Medien : Ich sende was, was du nicht siehst

Deutschlands bester Fußballreporter arbeitet fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Warum tut er das? Ein Tag mit Marcel Reif

Sven Goldmann

Es ist Sonntagnachmittag, kurz vor halb sechs, als in Marcel Reif der Fußballfan durchgeht: „Tor!“ schreit der Reporter, er springt hoch aus seinem roten Stuhl auf der Pressetribüne, gerade hat Schalke das 2:0 gegen den FC Bayern geschossen. Na, wenn das die Münchner sehen. Die halten Reif schon immer für einen feindlichen Agenten, eingeschmuggelt, um Verderben über Deutschlands erfolgreichsten Klub zu bringen. Vor drei Jahren, nach der Sezierung eines müden Auftritts in der Champions League, dachte Bayerns Manager Uli Hoeneß laut über einen Boykott gegen Reif nach. Diesmal wird es keine Proteste geben, keine Briefe wütender Fans. Premiere überträgt die Bundesliga ausschließlich im Internet-Fernsehen, das zurzeit einen großen Nachteil hat: Kaum einer sieht es. Marcel Reif, Deutschlands beliebtester Fußballreporter, kommentiert unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Vor drei Jahren hat der Bezahlsender Premiere noch den Deutschen Fernsehpreis bekommen. Für die Bundesliga-Konferenz, ein in Europa immer noch einmaliges Format. Reif stand mit seinen klugen Reportagen für die inhaltliche Qualität. Premiere produzierte ein attraktives Programm, verdiente damit aber kaum Geld. Die Zahl der Abonnenten stagnierte bei dreieinhalb Millionen, wofür Premiere-Chef Georg Kofler die ARD-Sportschau verantwortlich machte: Solange Fußball zu einer attraktiven Zeit im Free-TV laufe, werde sich Pay-TV nicht rechnen. Als die Deutsche Fußball-Liga (DFL) im vergangenen Herbst die Fernsehrechte neu ausschrieb, knüpfte Kofler sein Angebot an ein Free-TV-Verbot für den frühen Samstagabend. Die DFL aber fürchtete den Aufschrei der Öffentlichkeit und vergab die Rechte an den noch gar nicht gegründeten Sender Arena.

An diesem 20. Dezember 2005 brach im Münchner Vorort Ismaning Endzeitstimmung aus. Die Premiere-Aktie brach zeitweise um 40 Prozent ein. Marcel Reif fühlte sich „wie ein kleines Kind, das ein paar Tage vor Weihnachten erfährt, dass es keine Geschenke gibt“. In Gedanken spielte Reif schon mal eine Zukunft ohne Bundesliga durch. Wer dachte damals schon an Internet-Fernsehen?

Die Rechte für das sogenannte IP TV hatte die DFL zum ersten Mal ausgeschrieben und dabei wahrscheinlich an die Übertragung auf Laptop oder PC gedacht. IP TV aber funktioniert wie ganz normales Fernsehen, nur wird das Signal nicht über die Fernsehleitung, sondern über das Internet übertragen. Marcel Reif hat es sich mal von seinem Sohn erklären lassen: „Papa, du steckst deinen Stecker in die Dose und bekommst dafür Internet, Telefon und Fernsehen in einem.“

Die Deutsche Telekom investiert drei Milliarden Euro in ihr Internet-TV-Angebot T-Home. Die Bundesligarechte gab es für gerade mal 50 Millionen Euro. Die Bonner engagierten Premiere als Dienstleister und bauten dann zum Einstand gleich ein neues Studio. Als Experten gönnt man sich Kapazitäten wie Franz Beckenbauer, Matthias Sammer und Ottmar Hitzfeld. 200 Mitarbeiter sind an einem Bundesliga-Wochenende im Einsatz. Premiere produziert mit einem Aufwand, als habe sich nichts geändert. Nur das Publikum fehlt.

