Medien : „Ich traf einen verzweifelten Menschen“

Benjamin von Stuckrad-Barre gibt der Filmemacherin Herlinde Koelbl Einblick in sein Leben auf Drogen

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Frau Koelbl, Sie haben einen erstaunlichen Dokumentarfilm über den Schriftsteller Benjamin von StuckradBarre gedreht: Er berichtete Ihnen von seinen bulimischen Anfällen und Puff-Besuchen. Sogar am Krankenbett der Drogenentzugsklinik ließ er sich von Ihnen filmen.

Die Treffen mit ihm haben mich gedanklich wochenlang verfolgt: Wenn ein Mensch so in Not ist, kann man da nicht nur jobmäßig rangehen.

Normalerweise spielen Prominente vor Journalisten eine Rolle. Stuckrad-Barre führt Sie hingegen gleich zu Anfang Ihres Films durch seine völlig vermüllte Wohnung: Boden und Bett sind übersät mit schmutziger Wäsche, CD-Hüllen, Büchern. Da muss man doch denken: Das gibt es doch gar nicht.

Es war, ja, ein Schock. Meine erste Frage im Film ist: Können Sie da schlafen? Daran sieht man meine Überraschung. Ich glaube, er war damals in einem Zustand, wo es ihm egal war. Er war drogensüchtig, er hatte den Bezug zur Wirklichkeit verloren.

Hatten Sie nicht manchmal das Gefühl, den muss ich schützen, den muss ich zurückhalten in seiner Lust, so viel von sich preiszugeben?

Nein. Mir war es aber sehr wichtig, dass ich verantwortungsvoll mit ihm umgehe. Als er mich anrief, bemerkte ich gleich, dass er in der Krise steckte. Sein Zustand war schwebend: Man wusste nicht, ob und wie er sich verändern wird. Ich habe vorgeschlagen, dass wir uns hin und wieder treffen. Ich würde ihn über seinen Zustand befragen. So wie Tagebuch-Eintragungen. Was ich letztlich damit machen wollte, ließ ich offen. Ich besuchte ihn immer allein, war selbst Kamerafrau und Tonfrau. Erst als er sich wieder gefangen hatte, wandte ich mich an einen Sender, um den Film zu veröffentlichen.

Stuckrad-Barre hat Sie angerufen, damit Sie einen Film über ihn machen?

Er wollte mit mir über seine Krise sprechen und sie damit auch öffentlich machen. Ich entschied mich dann für das Medium Film.

Warum wollte er das?

Ich hatte ihn früher einmal fotografiert. Dabei stellte ich ihm ein paar Fragen, von denen er wohl dachte: Die hätte ich mir selbst stellen sollen. Über den Film wollte er, wie er sagte, wieder mit sich selbst ins Gespräch kommen. Er hatte damals den Bezug zu sich verloren.

Glauben Sie, dass Fernsehen so etwas leisten kann: Fernsehen als Selbsterkenntnis-Instrument?

Fernsehen als solches nicht. Aber ich denke schon, dass unsere Gespräche ihm mehr Klarheit gaben.

Ihr Film heißt „Rausch und Ruhm“. Wollten Sie zeigen, was für einen Preis schneller Erfolg in den Medien haben kann?

Nein. Denn dass hieße, nur eine These belegen zu wollen. Das würde mich limitieren, da wäre ich ja gar nicht mehr neugierig. Ich lasse mich auf Entwicklungen ein. Ich habe einen tief verzweifelten Menschen getroffen. Einen Menschen, der ganz anders als das öffentliche Bild war, das man von ihm hatte: Er hatte ein unglaublich geringes Selbstwertgefühl.

Das ist einer der Schlüsselsätze im Film: Benjamin von Stuckrad-Barre sagt, dass er sich selbst nicht mag. Glauben Sie ihm das?

Ja, selbstverständlich. Er fand sich hässlich, dick, nicht liebenswert, obwohl die jungen Mädchen ihn ja bewunderten. Ich wollte die Nöte dieses Menschen darstellen, die andere Seite, die er in der Öffentlichkeit überspielt, nicht zeigt…

…jetzt doch zeigt...

…ja, jetzt schon.

Hatten Sie mal den Eindruck, dass er sich in seinem Leiden selbst inszeniert?

Absolut nicht. Ihm ging es so schlecht. Er wollte die Karten auf den Tisch legen.

Man hat den Eindruck, Stuckrad-Barre hat neben der Drogensucht eine Öffentlichkeitssucht: Wie er früher Anerkennung nicht bei ein paar Freunden, sondern bei Hunderttausenden suchte, sucht er jetzt Mitleid und Verständnis beim anonymen großen Fernsehpublikum.

Benjamin von Stuckrad-Barre wird nie völlig zurückgezogen leben. Das ist nicht seine Art, er braucht Öffentlichkeit. Wobei er jetzt in Zürich plötzlich in einer Welt ist, in der er nicht der erfolgreiche Schriftsteller sein muss, um geliebt zu werden. Er merkt, dass er auch so gemocht wird.

Setzten Sie seiner Offenheit auch einmal eine Grenze ?

Ja, ich habe auch Filmmaterial nicht verwendet.

Sie haben in Ihrer Dokumentation „Spuren der Macht“ die Mächtigen des Landes wie Gerhard Schröder und Joschka Fischer über Jahre begleitet. Steckt hinter den Bildern, die wir von Spitzenpolitikern haben, auch jemand ganz anderes?

Meistens nicht. Als ich beispielsweise Angela Merkel Anfang der 90er traf, war sie ganz am Anfang ihrer Karriere. Damals gab es noch den privaten Menschen neben dem öffentlichen. Aber mit den Jahren passte ihr die Maske immer besser. Manchmal können Politiker die öffentliche Rolle, die sie täglich spielen, überhaupt nicht mehr ablegen. Die Politik ist um einiges härter als die Literaturszene, da muss man sich noch besser schützen.

Das Interview führte Barbara Nolte.

„Rausch und Ruhm“: Mittwoch, 2. Juni, 22 Uhr 25.

Am Montag, den 7. Juni, läuft der ebenfalls sehenswerte Dokumentarfilm „Ich war hier“, bei dem Benjamin von Stuckrad-Barre selbst Autor ist. Der Schriftsteller reist auf der Suche nach Klosprüchen, Gekritzel auf Bushäuschen und Einträgen in Gästebücher durch Deutschland. NRD, O Uhr.

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