Medien : „Ich danke Gott, dass ich solche Entscheidungen nicht treffen muss“

Er ist einer der großen Journalisten des Landes: Herbert Riehl-Heyse über die Medienkrise, den undankbaren Job eines Chefredakteurs und den Heiligen der Woche

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Herr Riehl-Heyse, über Krisen schreiben Journalisten immer. Nun erleben wir zum ersten Mal eine Krise in unserer eigenen Branche.

Sie erwischen mich in einem pessimistischen Moment. In positiven Augenblicken sage ich, dass alles nicht so schlimm wird. Aber dann denke ich insgeheim, dass wir Tageszeitungsjournalisten vielleicht doch die besten Zeiten schon hinter uns haben.

Vor anderthalb Jahren boomte die Branche, die Marktführer „Süddeutsche Zeitung“ und „FAZ“ warben sich gegenseitig Redakteure ab.

Und zwar nicht immer die billigsten, fürchte ich. Aber damals hat jeder gedacht, es gehe ewig aufwärts, auch mit den Gewinnen, und die beste Qualitätszeitung sei die mit den meisten Feuilleton-Redakteuren. Ich rede, was das betrifft, hier natürlich vor allem von „SZ“ und „FAZ“ und mit Abstrichen…

…von dem einen oder anderen Blatt…

…in Berlin, selbstverständlich.

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des Axel Springer Verlags, meint, von den überregionalen Zeitungen bleiben nur zwei übrig.

Welche hat er damit gemeint? Seine „Welt“ doch sicher nicht. Nun könnte man ja sagen: Was ist so schlimm, wenn diese Qualität flöten geht? Man sieht an Österreich, dass ein Land prima ohne eine ernst zu nehmende Zeitung auskommen kann. Ich glaube aber, dass die Qualitätsblätter eine Funktion innerhalb einer Demokratie erfüllen, die unbezahlbar ist: Sie versuchen, das ganze gesellschaftliche Leben widerzuspiegeln. Die Tageszeitung ist eine der letzten Klammern, die unsere Gesellschaft noch zusammenhält.

Was meinen Sie mit Klammer?

Die Gesellschaft zerfällt ja zunehmend in ihre tausend Bestandteile und Prioritäten. Mittlerweile kann sich kaum noch ein Orthopäde mit einem Handchirurgen verständigen, und noch weniger versteht der Pianist in der Regel, was ihm der Politiker sagen will. Die Zeitung bietet da eine gemeinsame Basis, sie liegt am Morgen vor der Tür, jeder kann sie lesen und darüber diskutieren. Wenn ein gescheiter Wissenschaftsredakteur den Sportfan anschaulich auf den neuen Stand der Genforschung bringt, hat die Zeitung etwas geleistet, was sonst keiner tut.

Sind an der Krise nur die blöde Konjunktur schuld und das Internet, wohin die Stellenanzeigen gewandert sind?

Die sind schon die Hauptschuldigen. Ich glaube aber, es gibt auch Ursachen, die tiefer liegen. Zwar steigt bei wenigen Zeitungen – bei der „SZ“ beispielsweise – die Auflage; da wird man nicht sagen können, dass man dort vollständig am Leser vorbeischreibt. Aber insgesamt könnte es sein, dass Journalisten zu sehr für ihresgleichen und ihre besten Freunde schreiben. Vielleicht nehmen wir zum Beispiel unsere Medienseiten…

…auf der auch dieses Interview erscheint…

…zu wichtig. Oder glauben Sie im Ernst, dass sich sehr viele Leser für jede Verästelung der Kirch-Pleite interessieren oder wissen wollen, wer wo als Chefredakteur in Gefahr ist? Die Leute kennen uns doch alle nicht, und sie müssen uns auch nicht kennen.

Sie haben kürzlich auf der „SZ“-Medienseite einen sehr umstrittenen Artikel geschrieben.

Ja, ich bin zum Teil heftig dafür gescholten worden, dass ich mich für eine faire Behandlung meiner Zeitung in der Krise eingesetzt habe. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" schrieb, ich wolle den Medienjournalismus verbieten. Das ist eher ein Unsinn!

Sie haben Milde in der Berichterstattung über die „SZ“ gefordert, dabei teilt Ihre Zeitung selbst gerne aus, wenn es um andere geht.

Von Milde war keine Rede. Aber ich habe nachgedacht, ob es in der Krise nicht – auch bei uns selbst – so etwas geben könnte wie eine Solidarität von Kollegen, die ansonsten in heftiger Konkurrenz miteinander verbunden sind, aber sich darauf besinnen könnten, dass wir für ein Kulturgut arbeiten, das wir gemeinsam verteidigen müssen. Juristen oder Lehrer untereinander verteidigen ja auch prinzipiell den Sinn ihrer Arbeit, nur bei Journalisten gilt das offenbar als unfein.

