Medien : „Ich bin eine Wanderheuschrecke“

Oliver Welke moderiert jetzt beim neuen Bundesliga-Sender Arena. Ein Gespräch über schöne Frauen, Wolfsburg und Old Shatterhand

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Hallo, Herr Welke, schon ordentlich Bammel vor der ersten Sendung?

Eigentlich nicht. Die ersten zwei Minuten werde ich vielleicht noch ein bisschen premierennervös sein, aber dann wird’s gehen. Aber das werden Sie, gemein wie Sie sind, vermutlich nicht gemeint haben.

Wir haben an das Publikum gedacht, das Ihnen ab dem 12. August im Nacken sitzen wird. 150 wildfremde Menschen. Oder lassen Sie nur handverlesene Klatschkader in Ihr mobiles Studio?

Natürlich, alles nur Frauen und nur die schönsten. Wir können doch so etwas Wichtiges wie Beifall nicht Amateuren überlassen. Dafür ist er uns viel zu wichtig. Mir vor allem.

Von Ihnen, Herr Welke, stammt der schöne Satz, die meisten Leute sehen eine Fußballsendung wegen des Fußballs. Wir sind zwar keine Frauen und auch nicht wirklich schön, aber wir müssen zugeben: sehr, sehr schön gesagt. Klasse.

Dieser Satz wird gern zitiert, ist aber natürlich, wie immer in diesen Fällen, völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Ich habe diesen Satz einem Kollegen von Ihnen ins Mikrofon gesprochen, der mich nach der Bedeutung von uns Moderatoren fragte. Auch wenn es natürlich sehr grausam für uns ist, muss man doch erkennen, dass die meisten Leute nicht wegen uns einschalten, wenn sie Fußball sehen wollen. Jetzt könnten Sie natürlich fragen, warum gehen Sie dann nicht nach Hause, wenn Sie schon so weise sind. Ich müsste Sie enttäuschen: Ich könnte Ihnen auch keine wirklich ernst gemeinte Antwort geben.

Ihre Kollegen und Sie, nichts als schmückendes Beiwerk? Etwas unbefriedigend.

Einer muss doch den Leuten sagen, warum es ein großer Fehler ist, sich ausgerechnet das nächste Spiel nicht anzusehen, und was sie da alles verpassen würden. Und nach dem Spiel muss ich den Zuschauern doch sagen, was sie alles möglicherweise nicht bemerkt haben. Sie sehen, vielfältige Aufgaben, die den ganzen Mann erfordern. Die Kür ist es, dabei authentisch und, wenn es sehr gut läuft, auch noch unterhaltsam zu sein. Mehr ist nicht drin.

Erheben wir Sie ein wenig. Zum Conférencier der Bundesliga.

Klingt gut. Das hat so was Peter-Frankenfeldhaftes. Das gefällt mir. Ich werd mir gleich ein kariertes Sakko zulegen.

Letzte Saison noch Champions League, jetzt Bundesliga. Ist das ein Abstieg?

Als ich von der Bundesliga in Sat1 zur Champions League gewechselt bin, haben Sie mich das auch gefragt. Sie werden sich entscheiden müssen. Ich finde nur schade, dass ich jetzt nicht mehr so viel reisen und ordentlich Spesen machen kann. Meinen letzten Geburtstag habe ich in Monaco gefeiert, London war auch nicht gerade billig, aber sehr schön. Jetzt heißt es eben: Hallo Wolfsburg.

Wir leiden mit Ihnen. Und es kommt noch dicker: Sie werden viel mehr arbeiten müssen.

Sie sagen es. In der Champions League hatte ich dreizehn Einsätze pro Jahr, jetzt werden es circa vierzig sein. In meinem Alter plötzlich noch mal arbeiten zu müssen, das tut schon weh.

Wird Arena viel anders machen als Premiere?

Premiere hat einen sehr guten Job gemacht, und wir wollen und werden daran anknüpfen. Wir können nur demütig und ohne jede Ironie sagen, wir wollen versuchen, diese Qualität zu erhalten. Wenn es geht, vielleicht noch etwas besser werden.

Die Fernseh-Fußballszene ist ja zurzeit mächtig in Bewegung. Und Sie immer mittenmang. Sind Sie eine Wanderheuschrecke des TV-Fußballs?

Ich bin bei Weitem nicht der Einzige, der wandert. Das gilt für viele meiner Kollegen. Wir sind ein großer Wanderzirkus, der dahin geht, wo die Rechte sind. Es treten im Großen und Ganzen immer wieder dieselben Artisten auf. Man trifft sich nicht nur zweimal im Leben. „Sportschau“ und Premiere bestehen zu großen Teilen aus ehemaligen Sat1–Kollegen.

Fußball auf allen Kanälen und jetzt auch noch im Internet. Das sollte doch nun langsam reichen. Oder ist anständiges Fernsehen ohne Fußball nicht mehr denkbar?

