Medien : „Ich wäre traurig, wenn es nicht weiterginge“

Oliver Welke über das mögliche Ende von „ran“, junge Götter im Fußball und Kahns entgleistes Gesicht

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Herr Welke, morgen geht die Bundesliga Saison nach 34 Spieltagen zu Ende.

Die Bundesliga hat leider nur 18 Mannschaften, da ist nach 34 Spieltagen in aller Regel Schluss. Da hilft nichts.

Sie hätten gern noch weiter gemacht?

Wenn man mich gefragt hätte, wären 38 Spieltage durchaus drin gewesen. Wenn man meine Frau gefragt hätte, wären 30 auch genug gewesen.

Und, wie fühlen Sie sich?

Erschöpft, aber glücklich.

Wie lautet Ihre andere Lieblingsphrase der Saison?

Diesmal hat es das „Quäntchen Glück“ ganz nach vorne geschafft. Es gab keinen Spieltag, ohne dass nicht wenigstens ein Trainer, Spieler oder Manager gesagt hätte, es hätte ein Quäntchen Glück gefehlt. Ich weiß nicht, ob das trainiert wird, mit Fußball hat es jedenfalls nichts zu tun. Matthias Sammer hat mich allerdings angenehm überrascht. Er sprach nach Niederlagen gern davon, dass seinen Spielern Galligkeit gefehlt habe. Das kannte ich noch nicht.

Müssen diese Phrasen denn sein?

Es gibt keinen „Field Reporter“, der sagen würde, nun lassen Sie doch mal das mit dem Quäntchen Glück. Das könnte die Gesprächsatmosphäre doch sehr belasten, und das will natürlich keiner.

„Field Reporter“ sind sowieso ganz arm dran.

Ich war’s ja auch mal. Heute bin ich heilfroh, dass ich das nicht mehr machen muss. Es ist schon einigermaßen würdelos, wenn du mit Anfang 30 einem 20-Jährigen hinterherlaufen musst, der einfach an dir vorbei zum Duschen geht. Die Spieler sind nicht verpflichtet, mit den Medien zu sprechen, obwohl sie doch wissen müssten, dass sie mindestens die Hälfte ihres Gehalts dem Fernsehen verdanken. Gerade nach Niederlagen passiert es oft, dass niemand vor die Kamera will. Nach Siegen drängeln sich die Spieler geradezu vor die Linse. Das finde ich super unprofessionell.

Was nehmen Fußballer wirklich übel?

Wenn Sie bei Schalke den einen Polen mit dem anderen verwechseln, dann ist das Eis gebrochen für den Rest des Gespächs. Ich habe Jürgen Röber, als er noch Trainer bei Hertha BSC war, dazu gebracht, mich nach der ersten Frage stehen zu lassen. Das war bei einem meiner ersten Field-Jobs. Robert Schwan hatte gerade mal wieder den Rausschmiss Röbers gefordert. Ich dachte, es wäre schlau, Röber gleich als erstes danach zu fragen.

Sind Fußballer ein extrem undankbares Volk?

Nicht alle. Zu meiner Zeit lief es mit Werder Bremen sehr gut. Dortmund ist ganz schwierig, Bayern hat sich etwas gebessert. Ich kann diese Ziererei nicht verstehen. Man gewinnt doch unglaublich, wenn man sich nach einer Niederlage hinstellt und sagt, heute war nicht unser Tag. Vielleicht liegt das daran, dass heute die jungen Spieler Medienberater haben, die ihnen beibringen, wie man mit vielen Worten nichts sagt. Die klingen alle wie FDP-Abgeordnete. Deshalb werden uns auch die Baslers und Effenbergs so fehlen.

Sind die Medien wirklich frei von Schuld?

Wenn wir Spieler zu Göttern machen, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie mit uns normal Sterblichen nichts mehr zu tun haben wollen.

Wie ist denn der intellektuelle Zustand der Bundesliga?

Gar nicht so schlecht. Auf überraschende Fragen reagieren viele positiv. Ich erinnere mich an ein Interview von Jörg Dahlmann mit Oliver Kahn bei der letzten WM. Kahn erzählte, dass seine Tochter ihm in vielen Dingen ähnlich sei. Dahlmann fragte: Und, macht Ihnen das keine Angst? Kahn entgleiste für den Bruchteil einer Sekunde das Gesicht, aber dann merkte man, dass er sich über diese Frage sehr gefreut hat. Die Spieler haben die immer gleichen Fragen doch genauso satt wie wir. Wenn Sie wie ich schon vierzehn Mal Bayern gegen Dortmund angekündigt hätten, dann müssten auch Sie sehr aufpassen, nicht auf eine Phrase zu treten.

