Medien : „Ich hasse Realität“

Boris Aljinovic spielt einen „Tatort“-Kommissar. Muss er deshalb das Fernsehen lieben?

Antje Schmitz

Nehmen wir Abschied von der Vorstellung, „Tatort"-Kommissar Felix Stark sei ein Familienmensch. Er hat zwar ein Kind – das kein Zuschauer je gesehen hat – und behält immer dann die Nerven, wenn sein cholerischer Kollege Ritter ausrastet, was alle paar Minuten geschieht. Dennoch möchte Stark- Darsteller Boris Aljinovic das Bild des stets verständnisvollen, freundlich-ausgleichenden Ermittlers trüben: „Ich bin in der Rolle gelegentlich ausgesprochen unhöflich und nutze Mittel bis an die Grenzen der Legalität.“ Aljinovic sitzt im Garten des Literaturcafés, überlegt, die Hände ruhen auf dem Tisch. Der 36-Jährige mag keine starren Rollenzuschreibungen. Die „Tatort“-Krimis, in denen Felix Stark seinen Kollegen Till Ritter einbremst, muss er zuweilen als Korsett empfinden, gehen seine künstlerischen Ambitionen doch weit über diese Rolle hinaus.

Sie sind ein gutes Team, wenngleich Ritter zunehmend holzschnittartig agiert und man froh sein kann, dass Aljinovic als Stark einen schauspielerischen Ausgleich schafft. „Tot bist du!“ heißt der „Tatort“, den der Rundfunk Berlin-Brandenburg heute wieder ins ARD-Programm einspeist. Auch dieser Krimi noch aus SFB-Zeiten ist nicht frei von dem, was Aljinovic die „Bauerntheaterstrecke“ nennt: schematische Gags über die Unzulänglichkeit der Kommissare, über Ritters impulsive und schusselige Art.

Aljinovics Humor hat eine ganz andere Färbung: Er ist tiefschwarz. Der Sohn einer Berlinerin und eines Kroaten liebt die englische Komikertruppe Monty Python. Aljinovic hat neben harmlos-freundlichen Filmen wie „Der Strand von Trouville“ oder der ersten Staffel von „Klinikum Berlin-Mitte“ auch eine Komödie gedreht, die seinem Humorverständnis entspricht: „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“. Aljinovic und sein Mitspieler Jürgen Tarrach versuchen, eine Leiche verschwinden zu lassen. „Ich mag das sehr, wenn Mutter die Suppe in der Küche isst, wo die Knochen der Leiche ausgekocht wurden“, sagt er , „dass sie das so lieblich tut und so unschuldig, ist schön.“ Aljinovic scheint in jeder Beziehung ein pragmatischer Mensch mit Sinn fürs Ungewöhnliche zu sein.

Whodunits, also Krimis, die nur um die Frage kreisen, wer den Mord begangen hat, gefallen ihm nicht. „Das ist für mich Steckschach: Figur ist erzählt, hat ihre Schuldigkeit getan, Figur stirbt.“ Ursprünglich wollte der Schauspieler Comiczeichner werden. Dabei bevorzugte er den Stil, wie Hergé ihn bei seinen freundlichen „Tim und Struppi“-Comics gepflegt hat. Aljinovics Lieblingszeichner freilich war Moebius, der neben dem düsteren Westernhelden „Leutnant Blueberry“ auch die fantastischen Welten der „Sternenwanderer“ geschaffen hat. Aljinovic mag den Punkt, an dem Kunst die Grenzen der Realität überschreitet.

Sein Spektrum ist weit, er ist offen für viele Ausdrucksformen, reflektiert deren Vor- und Nachteile: Er spielt Theater, dreht für Film und Fernsehen, macht seit einigen Jahren zunehmend Hörspiele und Lesungen. „Das ist ein Ausgleichssport zum Fernsehen“, sagt der Schauspieler und nennt einen weiteren Vorteil: „Bessere Literatur fordert einen mehr und schenkt einem mehr.“ Kürzlich ist das Hörbuch „Alles ist erleuchtet“ erschienen, sechs CDs mit dem gefeierten Roman des Amerikaners Jonathan Safran Foer. Aljinovic liest ihn gemeinsam mit Florian Lukas und ist begeistert: „Ein unglaubliches Buch – mit was für Sprüngen der arbeitet!“ An diese Virtuosität komme das Fernsehen nicht heran. Es sei ganz schwer, wirkungsvoll zu filmen „wegen der unglaublichen Logistik, die jegliche Spontanität ausschließt“. Zu viele Beteiligte, zu viele künstlerische Kompromisse, und die Einschaltquote muss natürlich auch stimmen. Ein Hörspiel hingegen, das sei für ihn Erholung. Er hat mit Harry Rowohlt zusammen „Unter dem Regenwald“ von Dylan Thomas gelesen. Vier Tage Arbeit, „dann ist das abgeschlossen – super.“ Aljinovic erzählt von der DVD „Hamlet X“ einer experimentellen Videoarbeit des Volksbühnen-Schauspielers Herbert Fritsch. Darin spielen „Tatort“-Kollege Dominic Raacke und er die Shakespeare-Hofschranzen Rosencrantz und Güldenstern. Die DVD enthalte „völlig absurde Szenen“, ist also genau nach seinem Geschmack, denn Film soll abgehoben sein. „Ich hasse Realität, das ist so filmfremd“, sagt der Schauspieler. „Film ist Oper. Die genörgelte Realität hat damit nichts zu tun.“ Gleichwohl lobt er Klaus Krämers Film „Pech und Schwefel“ aus der „Polizeiruf 110“-Reihe, in dem Edgar Selge und Michaela May die Brandstiftung eines Kindes aufklären. „Ich war begeistert. Ein psychologisch hochgradig gut gebauter Film, schön und traurig.“ Allerdings weiß Aljinovic, dass nicht alle Zuschauer tiefgründige Krimis schätzen. Sie wollen Tote und Täter.

Als gebürtiger Berliner ist Aljinovic der Richtige, die Wirklichkeitsnähe der Berlin- Krimis zu beurteilen. „Wir können der Stadt nicht gerecht werden, weil sie so groß ist“, sagt der Charlottenburger; der „Tatort“ könne immer nur Ausschnitte zeigen. Der beste Berlin-Film sei „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, denn darin setze Regisseur Fritz Lang alle gesellschaftlichen Schichten in Aktion zueinander. Der Film ist von 1931.

„Tot bist du!“: ARD, 21 Uhr

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