Thema, das sie überbewertet und ich vielleicht unterbewertet habe.

In der Presse wurde gegen Sie damals der Vorwurf erhoben, sie würden Sexualität ausschließlich als Leibesübung propagieren und zum Leistungsprinzip erheben.

So etwas ist mir nur von totalen Idioten vorgeworfen worden, die behaupteten, ich hätte den „Stellungskrieg“ gefördert und solche Sachen. Dabei habe ich nur ein einziges Mal in einer Illustrierten über Stellungen geschrieben – als Hilfe für Menschen mit körperlichen Gebrechen. Danach wurde ich ständig von Journalisten nach Stellungen befragt. Daran sehen Sie, wie ein öffentliches Image entsteht. Irgendwann habe ich denen dann nur noch geantwortet: „Wenn Sie etwas über Stellungen wissen wollen, gehen Sie lieber zum Arbeitsamt.“

Wie gefällt Ihnen die Darstellung von Sexualität in den Medien heute, beispielsweise mit Blick auf die so genannte „Luder-Fraktion“?

Ich finde diese Medienbegriffe diskriminierend. „Luder“ – so eine Bezeichnung regt mich auf. Oder auch der Umgang mit Alterssex. Vor kurzem sah ich eine Sendung, in der es um ältere Männer mit jüngeren Partnerinnen ging. Ralph Siegel wurde da als „Lustgreis“ bezeichnet. Der 56-jährige Herr Siegel: ein Lustgreis? Die Medien gehen unverantwortlich mit solchen Ausdrücken um. Und als Viagra aufkam, schrieb eine Autorin im „Stern“ sinngemäß, die alten Böcke mit ihrem schlabbernden Gehänge sollten gefälligst die Finger vom Sex lassen. – Unfassbar!

Gibt es heute noch Dinge, für die Sie sich öffentlich einsetzen?

Ich war kürzlich bei „Maischberger“ und habe mich für die Homo-Ehe ausgesprochen. Denn es ist eine Verletzung der Menschenwürde, dass man Homosexuellen verweigert zu heiraten. Solange das so ist, muss ich sagen: Ich war früher ein zorniger junger Mann, heute bin ich ein zorniger Alter.

Das Gespräch führten Iris Ockenfels und Stephan Alexander Weichert.

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