Warum lassen Sie nicht einfach die schlechten Spiele weg? Vielleicht wird es dann einfacher.

Wir sind verpflichtet, von jedem Spiel mindestens sechs Minuten zu zeigen.

Dann zeigen Sie doch einfach, wie Rainer Calmund, der Manager von Bayer Leverkusen, die Treppe hoch gehievt wird.

Das ist uns leider verboten. Wir dürfen auch nicht sechs Minuten lang einen Fan zeigen, der genüsslich seine Bratwurst verspeist. Obwohl das auch ganz unterhaltsam sein kann.

Wie weit dürfen Sie gehen? Wie nah dürfen Sie zum Beispiel Herrn Calmund kommen?

Wir haben ihn mal gezeigt, wie er mit offenem Mund auf der Tribüne saß. Das war auch für mich hart an der Grenze. Auf der anderen Seite verkörpert Calmund mit seinem Arztköfferchen neben sich wie kein anderer den sportlichen Niedergang seines Vereins.

Das alles schreit nach Comedy im „ran“-Studio.

Ich führe seit Jahren einen Kreuzzug für die Verbindung von Comedy und Sport. Ich glaube, dass es genug Material für eine gute Sport-Comedy-Sendung gäbe. Leider sind 99,8 Prozent aller deutschen Unterhaltungschefs der Meinung, die Schnittmenge zwischen Fußballfan und Comedy sei zu klein. Und außerdem verschrecke Comedy viele Fußballfans. Ich halte das für Quatsch. Warum macht denn Harald Schmidt in jeder zweiten Sendung einen Witz über die Bayern? Sport-Comedy nur für „Kicker"-Leser – das geht natürlich nicht. Aber wenn man schon Bilder von Franz Beckenbauers Weihnachtsfeier hat, dann sollte man sie auch zeigen, oder?

Comedy in „ran“, geht das?

Es wäre eine Gratwanderung. Die meisten Leute sehen eine Fußballsendung wegen des Fußballs.

Sensationelle Erkenntnis, Herr Welke.

Es tut zwar weh, aber so ist es nun einmal. Deshalb ist auch jeder Versuch gefährlich, sich als Moderator in den Vordergrund spielen zu wollen. Ich versuche, Sprachbilder aus anderen Lebensbereichen unterzubringen. Ich rede im Studio über Fußball, wie ich auch mit meinen Freunden rede. Das gefällt nicht allen, wie ich während der letzten WM feststellen musste, als ich zum Spielball verfeindeter Feuilletons wurde. Gerade im Fußball gibt es sehr viele Puristen. Da wird jeder Witz persönlich übel genommen. Aber ich finde, es ist immer noch besser zu polarisieren als gar nicht aufzufallen.

Macht Ihnen „ran“ überhaupt Spaß?

Jede Menge, das können Sie mir glauben. Ich fühle mich bei „ran“ richtig wohl. Das war vor sieben Jahren, als ich anfing, noch anders.

Wie fing es eigentlich an?

Ich habe meine Karriere Ernst Huberty zu verdanken. Er war bei meinem ersten Casting dabei und hat sich für mich eingesetzt. Ich habe Huberty viel, wenn nicht alles zu verdanken.

Sieben Jahre „ran“: jetzt könnte es richtig los gehen. Sie sind ein freier Mann.

Erst mal sehen, ob Sat 1 die Rechte auch in der nächsten Saison bekommt. Da wird ja noch verhandelt. Ich wäre traurig, wenn es nicht weiterginge. Wir haben nach zehn Jahren eine perfekt eingespielte Mannschaft, es wäre sehr schade, wenn die auseinander fiele. Wenn es „ran“ nicht mehr gibt, werden Krokodilstränen fließen. Weil man merken wird, welchen Standard „ran“ gesetzt hat.

Die grausamste Frage zum Schluss: Wer wird Nürnberg und Cottbus in die zweite Liga begleiten?

Ich fürchte, Bielefeld. Auch wenn es sich die Leverkusener viel mehr verdient hätten.

Das Gespräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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