Es hat sich im Verhältnis zur letzten Saison doch gar nicht so viel verändert. Das DSF sendet ein bisschen später, die „Sportschau“ der ARD auch. Die einzige wirkliche Veränderung hat sich im Pay-TV durch den Wechsel der Rechte von Premiere an Arena ergeben. Ich glaube, dass die Ware Bundesliga insgesamt noch einmal an Gewicht gewonnen hat, auch wenn sich Herr van Nistelrooy gegen Bayern München entschieden hat. Es wird wahrscheinlich keine Fanmeilen in Aachen oder Cottbus geben, so viel Euphorie wäre dann vielleicht doch zu viel erwartet. Aber es wird doch einiges los sein. Das können Sie schon daran ablesen, dass die meisten Vereine der Bundesliga den Verkauf ihrer Dauerkarten gestoppt haben, weil sie überbucht sind.

Sind die Erwartungen in den Unterhaltungswert der Bundesliga nicht zu hoch?

Es wird weiterhin Grottenkicks geben, das ist klar. Aber wie es aussieht, hat die WM es geschafft, auch andere als die üblichen Fans für die Bundesliga zu begeistern. Wenn von denen nur ein kleiner Teil dabei bleibt, dann wäre das ja auch schon was. Und die Mädels, die nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft im Halbfinale gegen Italien leicht angeschickert in die Kameras kreischten, „ist ja nicht schlimm, dann werden wir eben im nächsten Jahr Weltmeister“, sind ja vielleicht auch noch lernfähig.

Lieber Hooligans als Frauen?

Nein, nein, nein. Ein Manager eines Bundesliga-Vereins hat neulich gesagt, es wäre schön, wenn mehr Frauen in die Stadien kämen, dann würden sich die Männer besser benehmen.

Gilt das auch für Moderatoren?

Natürlich. Je mehr Frauen hinter mir stehen, desto mehr Mühe gebe ich mir. Ist doch klar.

Werden wir Sie erstmals mit Krawatte erleben? Bei Premiere ging ja nichts ohne.

Auf keinen Fall. Wir tragen auch alle unterschiedliche Anzüge. Wie Sie sehen, legen wir bei Arena größten Wert auf Individualität.

Haben Sie überhaupt vor etwas Angst? Es kann doch bei so einem Neustart allerhand schiefgehen.

Ich habe mir in der heißen Phase der Vorbereitung drei Wochen Urlaub gegönnt, damit die Kollegen die Probleme, wenn es welche geben sollte, unter sich ausmachen können. Die meisten Kollegen kenne ich ja schon von früher, ich bin mir sicher, da wird nichts schief gehen. Und wenn doch, können sie mir ja eins auf die Mütze geben. Dafür hat man schließlich einen Moderator.

Keine großen Proben?

Wir sind ja schon ein halbes Jahr mit Vorarbeiten beschäftigt, also nicht ganz unvorbereitet. Trotzdem ist es ein Sprung ins kalte Wasser. Aber das macht die Sache für mich um so spannender.

Eine Umfrage hat ergeben, dass die meisten Fußballfans Jürgen Klopp, den Trainer von Mainz 05, bei den TV-Experten ganz vorne sehen. Sehen Sie das auch so?

Ja. Am meisten hat es mich allerdings gefreut, dass das ZDF überhaupt gewagt hat, ein neues Gesicht zu bringen. Es ist immer gut, wenn frisches Blut in den Zirkus kommt. Ich finde die Art, wie Jürgen Klopp Emotion und Analyse verbindet, sehr gut. Da können auch wir von Arena noch lernen. Es ist doch schön, wenn sich einer wie der Klopp einfach mitfreut, wenn er ein schönes Spiel sieht. Das macht dann auch dem Zuschauer Spaß.

Es gibt Gerüchte, dass Netzer und Delling aufhören könnten. Dürfen die das?

Auf gar keinen Fall. Die beiden sind für mich wie Winnetou und Old Shatterhand. Sie gehören dermaßen zusammen, die könnte man nur noch operativ voneinander entfernen. Und das darf man nicht. Auch wenn die beiden nicht mehr Fußball kommentieren sollten, dann werden sie auf jeden Fall etwas anderes zusammen machen, „Musikantenstadl“ oder „Tagesthemen“, egal. Darauf würde ich Geld wetten. Und wenn sie nicht mehr wollen, werde ich höchstpersönlich eine Unterschriftensammlung in Gang setzen.

Haben Sie bei der Initiative „Stoppt Beckmann“ unterschrieben?

Nein, davon halte ich gar nichts. Ich habe einmal bei Sat1 in dem Raum gesessen, in dem die Telefonate der Zuschauer während einer Sendung ankommen. Was ich da gehört habe, das reicht für zwei Leben. Ich kann nur sagen, Kommentatoren haben jeden Cent verdient, wenn man weiß, was sie da abbekommen. Der Zuschauer kann manchmal richtig fies sein.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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