Medien : Ich bin eine Kleinanzeige

Sarah Kuttner sucht die Menschen im Kleingedrucktem, im Bordell und in Rantrum

Joachim Huber
Sarah Kuttner SWR/Mathias Schoeningh (ddp)
Erst wird gelesen, dann wird gereist. -SWR/Mathias Schoeningh (ddp)

Geht doch jedem so. Wer Kleinanzeigen liest, kommt aus dem Staunen oft nicht mehr heraus. Wer ist das, der das will, und warum zum Teufel will er das? Sarah Kuttner ist vom Südwestrundfunk engagiert worden, den Menschen und seine Geschichte hinter dem Kleingedruckten zu recherchieren. Kuttner, bisher verbucht unter ewiges Fernsehtalentchen, fährt also mit der Kamera im Rücken durch Deutschland. In Thuisbrunn trifft sie eine Frau, die ihren Esel wiederfinden möchte – ob’s ihm gut geht, das allein ist das Ziel der Kleinanzeige. In Saarbrücken sucht eine Bordellbesitzerin ihr Etablissement abzustoßen, sie ist Kolumbianerin. möchte in die Heimat zurück und „alles vergessen“. In Stuttgart ist die kleinste Bibel der Welt zu erwerben, in Rantrum will ein 17-jähriger Nordfriese ein (versifftes) Katzenklo gegen ein Pfund milden Kaffees tauschen.

Schauplatz der Begegnung ist fast immer das Wohnzimmer, in das Kuttner mit dem Spruch „Kann ich reinkommen?“ reinfällt. Die Berlinerin staunt viel über das, was sie sieht und hört, sie macht ein paar halbfreche, hin und wieder selbstironische Anmerkungen; was sie vermeidet, ist der Verrat ihrer Personen an Spott und Häme. Kuttner unternimmt Kleinstexpeditionen ins wahre deutsche Leben hinter unscheinbaren Wohnungstüren, das Harmlose mischt sich mit dem Unerhörten. Der Zuschauer bekommt bei aller Kürze der vier Premierenbeiträge eine Ahnung davon, dass im Bieter und Tauscher mehr als das Bieten und Tauschen steckt. Das wird nur angerissen, weswegen die Phantasie des Publikums weit schweifen darf. Das geht bis zum Hilferuf per Kleinanzeige.

Wer Sarah Kuttner noch als Moderatorin von Viva und MTV oder als ARD-Reporterin bei der Fußball-WM 2006 kennt, der weiß, was hier die größte Gefahr ist: Selbstüberschätzung, die nicht als Selbstüberschätzung erkannt wird und folglich in schwerster Peinlichkeit endet. Hier, bei „Kuttners Kleinanzeigen“, personalisiert die schallgedämpfte Reporterin das Kleinstgedruckte auf kleinstem Raum.

Sarah Kuttner schafft, was die frühere Sarah Kuttner nie schaffte – sie weckt das Interesse für fremde Leute. Das ist alles andere als versteckenswert, das muss nicht am Sonntag um 23 Uhr 30 in der ARD-Rubrik „Junge Journalistin sucht jüngere Zuschauer, spätere Bindung nicht ausgeschlossen“ laufen. Joachim Huber

„Kuttners Kleinanzeigen“, ARD, 23 Uhr 30

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