Medien : „Ich vermisse den Kampfgeist“

Merkels Biograf Müller-Vogg über die Medienauftritte der Kanzlerkandidatin

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Herr MüllerVogg, hat Angela Merkel Angst vor den Medien?

Nein. Sie agiert sehr zurückhaltend.

Bisher sah man sie kaum im Fernsehen.

In der Union, die stolz ist auf ihre christlich-sozialen Wurzeln, wird das Recht auf Freizeit sehr hoch gehalten. Frau Merkel war vier Tage in Bayreuth, dann in der Uckermark, jetzt Salzburg. Die Büroleiterin war im Urlaub, die Pressesprecherin. Das ist alles etwas…

…unprofessionell?

Nein, aber ich vermisse den Kampfgeist. Man kann natürlich sagen: Wir atmen jetzt durch, weil wir nach der Wahl keine Zeit mehr haben. Nur: Wer zu tief durchatmet, hat vielleicht hinterher sehr viel Zeit.

Wie lässt sich Angela Merkel beraten?

Ich gehöre nicht zum „Inner Circle“. Ich weiß nicht, wer da alles mitspricht. Das bisherige Leitmotiv scheint zu sein: Wir liegen so weit vorne, wir können die Wahl nur verlieren, indem wir uns selbst ins Knie schießen.

Deshalb weicht sie einem zweiten TV-Duell aus?

Also, die Duelle: Es ist schon seltsam, dass der Amtsinhaber die Herausforderin herausfordert. Eine völlig verquere Situation. Trotzdem ist es das Falscheste, zu sagen: Die Kandidatin hat keine Zeit, sie braucht drei Tage Vorbereitung. Wer Kanzler werden will, muss aus dem Stand heraus diskutieren können. Das kann sie auch.

Also liegt es an den Beratern?

Das lief sehr negativ. Das Vorduell hat Schröder gewonnen.

Was ist die größte Gefahr für Merkel?

Das Offizierskorps, die erste Reihe der CDU. Die stehen am Rand des Schlachtfelds und beobachten mit Interesse, was die Generalstabschefin so treibt – ohne einzugreifen.

Gibt es welche, die nicht wollen, dass sie gewinnt?

Wer ist ihr denn beigesprungen nach den Angriffen wegen des Brutto-netto-Versprechers? Nur Generalsekretär Kauder.

Noch mal, wollen die CDU-Männer, dass Merkel verliert?

Es gibt welche, die sagen: Wenn Merkel gewinnt, ist es gut – wenn Merkel verliert, auch.

Wer denn?

Alle, die ihr in den letzten Wochen nicht beigesprungen sind.

Alle außer Volker Kauder?

(Lacht)

Zurück zum TV-Duell am 4. September: Ist Merkels mangelhafter Medienumgang vielleicht auch ein Vorteil? Alle erwarten, dass Schröder haushoch gewinnt.

Wenn der Favorit keinen K.-o.-Sieg landet, hat er verloren. Ein Punktsieg Schröders reicht nicht aus. Dazu kommt: Es geht gegen eine Frau. Schröder neigt dazu, Gegner spüren zu lassen, dass er von ihnen nicht viel hält. Das kann bei einer Frau schnell nach hinten losgehen.

Wenn Schröder einen Moment lang als Macho rüberkäme…

…hätte sie gewonnen. Haushoch!

Nachdem Sie 2001 von der FAZ weggingen…

…ich bin gegangen worden. Auf diesen Unterschied lege ich Wert.

Seitdem schreiben sie als Kolumnist für Springer. Durch den Erwerb von ProSiebenSat1 entsteht dort gerade eine riesige Medienmacht. Sorgen um ihre Unabhängigkeit?

Bei mir gibt es ganz klare vertragliche Regelungen.

Da wird nicht rumredigiert?

Da wird nicht rumredigiert ohne Rücksprache.

Welches konservative Medium würde sich am meisten über einen Wahlsieg Merkels freuen?

Schwierige Frage. Die „FAZ“ würde die Freude natürlich nicht zeigen. Springer? Da müssen sie sagen, wer bei Springer. Wenn es das je gegeben haben sollte, dass der Vorstand eine Parole für alle ausgegeben hat, kann ich das heute nicht mehr erkennen. Ich glaube, auch bei den Springer-Blättern gibt es viele, die zwei Herzen in ihrer Brust haben: das des Staatsbürgers, der sagt „ich bin für den Wechsel“ – und das des Journalisten, der sagt „schade, gegen die anderen schreiben ist einfacher.“

Kritik macht mehr Spaß?

Es gibt einen Journalisten bei der „Frankfurter Rundschau“, den ich sehr schätze, der hat mir gesagt: „Journalistisch wäre es viel schöner, die CDU würde die Wahl gewinnen.“ Es wird bei allen Zeitungen Journalisten geben, die beruflich bedauern, was sie als Wähler feiern – und umgekehrt.

Bei der „taz“ knallen die Korken, wenn Merkel gewinnt?

Mit Sicherheit. Und ebenso bei allen Kabarettisten. Das Gespräch führte Felix Serrao.

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