Medien : „Ich habe mir damals nicht erlaubt, glücklich zu sein“

Gewalt und Ohnmacht von Männern, Liebe und Macht von Frauen: Die Schauspielerin Veronica Ferres über Rollen im Film und im wirklichen Leben

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Frau Ferres, Sie drehen gerade mit John Malkovich einen Film über den Maler Gustav Klimt.

Ich spiele Klimts langjährige Lebensgefährtin Emilie Flöge, eine Frau, die ihm den Rücken frei hielt, ihm seine Modelle und Geliebten auswählte und ihm zuspielte. Eine für die damalige Zeit sehr fortschrittliche, für die damalige Gesellschaft geradezu verstörende Person. Sie war es zum Beispiel, die als Erste das Mieder aus der Frauenkleidung verbannt hat. Sie war Klimts Manager, sie hatte die Kontakte, ohne die Klimt nie geworden wäre, was er wurde.

Klimt als Mann wirkt ja nicht gerade anziehend. Eher hässlich.

Finden Sie? Ich kenne Fotos, auf denen er auf mich unglaublich männlich wirkt.

Sie spielen eine historische Person. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Ich habe es während meines Studiums in München immer schon sehr genossen, in der Staatsbibliothek wochenlang zu recherchieren. Und so bereite ich mich auch auf meine Rollen vor, zum Beispiel auf die der Christiane Vulpius, der Geliebten Goethes. Es ist für mich immer wie ein Geschenk, wenn ich eine Person aus einer anderen Zeit spielen kann. Ich möchte dann wissen, wie diese Menschen gelebt haben, wann sie reich, wann sie arm waren, wie ihre Familien lebten. Ich erschnuppere mir sozusagen die Zeitumstände.

Sie spielen gerne Frauen, die verzichten.

Verzicht kann ja auch eine Stärke sein. Was Emilie Flöge betrifft: Ob diese Frau wirklich verzichtet hat, das ist noch längst nicht ausgemacht. Sie hat jahrzehntelang Klimts Leben zumindest mitbestimmt. Klimt hat das zugelassen. Die beiden hatten sich feste Regeln gegeben, die eingehalten wurden. Dass sie nicht sexuell miteinander verkehrten, ist eine ganz andere Geschichte.

Ihr ARD-Film „Kein Himmel über Afrika“ ist eine andere Geschichte. Sie sind Koproduzentin. Zufall?

Nein. Alles begann 2001, als mir meine Agentin und Freundin Inga Pudenz ein Fax schickte mit der Geschichte der Kerstin Cameron. Zu der Zeit lief ihr Prozess noch. Fünf Tage nach dem Freispruch haben wir, also meine Agentin, mein Mann Martin Krug und ich uns mit Frau Cameron in München getroffen.

Was hat Sie gerade an diesem Stoff gefesselt?

Vor allem anderen die Frage, was alles passieren muss, damit ein Paar so weit geht und sich so viel antut, wie es bei den Camerons der Fall war. Und wie der Hass so groß werden kann, dass Menschen alles tun, damit die eigene Schwiegertochter zum Tod verurteilt werden soll. Fragen, auf die ich bis heute keine Antwort habe.

Hat Sie der Film verändert?

Ja, sehr. Ich habe früher immer gesagt, sollte ein Mann mich jemals schlagen, würde ich mich auf der Stelle umdrehen und gehen. Das sage ich heute nicht mehr, nachdem ich ein Stück des Lebens der Kerstin Cameron durchlebt habe.

Sie würden sich doch nie Gewalt antun lassen!

Ich kann heute einfach nicht mehr sagen, dass ich in jedem Fall gehen würde. Wenn Sie die Dimension der Liebe erlebt haben, die Frau Cameron erlebt hat, dann sieht die Welt anders aus. Kerstin Cameron bereut auch heute nicht, ihren Mann geliebt zu haben, auch wenn ihr Mann sie misshandelt und gequält hat. Als wir uns vor drei Wochen in Hamburg getroffen haben, hat sie zu mir gesagt: „Wenn er jetzt vor mir stände, ich würde wieder mit ihm Hand in Hand ins Leben gehen."

