• „Ich vertraue dem Regisseur das gemachte Bett an “ Produzent Nico Hofmann über das Rezept erfolgreicher Filme, Kohl als Dramen-Stoff und den Deutschen Fernsehpreis, der morgen verliehen wird

Medien : „Ich vertraue dem Regisseur das gemachte Bett an “ Produzent Nico Hofmann über das Rezept erfolgreicher Filme, Kohl als Dramen-Stoff und den Deutschen Fernsehpreis, der morgen verliehen wird

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Sie sind elf Mal für den Deutschen Fernsehpreis nominiert, so oft wie kein anderer Produzent. Ist ein erfolgreicher Film planbar?

Ja, ich glaube, dass man einen Film komplett designen kann, auch wenn das Wort vielleicht ein bisschen seltsam klingt. Unser Gewerbe ist manipulativ, Sie können einen Film bis ins letzte Detail durchstimulieren: bis in die Besetzung, die Musik hinein. Unsere neue Serie „Verschollen“, die wir für RTL produzieren, wurde mit der Marktforschung gezielt für Frauen zwischen 20 und 49 Jahren getestet – von der Erotik der Männer bis hin zum Anteil der Sexualität in jeder Folge. Und „Verschollen“ läuft tatsächlich sehr erfolgreich in der Zielgruppe. Man darf sich nicht vorstellen, dass Film Zufall ist.

Wenn es so einfach ist, dürfte es keine Flopps geben.

Nicht alle Produzenten arbeiten mit aller Rigorosität an ihren Programmen. Viele sind schicksalsergeben der Meinung, dass das Gelingen purer Zufall ist.

Selbst US-Kinofilme floppen…

…das können Sie nicht vergleichen, die werden in hoher Stückzahl im Kino auf den Markt gepresst. Beim Fernsehen hingegen weiß man für jeden Sendeplatz, ja für jede Sendeminute, wie das maximal erreichbare Publikum aussehen könnte: inklusive Alter, Geschlecht, Einkommen.

Welche Ingredienzen braucht ein guter Filmstoff? Im Buchmarkt gilt Frank Schätzings „Der Schwarm“ als Musterbeispiel: Es hat eine starke Handlung, ein wissenschaftliches Thema als Hintergrund und eine Liebesgeschichte…

…die Rechte würde ich wahnsinnig gerne kaufen, aber Schätzing verkauft nicht, er wartet auf Hollywood.

Zurzeit dominieren bei den TV-Stoffen offenbar immer noch die deutschen Mythen. Beim Deutschen Fernsehpreis zählen „Das Wunder von Lengede“ und Ihre Produktion „Stauffenberg“ zu den Favoriten.

Die Zuschauer haben ein Bedürfnis, sich mit deutscher Geschichte zu beschäftigen. Das sieht man auch am Riesenerfolg vom „Untergang“. Aber so ein Film funktioniert nur, wenn der Stoff mit dem Zeitgeist in Verbindung steht. Man muss zum Zeitpunkt der Ausstrahlung einen bestimmten emotionalen Kern treffen.

Was meinen Sie mit emotionalem Kern?

Wir produzieren jetzt zum Beispiel einen Film über die Hamburger Sturmflut für RTL. Darin ist der emotionale Kern die Solidarität der Menschen untereinander. In Zeiten von Hartz IV ist das ein Zeitgeist- Thema. Der Film wird zwar erst im Herbst 2005 ausgestrahlt, aber ich sage Ihnen, die Deutschen werden dann mehr denn je nach emotionalen Lösungen für ihre sozialen Probleme suchen.

Sie haben das Leben der Publizistin Carola Stern produziert, der Film wurde von der Kritik hoch gelobt, aber von den Zuschauern nur mittelmäßig angenommen.

Ich unterscheide immer: Mit Carola Sterns Leben erreichen Sie drei Millionen, und das ist dann okay. Wenn ich aber mit dem Film mit Veronica Ferres über eine Liebe in Afrika, den wir jetzt der Presse vorstellen, unter sechs Millionen bliebe, wäre das ein Misserfolg. Sie glauben gar nicht, wie oft ich im Schneideraum sitze, an dem Musikdesign arbeite, nur um den Film zu perfektionieren. Es gibt keine Zufälligkeiten.

Was kann ein Produzent alles für seinen Film tun?

Bei der Sturmflut ist jede Besetzung von mir geplant: Regie, Kamera. Bis zur möglichen Verwertung des fertigen Films mit Fotostrecken in Zeitschriften.

Bei so viel Kalkül – wo bleibt die künstlerische Freiheit?

Sie ist das höchste Gut am Drehort. Ich vertraue dem Regisseur das gemachte Bett an und erwarte von ihm, dass er mit großer künstlerischer Freiheit eine einzigartige Form erreicht.

