Medien : Ich kann nix, das macht nix

„Das Supertalent“ bei RTL feiert die Mittelmäßigkeit – die Zuschauer danken es

Dagmar Rosenfeld

Man muss nicht viel können, um ins deutsche Fernsehen zu kommen. Die besten Chancen hat:

Wer mehr als ein warme Mahlzeit zubereiten kann. Fünf Hobbyköche – die Sätze sagen wie „Was der Unterschied zwischen Langustinos und Gambas ist, weiß ich jetzt auch nicht“ – laden sich beim „Perfekten Dinner“ (Vox) gegenseitig zu einem Drei-Gänge-Menü am heimischen Esstisch ein.

Wer ein verzogenes, aufmüpfiges, bisweilen randalierendes Kind hat. Dann kommt die „Super-Nanny“ (RTL) Katharina Saalfrank zu Besuch und weiht Eltern in die Geheimnisse der stillen Treppe ein.

Wer mindestens ein verzogenes, aufmüpfiges, bisweilen randalierendes Kind und obendrein einen intelligenzfreien Macho als Ehemann hat. Der kann bei „Frauentausch“ (RTL 2) für zehn Tage sein Zuhause mit dem einer anderen Frau tauschen, die mindestens ein verzogenes, aufmüpfiges, bisweilen randalierendes Kind und einen intelligenzfreien Macho als Ehemann hat.

Es ist offenbar das Banale, das beständig Quote bringt. Bemerkenswert, dass nun ausgerechnet RTL es mit Können und Begabung versucht. Zumindest klingt ein Format wie „Das Supertalent“ danach. Aber keine Angst, auf RTL ist Verlass, und so geht es am Ende doch nur um wunderbar Banales. Dafür sorgt allein schon Jurymitglied Dieter Bohlen – emsiger Belieferer des lukrativen Mainstreams, anerkannter Superjuror und Herrscher über Mittelmäßigkeitshausen.

Das Konzept der „Supertalent“-Sendung ist simpel: Jeder, der glaubt, etwas Besonderes zu können, darf das vor Publikum und einer dreiköpfigen Jury – neben Bohlen sind das Zirkuschef André Sarrasani und für die „Frauenquote“ Ruth Moschner – vorführen. Die Darbietungen reichen von Gogo-tanzenden Justizangestellten bis zu 70-jährigen Rentnerinnen, die mit Fistelstimme „Liebling, du kannst nicht immer 17 sein“ trällern und sich dabei lasziv-ungelenk über den Boden rollen. Bei manchen Auftritten beschleicht einen das Gefühl, Loriot persönlich stehe hinter der Bühne und führe Regie: Eine prallbusige ältere Dame (von Beruf Designerin von Trachtenmode für Hunde) will zusammen mit ihren drei Hündchen (alle vier, Frauchen und Hunde, im Trachtendress) jodeln. Die Darbietung beschränkt sich dann auf „Jodelü“ (sie) und „Wuff, wuff“ (die Hunde).

Ohnehin scheint es in Deutschland nicht allzu viele begabte Menschen zu geben. Es reicht gerade einmal für drei Sendungen, nach zwei Auswahlrunden ist heute bereits Finale. Zehn Kandidaten treten dann an, für sie geht es um 100 000 Euro und „den möglichen Beginn einer großen Karriere“, wie es bei RTL heißt.

Hier eine Auswahl der Finalisten und ihrer Auftritte bei den Auswahlrunden:

Udo Uhse, elf Jahre alt. Seine Eltern sind Schausteller und haben kein Geld, den Jungen zu fördern, wie die Mutter unter Tränen sagt. Udo singt mit weit aufgerissenen Kulleraugen und Heintje-verdächtiger Stimme den Schmachtfetzen „Eternal Flame“.

Daniel Carr, 45 Jahr alt, Autowerkstattmeister. Muss zwar nicht mehr gefördert werden, hatte aber trotzdem lange Geldprobleme. Ohne seine Frau, sagt er mit tränenerstickter Stimme, hätte er das nicht durchgestanden. Deswegen singt Herr Carr für sie „My Girl“, mit Teddybärblick und Teddybärplautze.

Renate, 66 Jahre, und Roswitha, 70 Jahre. Sie haben weder Geldprobleme noch sonst einen Grund zum Weinen. In hautengen Bodys turnen sie (fast) synchron auf Bänken und erinnern irgendwie an die Wackeldackel auf Autorückbänken.

Diese Nummern sind wie auch die der meisten anderen Finalisten nicht atemberaubend, aber anrührend menschlich. Perfektion wird zwar bewundert, doch Mittelmaß geht ans Herz – besonders dem deutschen Fernsehzuschauer. Warum sonst gewinnen bei Castingshows die Alexander Klaws und Mark Medlocks, die Jungs von nebenan, mit großen Träumen und mittelgroßer Begabung.

Mit den Träumen und der Begabung ist es bei den „Supertalent“-Kandidaten nicht anders. Und deswegen ist das Format auch so erfolgreich: Bei der ersten Sendung schauten 4,4 Millionen zu, bei der zweiten sogar 5,6 Millionen, und beim Finale werden es wohl noch mehr sein. Dann werden die Kandidaten mit neuen Showeinlagen auftreten, und das Publikum darf abstimmen, wer der Talentierteste im Lande ist – das Mittelmaß wird wohl einen weiteren Sieg davontragen.

So soll es auch sein, schließlich geht es um Fernsehunterhaltung und nicht um Motivationsseminare, in denen den Teilnehmern eingebläut wird: „Sie müssen schnell laufen, um dem Mittelmaß zu entkommen.“ Schnell laufen, das wollen wir ja gar nicht. Sondern sitzen, auf der Couch vor der Glotze, und mit Mittelmäßigem prächtig unterhalten werden.

„Das Supertalent“, 20 Uhr 15, RTL

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