Medien : „Ich halte mich schlecht aus“

Wien, London, Berlin: Der Schauspieler Christoph Waltz pendelt gerne zwischen den Welten

Carla Woter

Vor dem Gespräch gibt es einen Tipp vom Presseagenten: Herr Waltz freue sich über intelligente Fragen. Aha. Der Wiener gilt als schwierig, grüblerisch, nachdenklich. So wird er meist besetzt. Seine Rollen sind komplizierte Bösewichte mit geheimnisvoller Aura. „Die passen nun mal eher zu meiner Physiognomie“, sagt er selbst. Waltz ist nicht groß, hat leicht hochgezogene Schultern, sein Blick skeptisch-melancholisch. Er spielte Zlof, den Entführer von Richard Oetker im preisgekrönten Zweiteiler „Tanz mit dem Teufel“, er verkörperte einen frustrierten Romanautor im Kinofilm „Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“, und er spielte Roy Black in „Du bist nicht allein“.

Der Schauspieler betritt die Hotelhalle. Er trägt weißes Hemd, Kordjacke, graue Hose. Waltz nimmt Platz, bestellt Wasser ohne Kohlensäure, lächelt und wartet. Wahrscheinlich auf eine intelligente Frage. Also sprechen wir am besten gleich über ihn, auch wenn er das nicht sonderlich mag. Warum er als Deutscher in London lebt. Vor 15 Jahren ist Waltz nach London gezogen, hat eine Amerikanerin geheiratet, sie haben drei erwachsene Kinder, mittlerweile ist er geschieden. Dennoch bleibt er dort.

Die Familie lebt unter einem Dach, wenngleich in einem „trennbaren Haus“, wie er es formuliert. Er hat eine Freundin in Deutschland. „Kostümbildnerin in Berlin“, gibt er knapp Auskunft. So pendelt der Wiener zwischen den Welten, die äußeren Umstände passen zu seiner inneren Verfassung, er ist hin und hergerissen.

Nur nicht bei seiner Arbeit, da ist er präzise, da gibt’s nur eine Richtung. Sparsam in seinen Gesten, genügt eine kleine Bewegung, ein Heben der Augenbraue, und der Zuschauer ist gebannt. Christoph Waltz gehört zu den gefragtesten deutschen Schauspielern, trotzdem ist er niemand, der auf der Straße Tumulte verursachen würde. Man kennt sein Gesicht – ein Star ist er nicht. Trotzdem, in Deutschland will er nicht leben, in Österreich nicht und in Paris auch nicht.

Was er vor allem nicht mag, das hört man schnell raus, sind Zeigefinger, Denkvorschriften. In London ist vieles lockerer. Außerdem kann man dort mittags erstklassige Kammerkonzerte hören, begeistert sich Musikliebhaber Waltz, der Gesang studiert hat und eine klassische Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar und am Lee Strasberg Institut in New York absolviert hat. „Aber Gesang ist leider nicht gefragt, gefragt sind Fernsehschmonzetten, oberflächliche Geschichten, die nicht über den Moment hinausreichen“, sagt der 48-Jährige „Meistens sind sie schlecht und schlecht gemacht.“ Natürlich nicht alle und nicht gerade die, in denen er mitspielt.

In seiner Wahlheimat London sind die Stoffe besser. So spielte er in einer britischen Serie über die EU mit. Eine Ausnahme, denn oft ist es so, dass Deutschen „Heil-Hitler-Rollen“ angeboten werden. „Die Drehbücher sind hier nicht gut, und das nicht, weil die Leute nicht schreiben können – es wird nichts verlangt in den Anstalten.“ Überhaupt wird nichts verlangt, auch von Schauspielern nicht.

Er leidet deutlich, macht trotzdem gelegentlich mit: „Von irgendwas muss man ja leben.“ Auch wenn es ihm nicht gefällt. „Das Angebot ist grauenvoll. Man müsste sich mit den Dingen beschäftigen. Das will heute keiner. Deswegen sind Retrostoffe wie ,Das Wunder von Bern’ so gefragt, schnell ein Blick zurück, da müssen wir unsere Situation nicht antasten."

Er selbst macht es nicht viel anders. Im Herbst führt er Regie in einem Film, der in den fünfziger Jahren spielt. Thema: Ein Mann aus bürgerlichen Verhältnissen verlässt sein soziales Umfeld. Wenn Waltz Glück hat, kommt der Film ins Kino. Das wäre die Art Aufmerksamkeit, die er sich wünscht. Regie führen ist für ihn ohnehin Luxus: „Ich bin seit 30 Jahren in der Schauspielmühle. Da kann ich mir das mit der Regie leisten.“ Spielen ist sein Beruf, er liefert keine Verwandlungstheorien, er spielt die Verwandlung.

Der Schauspieler kommt aus einem Wiener Künstlerclan. Seine Eltern waren Bühnenbildner, seine Großeltern Schauspieler, seine Urgroßeltern am Theater. Waltz wollte ursprünglich Maler werden. Bis heute fragt er sich, ob es bei ihm „nur der Weg des geringsten Widerstandes war“. Der Wiener ist streng mit sich: „Ich bin nicht wirklich zufrieden mit mir, bin mir selbst nicht genug, halt mich schlecht aus. Angenehm ist es mit mir nicht immer“, fasst er zusammen.

Aber unangenehm ist es auch nicht.

Montag, 20 Uhr 15, ZDF-Fernsehfilm der Woche: „Scheidungsopfer Mann“.

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