Warum, glauben Sie, ist das so?

Möglicherweise sind wir zu sehr auf Konkurrenz getrimmt: Ein Journalistenleben lang möchten wir besser sein als die anderen, haben schnelle Urteile zur Hand über den Konkurrenten aus dem eigenen oder vom anderen Blatt: War höchste Zeit, dass der rausgeschmissen worden ist. In der „SZ“ haben wir binnenklimatisch immer noch viel heile Welt, aber gehen Sie mal zum „Stern“…

…Sie waren mit vier Monaten Amtszeit der am kürzesten amtierende Chefredakteur in der Geschichte des Magazins…

…vielleicht auch wegen gewisser Zustände dort. Als ich 1989 hinging, rief gleich eine „Stern“-Kollegin an und sagte: „Ich gratuliere dir herzlich, dass du jetzt mein Chef bist. Aber du weißt, dass du an deine Ellenbogen Rasierklingen dranmachen musst, sonst hast du keine Chance.“ Mir wurde ganz schlecht, fand aber heraus, dass sie nicht übertrieben hatte. Nie werde ich vergessen, wie bei einer der ersten kleinen Konferenzen der Herausgeber mir und meinem Kollegen Chefredakteur die Kopie des Impressums und einen Bleistift in die Hand gedrückt hat: Jeder von uns sollte 15 Leute ankreuzen, die er sofort rausschmeißen würde; lauter Menschen, die mir nichts getan hatten. Da habe ich gewusst, das ist nicht mein Job.

Obwohl Ihr Name eng mit der „SZ“ verbunden ist, waren Sie nie ihr Chefredakteur.

Stimmt, obwohl es eine Zeit gab, in der ich es gerne geworden wäre. Inzwischen ist Chefredakteur ein anderer Beruf geworden – ich danke meinem Gott täglich, dass ich gewisse Entscheidungen nicht treffen muss.

Sie haben in den 60ern als politischer Redakteur angefangen, beim „Münchner Merkur“.

Noch früher, bei der Münchner Kirchenzeitung. Ich hatte einen Freund dort, und für ihn durfte ich den „Heiligen der Woche“ schreiben. Ich habe die Informationen weitgehend dem Herder-Lexikon „Die Heiligen in ihrer Zeit“ entnommen und die journalistisch aufgepeppt. Umso größer war die Überraschung, als ein Jahr später der Verleger von Herder fragte, ob ich aus meinen Kolumnen nicht ein Buch für sie machen wolle. Dummerweise habe ich ihm geantwortet: Das Buch haben Sie längst im Programm.

Anfang der 70er entwickelten Sie bei der „SZ“ Ihren Reportagestil, der persönlicher war, subjektiver, zweifelnder als der Ihrer Kollegen.

Zunächst einmal war ich froh, bei der „Süddeutschen“ gelandet zu sein, zum Beispiel, weil die gerade ein Redaktionsstatut bekommen hatten, für das ich mich drüben beim „Merkur“ – übrigens zusammen mit einem gewissen Michael Naumann, der später Kulturminister wurde und heute Herausgeber der „Zeit“ ist – vergeblich eingesetzt hatte.

Und bei der „Süddeutschen“ war alles prima in Sachen Unabhängigkeit der Redakteure?

Ich war inmitten der Groß-Intellektuellen und Stars ausgesprochen zaghaft und schüchtern, und das wurde nicht besser, als mir ein Redakteur zeigte, was er von meiner Reportage hielt: „Setz dich mal hin, ich diktiere dir den Einstieg.“ Bald darauf sollte ich zum Gardasee fahren und die dummen deutschen Osterurlauber in Kälte und Regen beobachten. Also machten meine Frau und ich und ein Freund uns auf den Weg. Das Problem war nur: Außer uns waren praktisch keine Touristen da. Wir waren allein. Also habe ich die Geschichte einfach über uns selbst geschrieben. Vielleicht war das der Anfang einer bestimmen Art zu schreiben.

Sie waren einer der ersten Reporter, der sich selber als Figur hat vorkommen lassen.

Ich habe das als Stilmittel entwickelt, aber nicht, weil ich so eitel wäre – hoffe ich – sondern weil ich mich über Kollegen aufgeregt habe, die ihre Reportagen so schrieben, als seien sie im Besitz der objektiven Wahrheit. Ich wusste, dass ich nur über meine subjektive Wahrheit berichten konnte und dass es nur fair ist, das den Leser wissen zu lassen. Anschließend kann er mich auch besser beschimpfen für meine Sicht der Wahrheit.

