Medien : Ich und der Rest der Welt

So charmant wie eitel: Alfred Biolek erzählt in Berlin sein Fernsehleben

Kerstin Decker

In Billy Wilders „Sunset Boulevard“ schaut sich eine alternde Stummfilmdiva am liebsten ihre alten Filme an, die niemand mehr sehen will – allein, nur assistiert von ihrem Diener (Erich von Stroheim). Das ist der völlig falsche Ansatz, muss sich Alfred Biolek gedacht haben: Wenn ich schon meine alten Shows ansehe, also meinen höchstpersönlichen Homevideoabend mache, dann möchte ich wenigstens, dass mir andere dabei zusehen. Am besten Tausende, am besten das ganze Land! Darum befindet sich Alfred Biolek jetzt mit seinen alten Fernsehausschnitten auf Deutschlandtournee. Ein durchaus merkwürdiges Format. Alfred Biolek bei sich selbst zu Gast.

Das Tipi-Zelt in Berlin steht gleich neben dem Bundeskanzleramt, und auf der Bühne des Tipi-Zeltes steht links ein Klavier, in der Mitte eine große Leinwand und rechts ein Stuhl mit weißem Lilienbusch dahinter und in dem Stuhl sitzt Biolek. Von der Leinwand hört er sich gerade als „Denkmal der anspruchsvollen Fernsehunterhaltung“ gewürdigt und ein wohlgefälliges Lächeln umspielt den Gourmet-Mund. Biolek schmeckt auch Komplimente ab und versucht erst gar nicht, das Lächeln zu verstecken, das hat er noch nie getan. Der Mann mag sich wirklich. Vielleicht ist das Bioleks Hauptverdienst während seiner über 40 Fernsehjahre: Er hat den Deutschen ein entspanntes Verhältnis zu sich selbst vorgelebt. Und er hob sacht die Grenze zwischen Ernst und Unterhaltung auf, aber so, dass es nicht unpassend wirkte, wenn er auch mit zwei jüdischen Schwestern sprach, die im Lagerorchester von Auschwitz überlebt hatten.

Bei den „Tips für Autofahrer“ hat Biolek angefangen. Dabei befand sich der promovierte Jurist ursprünglich in absolut sicherer Bildschirmentfernung: nämlich als Assessor in der Rechtsabteilung des ZDF. Seine Gabe, Witze zu erzählen, hat ihn da rausgeholt, sagt er. Das Sympathische an Biolek ist, dass er fast nichts ganz perfekt macht, auch nicht das Witzeerzählen. Doch schon im nächsten Augenblick ahnen wir, dass wir Alfred Biolek irgendwie tatsächlich unser Lachen verdanken. Er war es, der – nach langer beharrlicher Überredung – Monty Python’s nach Deutschland geholt hat, als die noch niemand kannte. Und so zeigt Biolek noch einmal den 100-Meter-Lauf der Männer ohne Orientierungssinn, die 200-Meter-Brust der Nichtschwimmer und immer so weiter. Das ist sublimer Bildwitz, Biolek spielt auch mit, und spätestens jetzt hält er sein Publikum in der Hand. Und er fügt an, was erwartbar war und doch leicht schockiert: Dass die Deutschen das damals gar nicht lustig fanden.

40 Jahre Fernsehen sind also auch 40 Jahre Arbeit am Zuschauer. Und es sind 40 Jahre Biolek: als Produzent von Rudi Carrells „Am laufenden Band“, als Gastgeber vom „Kölner Treff“ über „Bios Bahnhof“ bis zum „Boulevard Bio“. Und nie wusste man, wer der Mann da vorn eigentlich war. Ein Showmaster wohl nicht. Auch kein Interviewer, dazu war er zu weich. Aber Biolek stört das nicht. Eine Hummel kann schließlich auch nicht fliegen. Aerodynamisch gesehen völlig unmöglich. Biolek: „Aber die Hummel wusste das nicht und flog trotzdem!“

Ich führe keine Interviews, ich führe Gespräche, stellt Biolek fest. Und dann kommt Klaus Wowereit, Biolek möchte mit Wowereit ein Gespräch führen, da führt Wowereit ein Gespräch mit Biolek. Noch nie sei er so hungrig aus einer Kochshow gekommen wie damals bei ihm. Nach zehn Minuten würde sich niemand wundern, wenn nun Biolek aufstehen und sich artig verabschieden und Wowereit allein weitermachen würde. Die schlechten Nachrichten aus Karlsruhe scheinen wie ein Lebenselexier auf den Regierenden Bürgermeister zu wirken. Wo liegt eigentlich Karlsruhe?

Der leise Zwiespalt des Abends bleibt. Mit jedem Satz, den Biolek über andere sagt, sagt er auch immer Ich! Ich! Ich und Sammy Davis jr. Ich und Hermann van Veen, dessen Alfred Jodocus Kwak doch nicht ganz zufällig Alfred heißt. Ich, der große Talente-Entdecker – ein „Talent“ hat er mitgebracht: die wunderbare Helen Schneider, die seit einer Woche Berlinerin ist, auch weil die Stadt sie so an das New York von früher erinnert. Ein bisschen verwahrlost, und wer weiß, ob Berlin in der nächsten Woche die Polizei bezahlen kann?

Ein neues Buch hat Biolek auch. Es heißt nicht „Bio. Das Leben“, sondern „Bio. Mein Leben“. Wer es aufschlägt, erfährt in der ersten Zeile: „Vor Ihnen liegt mein Leben.“ Das ist nicht gerade wenig, aber schon der nächste Satz verrät: Er hat es nicht selbst geschrieben. Denn er könne das nicht, ein weißes Blatt Papier bereite ihm tiefes Unbehagen. Vielleicht sind nur die wahrhaft Eitlen zu so viel Uneitelkeit fähig. Und er weiß auch, dass er, Alfred Biolek, nur unter zwei Bedingungen möglich war: „... solange es höchstens drei Programme und keine Fernbedienung gab.“

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