Medien : Ich, Matthias Matussek

War Hitler ein „Freak-Unfall“? Der „Spiegel“-Kulturchef bei Reinhold Beckmann

Ulrike Simon

Über eine Stunde hatte Reinhold Beckmann mit seinen Gästen über Nationalstolz, Deutschsein und Nationalhymne geredet, als er wenige Minuten vor Ende der Sendung Matthias Matussek fragte: „Was sollen wir machen: Sollen wir die erste Strophe wieder singen?“

Matussek ist seit vergangenem Jahr Kulturchef des „Spiegels“. Gäbe es eine Liste der unbeliebtesten „Spiegel“-Mitarbeiter, hätte Matthias Matussek sicherlich gute Chancen auf einen vorderen Platz. Das liegt nicht nur an der auch dem Betriebsrat bekannten Art, wie er mit Redakteuren und Redakteurinnen umgeht. Auch nicht an den Manieren, die bei einem konservativen Mittfünfziger besser sein könnten. Wem Meinungsvielfalt lieber ist als Gleichtönigkeit, der fühlte sich nach Lektüre mancher wirtschaftspolitischen Beiträge im „Spiegel“ meist durch den Kulturteil versöhnt. Anhänger binnenpluraler Vielfalt, sei es unter Lesern, sei es unter den Redakteuren, vermissen diesen Ausgleich beim „Spiegel“. Das hat viel mit Matussek zu tun.

In diesen Tagen ist sein neuestes Buch erschienen. Es heißt „Wir Deutschen“, und das, obwohl es vor allem von einem Deutschen handelt: von Matussek selbst.

Schon vor einer Woche sollten bei Beckmann Matussek, Alice Schwarzer, Florian Langenscheidt, Til Schweiger, Hugo Egon Balder und Gregor Gysi über „die neue Lust am Nationalstolz“ diskutieren. Gesendet wurde sie erst an diesem Montag – aus organisatorischen Gründen, heißt es. Keine organisatorische, sondern inhaltliche Gründe waren es, weshalb die von Matussek ausgewählten Auszüge seines Buches nicht den Weg in den „Spiegel“ vom 22. Mai fanden. Cordt Schnibben, aber auch andere, bis hinauf in die Chefredaktion, wehrten sich gegen den Abdruck. So landete der Vorabdruck bei der „Welt am Sonntag“ – zu deren eigener Verwunderung, ging man bei Springer doch davon aus, dass das der „Spiegel“ macht.

Matussek gibt in seinem Buch den Linken und politisch Korrekten Schuld, dass es immer wieder ums Dritte Reich geht, wenn von deutscher Geschichte die Rede ist. Auf Seite 14 schreibt er: „(…) keiner wagte auch nur den Gedanken, dass Hitler ein Freak-Unfall der Deutschen war (…)“.

Beim „Spiegel“ sieht man das doch noch anders. Im aktuellen Gespräch mit Irans Präsident, der findet, in Deutschland müsse endlich Schluss sein mit dem Schuldkomplex, antworten die Redakteure: Gerade die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sei die große Leistung der Deutschen; von der Schuld könnten wir uns nicht frei machen. Bei Beckmann vertrat diese Ansicht übrigens nur einer vehement: Til Schweiger.

Auf gute Verkaufszahlen und eine Debatte in seinem Sinn kann Matussek vertrauen: dank eines Netzwerks befreundeter Journalisten von Springer bis „FAZ“, die sich gegenseitig loben und zitieren und Kritiker mit mildem Lächeln abwerten.

Auf die Frage nach der ersten Strophe des Deutschlandlieds antwortete Matussek übrigens: Nach der langen Phase dieser linken „Nie-wieder-Deutschland“-Haltung bevorzuge er ein positives Grundgefühl zum eigenen Volk. Florian Langenscheidt immerhin widersprach, die Deutschen seien schlecht beraten, wie Matussek nun ins andere Extrem zu fallen.

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