Sie haben für die Rolle des Helmut Schmidt, der damals Hamburger Innensenator war, Harald Schmidt besetzt. Eine großartige PR-Idee.

Das ist kein Namedropping. Schmidt ist ein hervorragender Schauspieler.

Aber Harald Schmidt ist ein Humorist, Helmut Schmidt steht für Anti-Humor...

Harald Schmidt war auch in seiner Show sehr gebildet und ernsthaft. Und wenn Harald Schmidt sich als Kanzler zur Wahl stellen würde, würde er die Wahl wahrscheinlich gewinnen.

Fast jedes große deutsche Ereignis ist fürs Fernsehen in den vergangenen Jahren nacherzählt worden. Es gibt eine Guido- Knoppisierung der Fiktion...

Knopp macht das Gegenteil von mir. Einen Knopp-Film erkenne ich in zwei Minuten. Ich möchte aber, dass unsere Filme völlig verschieden sind. Viele historische Fernsehspiele sind das auch. Den Film über die Ost-Schriftstellerin Brigitte Reimann, der ebenfalls für den Fernsehpreis nominiert ist, finde ich zum Beispiel hervorragend: Er ist ganz eigen, nicht auf der Historical-Mechanism-Schiene.

Die Nazi-Zeit muss für Fernsehfiktion irgendwann ausgeschöpft sein.

Nein. Jede neue Schauspieler-Generation wird die Rollen anders verkörpern; was vorher Curd Jürgens war, ist heute Sebastian Koch. Und jede neue Generation Regisseure wird ihre eigene Sicht auf die Historie haben.

Dann ist es ja fast wie beim Theater: Die Theaterregisseure bedienen sich aus dem Fundus der klassischen Dramen, die Fernsehregisseure aus dem Fundus der deutschen Mythen.

Wenn es so einfach wäre, müssten wir zwanzig gute Filme im Jahr haben.

Woran scheiterte etwa der Film über Dieter Baumann in diesem Sommer? War Baumann den Leuten zu unsympathisch?

Dieter Baumann ist durch die „Bild“-Zeitung rauf- und runterdekliniert worden. Hier fehlte wieder der einzigartige Ansatz: Man hätte sich stärker in den Bereich der Verschwörungstheorie vorwagen, einen Thriller erzählen müssen. Der Film wollte aber allen gerecht werden, und im Mittelweg liegt immer der Tod.

Welcher Stoff liegt denn Ihrer Ansicht nach für Dokudramen in der Luft?

Rudi Dutschke und die außerparlamentarische Oppositionszeit. Und zwar als Moment einer Befreiungsbewegung, als moderner Widerstand.

Schauen Sie selbst etwas anderes im Fernsehen als Fernsehfilme?

Ich schaue in der Tat alles: Maischberger, Christiansen, sogar „Big Brother“. Für mich gehört das zum soziografischen Umfeld: Was gibt es für Stimmungen…

Und?

Ich glaube, die Zuschauer wollen Wärme und nichts Brutales, Blutrünstiges sehen: Deshalb hat die Schönheitsoperationsserie „Beauty Queen“ auf RTL große Schwierigkeiten. Wenn die Serie damit beginnt, dass in einer Bettszene zwischen Arzt und Patientin die Wattebäusche aus der operierten Nase ploppen, da schalten die Mütter mit ihren Kindern um, so gut das Format handwerklich produziert sein mag.

Viele Formate, auf die die Sender im Herbst setzten, sind Misserfolge – auch die Dokusoap mit John de Mol. Sehen Sie einen übergreifenden Fernsehtrend fürs nächste Jahr?

Die Fernsehlandschaft teilt sich immer mehr in zwei Blöcke: Viele Zuschauer benutzen das Fernsehen mehr denn je als eine Art „Bild“-Zeitung. Sie wollen möglichst schnell Emotionen, und wenn die Emotionen nach ein paar Minuten nicht kommen, schaltet das Publikum auf einen anderen Kanal. Andererseits gibt es diese großen Produktionen, die so genannten Events mit langer Verweildauer. „Stauffenberg“ ließ der durchschnittliche Zuschauer 73 Minuten eingeschaltet.

Sie kommen aus Mannheim, Ihr Vater ist gut bekannt mit Helmut Kohl. Wäre Kohl nicht eine Figur für ein Dokudrama?

Klar, je mehr er sich von seiner Amtszeit wegbewegt, desto mehr wird er ein Thema. Man könnte Helmut Kohl in Form eines sehr anspruchsvollen Biopics produzieren, man müsste ihn nur zum Interview mit dabei haben. Thomas Schadt und ich sind bei einem solchen Projekt im Moment schon weiter, als ich hier und heute äußern will.

Das Gespräch führte Barbara Nolte.

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