Medien : „Ich bin ostalgisch“

WDR-Intendant Fritz Pleitgen über Ost-Shows und Stasi-Überprüfungen im RBB

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Herr Pleitgen, der Osten bekommt die OstalgieShows, der Westen die Stasi-Überprüfungen. Ist das gerecht?

Eine flotte Formel, die aber mit der Realität nichts zu tun hat. Ich kann die Aufregung über die Ostalgie-Shows nicht nachvollziehen. Man muss sie ja nicht einschalten.

Der Rundfunkrat des Rundfunks Berlin-Brandenburg will heute beschließen, dass die Mitarbeiter des ehemaligen SFB auf Stasi-Kontakte überprüft werden.

Ich kann verstehen, wenn RBB-Intendantin Dag mar Reim die ehemaligen SFB-Mitarbeiter ihres Senders überprüfen lässt. Es geht um Gleichbehandlung mit den Mitarbeitern des ehemaligen ORB. Wie jedermann weiß, war die Stasi nicht nur in der DDR aktiv, sondern auch im Westen, nicht zuletzt in Westberlin. In diesem Sinne habe ich für die ARD auch ein Gutachten angeregt, das die Aktivitäten der Stasi im Rundfunk in Deutschland generell untersuchen soll. Das Institut Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin steht kurz vor dem Abschluss der Studie.

Was wurde untersucht?

Die Strategien der Stasi, die Aktivitäten der Stasi gegenüber den in der DDR akkreditierten West-Journalisten, alles, was die Stasi im Westen unternommen hat.

Ihren eigenen Sender, den WDR, haben Sie nie überprüfen lassen?

Nein, Nordrhein-Westfalen war doch ziemlich weit weg von der DDR. Aber alle WDR- Mitarbeiter, die sich mit der DDR beschäftigten, werden von dem Gutachten der FU erfasst.

Ein SFB-Mann hat gesagt: Die angekündigte Stasi-Überprüfung sei eine weitere „Ossifizierung“ des RBB.

Erst einmal sollten Sie wissen: Osten ist für mich ein positiver Begriff. Ich kann deshalb mit Ihrer Formulierung von der Ossifizierung nichts anfangen. Ich finde den Osten per se positiv. Wir in der ARD wissen jedenfalls, was der RBB und der MDR für uns leisten. Beide Sender sind eine große Bereicherung.

Wenn die Überprüfung durch ist, sind wir dann auch das leidige Stasi-Thema los?

Es ist ja noch nicht einmal der Zweite Weltkrieg vollends aufgearbeitet. Die deutsche Teilung war ein ungeheurer Eingriff, unter dem viele Menschen gelitten haben. Was erwarten Sie also? Deckel zu? Die Untersuchung, die wir bei der FU in Auftrag gegeben haben, soll auch sicherstellen, dass spätere Generationen sich noch ein Bild davon machen können, was passiert ist. Sie sollen Lehren ziehen können, um gewappnet zu sein. Jeder muss für sich entscheiden, wie er mit der Vergangenheit, die ja immer auch Gegenwart und Zukunft ist, umgehen will. In diesem Licht finde ich die Entscheidung von Frau Reim richtig.

Kommt die Überprüfung nicht zur Unzeit? Wir erleben doch gerade die Verniedlichung der DDR via Ostalgie-Shows.

Glaube ich nicht! Es wird weiter ernsthafte Aufarbeitungen der deutschen Teilung geben. Erlauben Sie mir Reklame in eigener Sache. Sehen Sie sich meine Filme über ostdeutsche Regionen an, den nächsten am 28. Dezember über den Rennsteig in Thüringen – da verniedliche ich gar nichts. Die Ostalgie-Welle wird sich verlaufen. Wichtig ist, dass wir in unserer Normal-Berichterstattung die Verhältnisse so darstellen, wie sie wirklich gewesen sind. Und da sehe ich keine Gefahr.

Wer hat denn eigentlich diese Ostalgie-Welle losgetreten?

Das ist von uns Fernsehleuten erfunden worden. Irgendeiner hatte da eine Idee. Wichtig dabei sind die richtigen Relationen. Ob in der DDR tatsächlich blödere Schlager erfunden wurden als bei uns, das wage ich doch zu bezweifeln.

Sie waren dort, Sie haben aus der DDR berichtet. Sind Sie ostalgisch?

Warum nicht! Ich bin ostalgisch, wenn ich an die Landschaften, an die Geschichte, an die Kulturen und an viele Menschen denke, die ich dort kennen gelernt habe. Das gilt ganz und gar nicht für die politischen Verhältnisse in der DDR, wie Sie sich denken können.

Wann reden auch Sie nicht mehr vom Osten, wenn Sie Thüringen oder Sachsen meinen?

Sie sind es doch, die die ganze Zeit vom Osten reden! Westdeutsch, ostdeutsch, das ist für mich schon längst erledigt. Ich habe in meinen fünf Jahren DDR ein besonderes Verhältnis zum Osten Deutschlands entwickelt. Dies ist mein ganz persönlicher Vorteil. Ich sage nicht, ich fahre in den Osten, sondern ich sage, ich fahre nach Thüringen, Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

Sie mögen den Osten ja wirklich. Warum eigentlich?

Bevor ich in die DDR ging, hörte Deutschland für mich an der Elbe auf. Man musste mich damals regelrecht überreden, als Nachfolger von Lothar Loewe in die DDR zu gehen. Ich habe dann sehr viele Menschen getroffen, die mich tief beeindruckt haben. Ich habe ein Gefühl der Verbundenheit zu den Menschen in Ostdeutschland. Und das werde ich mir nicht nehmen lassen.

Das Gespräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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