Medien : Ich bin zwei Affen

Joachim Huber

Ich bekenne, ich habe gefehlt. War einfach nicht zu Hause, saß nicht vor dem Fernseher, als Engländer und Portugiesen ums Halbfinale gerungen haben. Auf dem Weg nach Hause, zum Fernseher habe ich das Radio eingeschaltet. Wollte nicht kalt ins Spiel kommen. Der ARD-Hörfunk hatte Edgar Endres und Rolf-Rainer Gecks an die Mikrofone gesetzt.

Die WM-Hörfunker verstehen sich als Reporter, anders als die Fernsehkollegen, die kommentieren sollen (und es manchmal auch nur wollen). Endres und Gecks wechselten sich etwa alle fünf Minuten ab. Mein Gott, was für ein Feuer, was für ein atemloser Sprachwitz, was für waghalsige, zumeist geglückte Wortkaskaden. Die reine Hörfreude.

Ich bin dann schneller nach Hause gefahren, ich wollte das Spiel des Jahres nicht länger verpassen. Von der Fernsehübertragung im ZDF habe ich die zweite Hälfte der zweiten Halbzeit, die Verlängerung und das Elfmeterschießen mitbekommen – und ein komplett anderes Spiel als in der Hörfunkreportage. Die Partie mit K.o.-Finale war spannend. Punkt. Damit ist das Beste über England gegen Portugal gesagt.

Morgen spielt die deutsche Mannschaft gegen die Italiener um den Einzug ins Finale. Ich werde das ZDF einschalten, aber ich werde dem Kommentator Béla Réthy nicht zuhören, sondern den Radioreportern der ARD.

Ich will schon selber beurteilen können, ob ein Foul ein Foul ist, ob das Abseits aktiv oder passiv war. Einer Wahrheit will ich nicht ins Kamera-Auge sehen: Diese Weltmeisterschaft bietet keinen Weltklassefußball. Das Turnier ist mittelmäßig. Damit kann ich nicht gut leben. Deswegen die Reportage im ARD-Radio. Ein Manni Breuckmann und ein Rolf-Rainer Gecks erlauben den Selbstbetrug: Dass die WM 2006 auch nur annähernd so großartig ist, wie es die Fußball-EM 2004 war. Ich will die Illusion, und sei es um den Preis zu hören, was ich nicht sehen kann.

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