Medien : „Ich erhalte keine Befehle aus New York“

Michael Oreskes, Chefredakteur der „International Herald Tribune“, über Vorurteile, Europa und das Internet

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Sie sind nur zwei Tage in Berlin, Herr Oreskes. Warum treffen Sie sich mit Sabine Christiansen?

Die „Herald Tribune“ sucht nach journalistischen Partnern in allen wichtigen Ländern. Deutschland ist eines der wichtigsten. Es gibt noch keine konkreten Pläne, wir wollen einfach auf uns aufmerksam machen. Wir sehen für uns viele Wachstumsmärkte in Europa. Gerade haben wir angefangen, in der Türkei zu drucken.

Gehört die Türkei zu Europa?

Was meinen Sie? Ich habe dazu keine politische Meinung. Es ist ein wichtiges Land, eine gute Nachrichtenstory. Aber ganz besonders muss man über Deutschland berichten: Es ist das wirtschaftliche Zentrum von Europa, in vielerlei Hinsicht auch intellektuell. Vorhin habe ich den Chef der Berlinale getroffen. Wir sind sehr an Kulturnachrichten interessiert. Das unterscheidet uns auch von anderen internationalen Blättern: die Breite unserer Berichterstattung…

…aber Ihr Kulturteil ist relativ dünn.

Das ist tagesabhängig. Drei Seiten! Würden wir gerne mehr machen? Absolut.

Die „International Herald Tribune“ will eine „Weltzeitung“ sein. Geht das überhaupt? Welches Interesse haben deutsche Leser an Artikeln über College Football?

Möglicherweise keinerlei Interesse. Die Antwort liegt bei den Mitarbeitern: Wir haben eine polyglotte Mischung aus internationalen Journalisten. Unsere Berlin-Korrespondentin, Judy Dempsey, ist irisch. Unser Paris-Korrespondent kommt aus Deutschland. Wir haben Amerikaner, Briten, Australier. Das gibt uns einen breit gefächerten Blick auf die Dinge. Neben der Europa-Ausgabe aus Paris produzieren wir eine separate Ausgabe in Hongkong, für asiatische Leser. Wir machen eigentlich täglich zwei Zeitungen. Nur ein Drittel der weltweiten Leserschaft sind US-Amerikaner.

Warum hat man dann ausgerechnet Sie als Chefredakteur ausgewählt? Sie haben 25 Jahre lang nur in den USA gearbeitet.

Nicht wegen meiner Europa-Kenntnisse. Ich bin hier, weil ich 25 Jahre Erfahrung darin habe, Nachrichtenoperationen zu leiten. An der Spitze einer Nachrichtenorganisation lernst du ganz schnell zu erkennen, was du nicht weißt. Die Menge an Wissen, die mir über die Welt fehlt, ist enorm. Wir haben Asienexperten, Europaexperten. Mein Job ist es, das Orchester zum Spielen zu bringen.

Als Amerika-Experte: Wie sieht Ihr Blick auf Europa aus?

Europa ist ein Ort, der von vielen Amerikanern unterschätzt wird, sei es, weil Amerika eine Obsession mit eigenen Problemen hat oder mit dem Aufstieg Chinas. Dabei ist Europa ein außergewöhnlicher Ort. Das wichtigste Ereignis der Gründungsgeschichte der USA war nicht die Unabhängigkeitserklärung, auch nicht das Schreiben der Verfassung. Es war die Schaffung der ersten Zentralbank durch Alexander Hamilton, die einheitliche Währung. Das hat das Land zusammengebracht. Genau das ist vor wenigen Jahren auch hier geschehen.

Viele Artikel übernimmt die „IHT“ vom großen Bruder „New York Times“. Wie eng ist die Zusammenarbeit: 50 Prozent Eigenregie, 50 Prozent aus Manhattan?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus Deutschland: Judy Dempsey teilt sich in Berlin ein Büro mit Richard Bernstein von der „New York Times“. Die beiden tauschen Ideen aus und teilen Geschichten untereinander auf. Am Ende des Tages macht Judy eine Story für die „IHT“ und Richard eine für die „Times“. Wir erhalten viel Material von der „Times“. Das ist ja auch ein Grund, die „IHT“ zu kaufen: Unsere Berichterstattung über Amerika ist besser als alle anderen englischsprachigen Angebote in Europa.

Warum haben Sie als erste Amtshandlung beschlossen, den Wirtschaftsteil von vier auf acht Seiten zu verdoppeln?

Unsere Konkurrenten sind auf diesem Gebiet sehr stark. Unsere Maßnahme wird verhindern, dass Leser, die die „IHT“ mögen, aber mehr Wirtschaftsnachrichten wollen, woanders hinrennen, um sie zu bekommen. Egal, wo auf der Welt: Du kannst heute keine tolle Zeitung mehr sein ohne tollen Wirtschaftsteil. Als ich Bürochef in Washington war, habe ich gedacht, Politik sei die wichtigste Geschichte. Vielleicht war das damals noch richtig. Heute ist es falsch: Politik findet eher national und lokal statt, die Wirtschaft zunehmend global. Wer das nicht abdeckt, ist keine gute Zeitung.

Einige Medienleute geben der gedruckten Zeitung keine Zukunft mehr. Die, sagen sie, liegt im Internet.

Ich würde die Wörter „Druck“ und „Journalismus“ voneinander trennen. Ich glaube, dass der Journalismus eine strahlende Zukunft vor sich hat. In einer Welt, die überfüllt ist mit Information, sind Journalisten, schlaue Leute, die Informationen sammeln, verstehen und weitergeben, wichtiger denn je. Was sich verändert, sind die Medien. Für hundert Jahre hatten wir ein Riesenpublikum. Wir konnten einen Haufen Geld machen. Wir konnten die Werbenden anrufen und sagen: Her mit der Anzeige! Heute müssen wir unser Publikum einfangen, in der Zeitung, im Netz, auf dem Handy, im Radio, auf Video. Das heißt: Wir stehen zu unserer gedruckten Zeitung, wir versuchen, unsere Auflage in Deutschland zu erhöhen. Aber wir kämpfen auch nicht gegen das Internet. Es kann sein, dass irgendwann so viel ins Netz abgewandert sein wird, dass die gedruckte Zeitung nur noch ein Luxusprodukt ist, für das wenige sehr viel Geld zahlen. Aber ich werde dann in Rente sein, und ich wette, Ihr Jungs auch.

Das Gespräch führten Felix Serrao und Joachim Huber

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