Medien : „Ich fühle Wut“

ARD-Programmchef Struve über TV-Duelle, den Fernsehwahlkampf und den Schleichwerbungsskandal

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Die ARD startet ihren heißen Fernsehwahlkampf. Wird es jetzt endlich, nach BruttoNetto und Ossi-Bashing, um die wirklich wichtigen Themen gehen?

Da bin ich sehr optimistisch. Nicht zuletzt deshalb, weil wir die Topthemen in unseren „Wahlchecks“, den Wahlsendungen der ARD, bevorzugt behandeln werden. Wer entrostet die Denkfabrik Deutschland, wer bringt den Arbeitsmarkt wieder in Schwung, das sind die Themen, die den Leuten unter den Nägeln brennen.

Sind Sie nicht ein bisschen schwer in Tritt gekommen?

Das würde ich nicht sagen. Wir hatten schon im Juni die Grundstruktur der Sendungen fertig.

Es gibt nur ein Duell Schröder – Merkel. Aber ansonsten wird sich duelliert, dass es nur so kracht. Was macht das Fernsehen und die Politiker so duell-wütig?

Die Politiker spüren, dass ihnen ein TV-Duell mehr Wählerkontakte bringt als alle Wahlkampfveranstaltungen zusammen. Mich wundert immer noch, dass die deutschen Politiker und die Parteien das Fernsehen so spät entdeckt haben. Da hinkt Deutschland deutlich hinter anderen Ländern hinterher. Die Bemerkung von Angela Merkel, sie hätte für ein zweites Duell keine Zeit, belegt das eindeutig.

Günter Struves Traum: Wahlkampf, der nur noch im Fernsehen stattfindet.

Dazu wird es nie kommen, weil die direkte Kommunikation, im Bierzelt, im Freundeskreis, in der Familie durch nichts zu ersetzen ist. Sie können im unmittelbaren Kontakt Meinungen verändern, mit dem Fernsehen allein können sie das nicht. Da können sie eher auf die Wähler einwirken, die in ihrer Entscheidung noch schwanken. Aber trotzdem ist das Fernsehen die einzige Plattform, auf der sie Massen, im besten Fall die 60 Millionen Wahlberechtigten, erreichen können. Wahr ist: Es wird mehr auf die Überzeugungskraft der politischen Köpfe ankommen als auf ihre Sach- und Fachargumente.

Nach den aktuellen Umfragen liegen die beiden politischen Lager eng beieinander. Kann das TV-Duell Schröder vs. Merkel am 4. September daran noch etwas entscheidend ändern?

Das Duell kann unentschlossene Wähler mobilisieren, zur Wahl zu gehen. Das ist für die großen Parteien ungemein wichtig. Bei Unentschiedenen können Gerhard Schröder oder Angela Merkel Sympathiewerte einfahren, die bis zum Wahltag tragen. Aber: Es wird nicht einen einzigen Wähler geben, der sich sein Urteil schon gebildet hat und dann durch das TV-Duell seine Meinung ändert.

Wie viele Fernsehzuschauer werden am 4. September einschalten?

20 Millionen Zuschauer, mehr oder weniger.

Liegt das ZDF in der Duell-Qualität vorne? Da diskutieren Westerwelle, Fischer, Lafontaine. Das hat die ARD nicht zu bieten.

Ich hätte das auch gerne bei uns gehabt. Was soll ich sagen: schade.

Das ZDF beschränkt sich bei der „Berliner Runde“ auf die im Bundestag vertretenen Parteien. Die ARD nimmt bei ihrer „Favoriten“-Runde die Linkspartei mit. Ist das fairer?

Wenn man das parteipolitische Gesamtbild sieht und bedenkt, in welchen Länderparlamenten die Linkspartei vertreten ist, ist unsere Besetzung fairer.

Die Linkspartei ist bei Ihren Runden und „Wahl-Checks“ immer dabei. Entweder mit Gysi oder mit Lafontaine oder mit Bisky. Die ARD – eine Linkspartei?

Politische Einseitigkeit ist ein Vorwurf, den man der ARD selbst in schwersten Zeiten nicht machen kann. Wir sind ausgewogener als alle anderen Programme, Institutionen und Tageszeitungen im deutschsprachigen Raum.

Wie nehmen Sie Schröder und Merkel wahr?

Beide, Merkel wie Schröder, sind in der Lage, ihre Gedanken so wirkungsvoll und so prägnant zu formulieren, dass sie beim Fernsehzuschauer ankommen. Beide sind hoch fernsehtrainiert und fernsehgeeignet. Keiner von beiden wird beim Fernsehduell einbrechen.

Ab dem 5. September läuft die Reihe „Szene-Wechsel“: Da spricht zum Beispiel die Schwimmerin Sandra Völker mit Gregor Gysi. Ehrlich, was kann das bringen?

Einen Blick, der Ihnen und mir bisher versperrt blieb. Wir sind an sehr ausgetretene Pfade gewohnt, an diesen Innenblick. Der „Szene-Wechsel“ soll den Blick weiten.

Apropos Themenwechsel: Wie sieht es in der ARD mit der Drittmittelwerbung aus?

Die Diskussion ist keineswegs an ihrem Ende. Wir überprüfen ständig die Programme, ob unzulässige Schleichwerbung gegeben ist. Letztlich kommt es doch wieder auf Vertrauen an – ob der Produzent sauber gearbeitet hat. Eine Veränderung hat es auf jeden Fall gegeben: Im Zweifelsfall wird geschnitten. Im Moment bin ich mir sicher, dass nichts übersehen wird. Die ARD ist eine von Schleichwerbung freie Programmzone.

Fühlen Sie so etwas wie Reue?

Wut wäre der bessere Ausdruck. Als vor einem Jahr und drei Monaten die Bavaria versichert hatte, ja, es gab einen Fall von verbotener Schleichwerbung in der Serie „Marienhof“, aber nicht mehr, da habe ich das geglaubt. Da hätten meine Sensoren aktiv bleiben sollen. Mein Misstrauen war nicht groß genug.

Heißt: Selbst der ARD-Programmdirektor ist nicht immer frei von Naivität?

Beim Entdecken von unerlaubtem Themenplacement habe ich nach wir vor eine Fehlerquote von 50 Prozent. Gekaufte Dialoge klingen wie nicht gekaufte. Aber ich gebe zu: Sie haben einen Punkt getroffen, der schmerzt. Beim Betrachten der Welt und der Fernsehprogramme braucht es eine Portion Naivität. Im Umgang mit einigen Produzenten ist sie fehl am Platze.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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