Medien : „Ich komme eher aus der zweiten Reihe“

Der TV-Schauspieler Walter Sittler ist Familienmensch und trotzdem Arbeitstier. Und der neue Samstag abend-Detektiv im ZDF

Carla Woter

Walter Sittler ist so normal, wie er heißt. Ein zuvorkommender, zurückhaltender Mann. Angenehm – optisch und akustisch. Er erzählt in leichtem Fakten-Parlando, verfällt dabei aber nicht ins Monologisieren. Er nimmt sich Zeit für das Gespräch, gern auch am Feierabend, nach einem langen Drehtag. „Selbstverständlich. Das gehört dazu“, sagt Sittler. „Die Menschen sollen doch etwas erfahren über das, was ich mache.“

Das klingt alles nach dem letzten Gutmenschen deutscher Fernsehunterhaltung – und, man möchte fast meinen: kultivierter Langeweile? Gut und ernst sein, das ist vielleicht sein Fehler. Wenn man ihn danach fragt, sagt er jedenfalls: „Fehler? Das ist nicht mein Problem.“ Eine merkwürdige Antwort. Erst später wird er sie erklären: „Ich bin zurückhaltend. Ich komme eher aus der zweiten Reihe. Ich bin keiner, der sagt: Ich bin Euer Mann!“ Aber irgendwie ist er es dann doch geworden. Der Mann für alle Sender. Spielt zumindest auffällig viele Rollen in sämtlichen Anstalten.

Was ist sein Erfolgsgeheimnis? „Ich nähere mich den Dingen langsam. Ich wäre gern schnell, bin es aber nicht. Ich kann keinen Spagat. Und ich versuche es auch nicht.“ Mit Glamour hat der Schauspieler offenbar nichts zu tun. Er will – das ist für ihn das größte in seinem Beruf – „Geschichten erzählen“.

Kleine Episoden wie etwa als Hotel- Chef in der ZDF-Serie „Girl Friends“, oder lustige als Arzt, wie in der RTL-Comedy-Serie „Nikola“, die nach neun Jahren nun zu Ende geht. Oder rührende Geschichten, wie jetzt als Versicherungsdetektiv Max im neuen ZDF-Samstagskrimi „Gegen jedes Risiko“. Diese Figur sieht er als Vorbild. „Das ist einer mit Rückgrat, einer der wieder aufsteht, wenn er hinfällt.“ Das mag er. Seine Helden sind immer menschlich, vielleicht spielt Sittler sie deshalb so gut.

Wenn dieser Schauspieler mit Cary Grant verglichen wird, und das soll Sittler nicht selten passiert sein, hält er das nicht für einen Witz. „Nein, denn Cary Grant war eines meiner Vorbilder. Weil...“, das ist ihm ganz wichtig, „der seine Punkte nie auf Kosten anderer gemacht hat“. Du lieber Himmel, das fiele wenigen zuerst bei Cary Grant ein. Grant/Sittler, geht dieser Vergleich nicht etwas zu weit? Leichtigkeit vielleicht, Eleganz – ja, und Attraktivität! Irgendwas in der Richtung. Immerhin: Walter Sittler ist 1,94, hat dichte graue Haare, zieht sich gut an. Salz-und-Pfeffer-Hose, passende Weste, weißes Hemd. Perfektes Benehmen.

Wenn er auf der Straße angesprochen wird, freut ihn das. „Ich habe noch nie erlebt, dass einer sagt: Was haben Sie denn da für einen Mist gespielt!“ Warum auch. Der 53-Jährige macht seinen Job, ohne großes Lamento. Und er arbeitet dafür, dass es so bleibt.Verabredung in einem italienischen Restaurant in der Kölner Südstadt. Sittler ist pünktlich, damit war zu rechnen. Er will einen Rotwein bestellen. Nein, erst mal ein Kölsch. Schließlich fühlt er sich in der Stadt zu Hause. 111 Folgen „Nikola“ hat er hier gedreht. Jedes Jahr drei Monate Köln. Jetzt ist Schluss. „Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören.“

Er sagt gern Grundsätzliches. Eine Mixtur aus Lebensweisheit und Vernunft. Ironie oder gar Zynismus liegen ihm fern. Sittler ist außergewöhnlich aufrecht.