Marcel Reif sagt: „Ich habe 1994 vor 24 Millionen Menschen das WM-Finale übertragen und damals auch nicht gesagt: So viele Leute, das traue ich mir nicht zu.“ Soll er jetzt über zu wenig Zuschauer klagen? „Die Arbeit bleibt die gleiche. Es macht mir Spaß, ein Fußballspiel zu erklären. Sollte ich mal darüber nachdenken, dass es für die paar Leute nicht lohnt, höre ich sofort auf.“

Nehmen die Kollegen in Ismaning den Job unter den veränderten Bedingungen genauso ernst wie der Reporter? Martin Schreiber versteht die Frage nicht. „Wir sind alle froh, dass wir die Bundesliga weiter zeigen dürfen“, sagt der Sendeleiter. „Und wir sind Profis genug, die perfekten Möglichkeiten zu schätzen.“ Die vier Großbildschirme hinter den Moderatoren können zu einer riesigen Matrix zusammengeschoben werden. Gegenüber hängen sechs kleinere Schirme, sie drehen sich wie Ventilatoren und halten das Bild für den Betrachter doch immer zentriert. „So ein Studio gibt es in ganz Europa nicht“, sagt der Sendeleiter.

Einen Hof weiter auf dem Gelände in Ismaning sitzen die Kollegen von Arena. Man kennt sich, ein paar Reporter haben im Sommer die Seite gewechselt und arbeiten jetzt bei Arena. Für Reif war das nie ein Thema. „Die Beziehung ist gewachsen, so etwas beendet man nicht so einfach.“

Die ersten Tage in der Bundesliga waren hart. Die Telekom ließ sich mit dem Start von T-Home Zeit bis Oktober. Die Saison aber begann im August, und die „Süddeutsche Zeitung“ rechnete hämisch vor, den Start des Internet-Fernsehen hätten exakt 43 Haushalte sehen können. Das neue, superschnelle Glasfasernetz VDSL ist noch im Aufbau, mittlerweile soll eine vierstellige Zahl von Haushalten empfangsbereit sein. So viele schauen bei einem Oberligaspiel zu. „Am Anfang kamen schon ein paar dumme Sprüche“, sagt Reif. Und doch spüre er die gewachsene Akzeptanz, Ergebnis der Arbeit der vergangenen Jahre. Niemand habe sich einem Interview verweigert mit dem Argument: „Euch sieht doch keiner.“ In Gelsenkirchen klopft ihm Bayerns Trainer Felix Magath zur Begrüßung auf die Schulter. Danach geht es in die Maske. Auch ein paar tausend Zuschauer haben ein Recht auf geschminkte Reporter.

Eine halbe Stunde vor Spielbeginn steigt Reif die Treppen hinauf zu seinem Kommentatorenplatz. Ein Schalker Ordner ruft: „Herr Reif, warum sind Sie eigentlich immer für die Bayern?“ – „Sagen Sie das mal dem Hoeneß, der sieht das genau andersherum.“ Vor seinem Monitor sieht es aus wie seit 20 Jahren. Zu jedem Spiel erstellt Reif ein handgeschriebenes Dossier mit roten und gelben, blauen und grünen Kringeln. Schalkes Trainer setzt überraschend den Ersatztorhüter ein. Nach kurzem Blick in das bunte Dossier weiß Reif: Der Ersatztorhüter ist gerade 20 Jahre alt und doch der dienstälteste Schalker, denn er kommt aus der eigenen Jugend. Es ist die Liebe zum Detail und die Fachkenntnis, die Reif auszeichnen. Und er kann ein Fußballspiel atmen lassen. Ein Schalker Stürmer geht spektakulär zu Boden, die Zeitlupe entlarvt ihn als Schauspieler. Reif sagt erst mal gar nichts, er lässt das Bild wirken und meint: „Das war aber frech.“ Touché!

Es ist ein seltsames Spiel in der Schalker Arena. Die Schalker Fans sind böse auf ihre Mannschaft und stellen jede Unterstützung ein, für 19 Minuten und vier Sekunden, Reminiszenz an die Klubgründung im Jahr 1904. Die letzten Sekunden des selbst auferlegten Schweigens werden mit rhythmischem Klatschen begleitet, dann ist 1904 vorbei, ein Jubelsturm bricht los. Zwei Sekunden später drischt der Schalker Kobiaschwili den Ball zum 2:0 ins Tor und Reif springt hoch. Nicht, weil es gegen die Bayern geht, sondern weil die akustische Entstehungsgeschichte dieses Tors so großartig ist. Vielleicht ist Marcel Reif Bayern-Fan, vielleicht ist er auch SchalkeFan, ganz bestimmt ist er Fußballfan. Schade, dass es kaum einer mitbekommen hat, am Sonntag um kurz vor halb sechs auf Premiere.

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