Sie wurden recht bald kopiert.

Das wurde mir klar, als ich eines Tages einen Kollegen beobachtet habe, wie er aus einem Band alter „SZ“-Ausgaben Einstiege von meinen Seite-3-Geschichten abschrieb. Er fand wohl, die hatten sich bewährt, aber es war ihm doch unangenehm. Er hat sehr lange keine Seite-3-Geschichte mehr geschrieben.

Und heute? Die Reportage hat sich seit Jahren nicht weiterentwickelt.

Leider, ja. Ich habe oft genug in den Journalistenschulen die Regeln gepredigt: dass erst ein spannender Einstieg zu kommen habe, im zweiten Absatz die Botschaft formuliert werden müsse… Ich glaube, solche Regeln und Schablonen haben nur noch insoweit ihren Sinn, als das Korsett dem Schreiber die Angst zu nehmen imstande ist.

Angst vor dem Schreiben?

Aber klar. Über Jahre hinweg war ich, wenn ich wusste, dass ich eine große Geschichte schreiben müsse, Tage lang nicht genießbar. Ich bin da nicht allein: Ein jüngerer „SZ“-Kollege, einer der Besten, sollte über den Bundestagswahlkampf schreiben, steigerte sich aber bei den Recherchen in seine Panik hinein. Als es am schlimmsten war, stieg er in Bremen aus dem Zug und rief in der Redaktion an mit dem geflügelt gewordenen Satz: „Hier regnet es auch noch! Ich glaube, ich fahre heim und schreibe keine Reportage!“

Sie haben von der Klammerfunktion der Zeitungen gesprochen. Aber blenden die Redaktionen nicht einiges an Wirklichkeit aus?

Wenn das so ist, hat das mit Vorsicht zu tun. Wenn der Chef der Seite 3 eine Geschichte darüber in Auftrag gibt, wie sich der Herr Clement in Berlin macht, wird die Redaktion sagen, das muss gemacht werden. Bei anderen Themen muss man Zutrauen haben, in die Geschichte wie in den Autor. Ich weiß noch, wie mich mein Redakteur zu einer Reportage über den neuen Volkssport Surfen samt seiner komischen Aspekte überredete. Erst war da Entsetzen bei mir, es war auch berechtigt, wie sich herausstellte, als ich bei einer Mittagsflaute am Gardasee beinahe ersoff. Trotzdem hatte man ein wenig mehr Realität des Lebens eingefangen.

Wenn Sie jetzt losziehen müssten, um eine Reise durch den Journalismus zu beschreiben?

Ich würde darauf hinweisen, dass es die Medien nicht gibt. Dann würde ich versuchen, die Absonderlichkeiten und Widersprüche zu beschreiben: Vielleicht mit der Szene, als in Wien Gorbatschow ausgerechnet „Bild“ mit einem Award für Verdienste um das große Ganze ausgezeichnet hat. Ich würde beschreiben, wie sich der Privatsender Neun Live auf unterstem Niveau mit Sexfilmchen und Sex-Anrufen Geld verdient. Andererseits würde ich schreiben, warum der Zeitungs-Qualitätsjournalimus in den letzten Jahren eine Blüte erlebt hat. Am Schluss wäre es wie bei einer Reise durch deutsche Krankenhäuser: viel Glanz, viel Elend.

Vielleicht arbeiten wir in einer normalen Branche, der es mal besser, mal schlechter geht.

Oder doch nicht so ganz normal. Manchmal denke ich, wir bräuchten eine Diskussion darüber, ob Zeitungs-Journalismus nicht auch ein Kulturgut sein kann wie das Theater, die Oper und subventioniert werden müsste.

Im Ernst? Was würde das bedeuten für unser Selbstverständnis, unsere Unabhängigkeit?

Schon klar, das ist ein unangenehmer Gedanke. Aber wenn es die einzige Alternative wäre, müsste man darüber nachdenken, ob der Staat nicht auf ein paar Steuern zugunsten der Zeitungsverleger verzichten kann.

Herr Riehl-Heyse…

…wissen Sie, ich habe bemerkt, wie stark meine emotionalen Bindungen an die Zeitung sind, die mein halbes Leben geworden ist. Mir ist die Geschichte von dem alten BMW-Betriebsrat eingefallen, der damals fast allein BMW gerettet hat, als alle den Konzern abgeschrieben hatten. Der Mann ist gerade in diesen Tagen gestorben.

Das Gespräch führten Christoph Amend und Stephan Lebert .

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