Obwohl ihr Mann sie geschlagen, belogen und betrogen hat?

Er war eben ein faszinierender Mann. Trotz allem.

Man könnte auch sagen: ein Schwein.

Aber vielleicht ein Schwein aus inneren Nöten. Weil er nicht anders konnte. Wenn Sie die Biografie dieses Mannes kennen, dann verstehen Sie ihn. Er war wie ein gefangenes, wildes Tier. Und seine Frau hatte die Illusion, dieses Tier befreien zu können. Sie dachte, die Liebe könnte alles retten. Aber sie sind, und zwar beide, daran gescheitert. Wer will sagen, wo die Liebe beginnt und wo sie aufhört?

Wo sie anfängt, das wissen wir auch nicht. Aber hört sie nicht da auf, wo Unterwerfung beginnt? Keine Liebe ohne Wärme.

Wärme können Sie auch für ein Tier empfinden. Für mich hat Liebe etwas mit Berührung zu tun. Berühren im Sinne seelischen Berührens. Dass man sich mit seinen Gedanken über das Leben verstanden fühlt. So fängt für mich Liebe an. Für mich ist die größte Form der Liebe, sich gegenseitig nichts vormachen zu müssen. Mit allen seine Abgründen, die man ja selbst oft nicht versteht. Kerstin Cameron zum Beispiel hat mir während der Dreharbeiten gesagt, dass sie erst jetzt, wo sie diese Szenen sehe, merke, wie viel sie verdrängt habe. Dass auch sie Fehler gemacht hätte.

Sich zu verlieben, ist kein großes Kunststück. Aber die Liebe über die Jahre zu halten. Und den gegenseitigen Respekt zu bewahren. Oder?

Das wäre die ideale Form der Liebe. Aber im wirklichen Lebe sieht das leider oft genug ganz anders aus. Was wollen Sie machen, wenn etwas aus dem Lot gerät? Und: Hört damit die Liebe auf? Nein: Die Liebe hört nimmer auf. Für mich ist die Liebe mehr, als Respekt voreinander zu haben.

Wie wahr ist „Kein Himmel über Afrika“?

Wir haben zum Beispiel eine Szene erfunden, in der der Mann von Kerstin Cameron sie an den Haaren zieht und mit dem Kopf auf einen Betonfußboden schlägt. Diese brutale Szene taucht in der Autobiografie nicht auf. Frau Cameron war völlig verblüfft. Denn so einen Vorfall hat es in ihrem Leben tatsächlich gegeben. Das kennzeichnet für mich den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit aus. Die Wirklichkeit sind die Fakten. Wir haben daraus eine Wahrhaftigkeit gemacht: Es hätte so sein können.

Ist das noch Liebe? Oder schon Abhängigkeit?

Es ist eine Geschichte von Menschen mit Schwächen, aber großer Liebesfähigkeit. Bei Gustav Klimt und Emilie Flöge ist das anders. Sie hat ihrem Gustav Klimt sogar die Frauen ausgesucht, mit denen er dann ein Verhältnis hatte. Das ist nicht Schwäche oder Verzicht: Das ist die höchste Form der Macht, die man über einen Menschen erlangen kann. Wenn dann noch dazukommt, in allen Details darüber zu reden, dann ist das die größte Nähe, die es zwischen zwei Menschen geben kann. Emilie war sehr stark. Und Klimt durfte sein, was er war – ohne lügen zu müssen. Wie viele Männer und Frauen machen sich etwas vor?

1997 haben Sie auf die Frage nach dem Glück geantwortet, für Sie sei es nicht wichtig, glücklich zu sein.

Ich habe mir damals nicht erlaubt, glücklich zu sein.

Das ist heute ...

... ganz anders.

Das Gespräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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