Medien : "Ich hätte so gerne, dass wir uns nahe sind"

Johannes Völz

Sie raunzen, sie nölen, sie flehen. Sind beide um die 30, haben nur ihre Sprache und können doch nichts damit anfangen. "Ich hätte so gerne, dass wir uns nahe sind", sagt die eine. "Wie, nah?", die andere. "Na nah". "Du meinst, wir sollen miteinander schlafen?". Eigentlich hat sich Autor Falk Richter die beiden Verzweifelten aus "Nothing Hurts" für ein Tanztheater ausgedacht. Doch hier, in der Hörspielfassung von Antje Vowinckel, sind alle Leiber verschwunden. Übrig bleiben heulende Sirenen, viele rasende Beats und die Stimmen zweier umherirrender Jetset-Mädels, die an irgendeinem Terminal ihr Leben anstatt ihr Gepäck aufgegeben haben. Nun wollen sie es zurückhaben, wollen wieder etwas spüren, den eigenen Körper. Und wenn es Verletzungen sind, Aufschläge, Verstümmlungen: Pulp Reality.

Bei der 15. "Woche des Hörspiels" in der Berliner Akademie der Künste, bei der zehn ARD-Produktionen aus diesem Jahr vorgeführt wurden, verlieh die Publikumsjury Falk Richters Stück den ersten Preis - eine nachvollziehbare Entscheidung.

Denn "Nothing Hurts" thematisiert das große Thema der jungen Generation: die verzweifelte Suche nach Authentizität. Der Wunsch, den eingeimpften Sprechblasen zu entgehen, echte Gefühle zu erleben, und dabei zwanghaft doch aus Soap Operas, Hollywood-Filmen und Pop-Texten zu zitieren. Die ganze Ambivalenz der Postmoderne wurde zum Schwerpunkt des Festivals. Die Adaption von Sibylle Bergs Roman "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" handelte davon ebenso wie Igor Bauersimas "Norway. Today". Das Lebensgefühl der Neunziger fesselte das Publikum weit mehr als der Stilpluralismus, der die Hörspiellandschaft des öffentlich-rechtlichen Radios zur Zeit prägt. Naturalismus und Realismus hatten trotz prominenter Autoren wie John Berger keine Chance.

Ein Blick aufs Publikum, und man weiß warum: Rund 300 Besucher strömten Abend für Abend in die Akademie der Künste, ein Großteil davon unter 30 Jahre alt. Dabei gleicht die Veranstaltung eigentlich einem Paradox: Was die Fans hier erleben, widerspricht allen Hörgewohnheiten. Statt einsam in der Badewanne zu lauschen, sitzen sie nun alle zusammen im Hörsaal, eilen nach jedem Stück ins Foyer und diskutieren mit den Machern.

Doch ein Rest Intimität ist geblieben. Jedenfalls legt das die hemmungslose Kritik nahe, die einige Zuhörer vorbrachten. Unter seinesgleichen darf man Tacheles reden. Durs Grünbein nannte es ein Tribunal. Der Büchner-Preisträger musste sich von einem Zuhörer gefallen lassen, was sich die Literaturkritik nie getrauen würde. Sein Text sei "gar nicht so tief", im Gegenteil, "Er hat schwachen Sinn!" Für die Vitalität der Kunstform Hörspiel spricht nicht nur das Engagement der Zuhörer. Die Gattung profitiert auch von einer vermeintlichen Schwäche, von dem Mangel an Autoren, die eigens für das Hörspiel schreiben.

Ein Glück, dass die ARD-Regisseure aus dieser Not heraus zu Texten der Top-Literaten greifen: Durs Grünbein, John von Düffel, Sibylle Berg. Mehr Prominenz als bei Literaturfestivals war hier am Start. Und wenn ein Stück bereits als Roman- oder Theaterfassung bekannt ist - was soll daran schlimm sein? Genau dann kann das Hörspiel seine einzigartigen Fähigkeiten beweisen, Geschriebenes mit Stimmen zu beleben, aus Theaterstücken den Text herauszulösen, ihm eine neue Dimension zu geben.

Hörspiel sei Kino im Kopf, heißt es oft, doch die beeindruckendsten Stücke des Festivals versuchten gar nicht, den Film-Projektor in unseren Hirnen anzukurbeln. Sondern Stimmen zu inszenieren, mitsamt dem Atmen, Schlucken, Räupsern. Und damit eine Geschichte zu erzählen, ob mit oder ohne Plot. Text und Stimme, darauf kommt es an, Musik und Kulisse sind Beiwerk. Dass es die Akademie der Künste versäumte, im Programmheft die Namen der Schauspieler zu erwähnen, ist deshalb ein kleines Verbrechen. Nachwuchssorgen, das zeigte der "Plopp!"-Wettbewerb der Independent-Szene, braucht man sich auch nicht zu machen. Claudia Webers Siegerstück "Schrottplatz", ein halbstündiger Monolog einer Entfremdeten, stand den Radioproduktionen in nichts nach.

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