Während sich gerade Theaterschauspieler häufig fast entschuldigen, vor der Kamera zu stehen, sagt Sittler: „Ich schaue mir immer meine Arbeit im Fernsehen an. Und überlege, was könnte ich besser machen? Wo habe ich nicht sauber gespielt?“ Erkenntnisse eines Fußballfans. Und weiter: „Kollegen, die behaupten, sie tun das nicht, sagen nicht die Wahrheit.“ Deutliche Worte von dem Mann, der in Chicago aufwuchs und nicht nur in dieser Hinsicht seine alte Heimat mehr schätzt. Und tröstlich, bevor man denkt, dieser Mensch ist nur höflich.

Deutsches Bildungsbürgerdenken mag er nicht, obwohl er vielleicht Grund dazu hätte. Schließlich gehört er selbst dazu. Ging in Salem zur Schule, hat sein Handwerk an der renommierten Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München gelernt, gehörte 15 Jahre zum Ensemble des Stuttgarter Schauspiels.

Eigentlich wollte der Sohn eines Literaturprofessors Arzt werden. Walter Sittler ist das jüngste von acht Kindern. Als die Familie nach Deutschland zurückkehrt, schicken ihn die Eltern ins Internat. „Ich hätte mir das nicht ausgesucht, aber ich bin nicht gefragt worden.“ Typisch für den Jüngsten. „Nach dem schaut keiner mehr so richtig. Probleme haben immer die anderen, ich musste meine alleine lösen.“ Was zu einem seiner Lieblingssätze führt: „Das ist nicht mein Problem.“ In der Tat: Walter Sittler hat kein Problem, egal mit was. Er will auch keins haben. Ist vielleicht seine amerikanische Restwurzel. Oder er hat tatsächlich kein Problem. Er macht jedenfalls einen zufriedenen Eindruck.

Sittler hat drei Töchter, eine Frau, mit der er seit 20 Jahren verheiratet ist, und das glücklich. Jede freie Minute verbringt er mit ihnen. Wenn er dreht, geht er nicht ins Hotel, sondern er mietet große Wohnungen, damit ihn alle immer besuchen können. Ein Phänomen: Wenn dieser Mann leidet, dann höchstens darunter, zu wenig Zeit für seine Familie zu haben.

Der Erfolg gibt ihm Ruhe. „Das ist wie ein Geschenk. Ich nehme das gern an.“ Die Kritik, er sei viel zu oft auf dem Bildschirm, kann er folgerichtig nicht teilen: „Ich kenne diese Meinung. Aber das ist deutsches Bedenkenträgertum“, sagt er . „In den USA würde keiner auf die Idee kommen, das zu hinterfragen.“

Walter Sittler lebt mit seiner Familie in Stuttgart. Kennt er Heimatgefühle? „Ich beneide die, die welche haben. Aber ich kenne das nicht. Wir waren nie irgendwo lange.“ Der Schauspieler freut sich, bald ist er einen Monat bei seiner Familie, spielt den Hausmann und kocht Spaghetti für die Kinder. Seine Frau dreht eine Dokumentation über Stelzenläufer in der Ukraine, die beiden haben zusammen eine kleine Produktionsfirma. Aber wer will das sehen? Klar, was Sittler antwortet: „Das ist kein Problem. Wenn der Film fertig ist und gut.“

Walter Sittler sieht jünger aus, als er ist, 53. Er freut sich aber über sein Alter, auch das passt zu ihm: „Alt werden ist ein Gewinn. Man merkt, wie wenig man weiß, und das ist gut so.“ Wie meint er das? Zum Beispiel so: „Die Kondition lässt nach, also laufe ich nicht mehr so schnell.“ Sittlers kleine Ratgeberstunde. Wovon träumt er? Er trinkt einen Schluck Rotwein und sagt mit ungewohnter Leidenschaft: „Spielen, bis der Deckel zufällt. Egal wo.“

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