Medien : „Ich bin spießig“

Der Fernseharzt Francis Fulton-Smith ist Liebling der Stunde und erzählt Anti-Bush-Witze

markus ehrenberg

Cola light? Was ist denn jetzt los? Seit wann bestellen Nicht-Models im Café Cola light? Der Schauspieler Francis Fulton-Smith ist wirklich nicht dick. Gut, aus nächster Nähe, im Interviewtermin wirkt er ein wenig dicker als jener Arzt Dr. Christian Kleist, der Woche für Woche acht Millionen Zuschauer vor den Bildschirm zieht. Neulich hat Fulton-Smith der „Bunten“ gestanden, dass er gerne zehn Kilo weniger hätte. Das ist kokett. Die Cola light kommt. Wahrscheinlich ist das der Serien-Arzt in Fulton-Smith. Der weiß, dass man mit zuckerfreier Cola länger lebt. Oder sollte man all die Rollenklischees vergessen und sich mit einem der am meisten unterschätzen deutschen Schauspieler über George W. Bush, Familie und Spießer unterhalten?

Ein Hotel in Berlin-Charlottenburg. Der in München lebende Schauspieler ist mit Freundin Verena auf Kurzvisite in der Hauptstadt. Francis Fulton-Smith erscheint pünktlich. Ja, es stimmt schon, was die bunten Blätter schreiben, Fulton-Smith sei der deutsche Pierce Brosnan. Ein Frauenschwarm. Aber einer, der es nicht zugibt. Britisches Understatement, auch in der Kleidung. Weißes Hemd, dunkles Jackett, strahlend-blitzende Augen, markante, kehlige Stimme, die ein wenig so klingt wie die von Hannes Jaenicke. Fulton-Smiths Terminplan ist eng. Interview mit der „Bunten“, Besuch bei „Beckmann“, Dreharbeiten für einen neuen Film in Salzburg, bald die Fortsetzung vom Erfolgsformat „Familie Dr. Kleist“, die Medien reißen sich um Francis Fulton-Smith.

Dabei hat der 38-Jährige schon 70 Filme gemacht. Er ist seit über zehn Jahren im Fernsehgeschäft, spielte in den Münchner Kammerspielen und an der Seite von Hanna Schygulla und Franz Xaver Kroetz. Doch erst der Dr. Kleist, der ARD-Serienarzt am Dienstagabend, spülte Fulton-Smith in die erste Reihe. Machte ihn quasi über Nacht berühmt, auch wenn er das gar nicht so gerne hören will. „Shooting-Star“ hat ihn Reinhold Beckmann neulich genannt, Sternschnuppe. „Das hat mich gewurmt.“ Fulton-Smith hat sich nichts anmerken lassen und Beckmann stattdessen einen Anti-Bush-Witz erzählt.

George W. Bush?

Wie kommt der da drauf? Wer ist Francis Fulton-Smith? Man denkt doch jetzt: Fernseharzt. Heile Welt. Klausjürgen Wussow, Rainer Hunold, Sigmar Solbach. Alles berühmte TV-Ärzte. „Wer damit im Fernsehen anfängt, hat sein Image weg.“ Er macht das anders: Er vergleicht die USA mit dem untergehenden Römischen Reich, er spricht bei seinem Beruf von „gesellschaftlicher Verantwortung“, er begreift den Personenrummel als Illusion, er hat „keinen Bock auf Jahrmarkt der Eitelkeiten“. Ihm ist wichtig, dass der erfolgreichste Serienstart aller Zeiten keine „Schwarzwaldklinik Zwei“ sei, sondern dem Drehort Eisenach ein „neues Wir-Gefühl“ vermittelt hat. Francis Fulton-Smith ist ein sanfter Mensch, doch an dieser Stelle wird das Gespräch, das sonst so gut zum Murmeln des Hotelbrunnens passt, lauter. Schwarzwaldklinik-Revival? „Nein, kategorisch: nein!“ Das Glottertal? 20 Jahre alt. Hat mit Eisenach nichts zu tun. Dr. Kleist wohnt mitten in Deutschland.

Wichtig ist Fulton-Smith auch: Gedichte schreiben, malen, zwei Patenkinder bei World Vision und Fliegen fischen. Und das „Modell Familie“, das „in den letzten 20 Jahren total unterschätzt wurde“. Beziehungen, die gepflegt werden müssen. Fulton-Smith erzählt von seiner Kindheit, dem Internat, der bayrischen Mutter, dem englischen Vater, der als Jazzmusiker nach Deutschland kam. Die Eltern sind geschieden. Und dennoch (deswegen?) ist da eine Sehnsucht nach intakter Familie, Liebe, Kinder, eben all das, was auch Deutschlands beliebteste Serie, „Familie Dr. Kleist“, beschreiben soll.

Möglicherweise ist einer wie Francis Fulton-Smith Deutschlands größter gemeinsamer Nenner, nicht nur im Fernsehen. Man muss es noch mal sagen: „Familie Dr. Kleist“ hat acht Millionen Zuschauer, so viel wie Fußball-Länderspiele und Günther Jauch. Trifft die Serie den Nerv? Wieviel Fulton-Smith ist in Kleist? Ist das der Zeitgeist? Was macht den aus? Der Schauspieler überlegt und sagt: „Ich bin spießig.“ Warum auch nicht? Kulenkampff, Heinz Erhard, Frankenfeld, alles Spießer. Große Fernsehklasse. Die Volksmusikanten am Samstagabend auf zwei Kanälen – spießig. Fultons-Smiths Serienpartnerin Christina Plate – auch ein bisschen spießig. Plate hat sich für den „Playboy“ ablichten lassen (und ist heute zu Gast bei „Kerner“).

Was heißt das heute schon: spießig? Laut Wörterbuch sind das Menschen, die einen begrenzten geistigen Horizont haben, der der Kleinheit ihrer Lebensverhältnisse entspricht. Wenn man das Fulton-Smith ins Gesicht sagt, kann man das ruhig stehen lassen. Dann trinkt er seine Cola light und redet als Nächstes über Bush und die Dritte Welt. Das hat mit Arztserie nichts mehr zu tun.

Vor ein paar Jahren hätte Fulton-Smith „50:1 dagegen gewettet“, jemals den TV-Weißkittel anzuziehen. Dann kam das Angebot von „Klinikum Berlin Mitte“ (Sat1). Nun „Familie Dr. Kleist“. Als er von ARD-Programmdirektor Günter Struve jüngst zum Essen eingeladen und zur zweiten Staffel befragt wurde, hat er nicht lange überlegt. Obwohl ihm die Sache mit der Rollen-Schublade bewusst ist. Nach Dr. Kleist erwartet man von Fulton-Smith nicht unbedingt den TV-Film, der das Medium auf eine neue Stufe hebt. Den „Hamlet“ würde er gerne spielen. Oder was Böses, bei James Bond. Er war schon bei Castings. Der Schauspieler lächelt. „Pierce Brosnan hat gerade verlängert.“ Meint er das jetzt ernst?

„Familie Dr. Kleist“, ARD, 20 Uhr 15

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