Medien : „Ich war die Rädelsführerin“

Barbara Nolte

SETTING

Marietta Slomka arbeitet mit offener Bürotür. Sonst wäre es beklemmend eng. Ihr Zimmer ist kaum größer als ihr Schreibtisch. Papierberge begraben das Mobiliar unter sich. Marietta Slomka hievt einen Stapel alter Zeitungen von einem Stuhl, damit die Reporterin sich irgendwo hinsetzen kann. Sie sieht schmaler, mädchenhafter, hübscher aus als im Fernsehen. Und erstaunlich lässig für ihre Position. Sie trägt ein türkisblaues Turnjäckchen, eine enge Jeans und Adidas-Turnschuhe. „Milchkaffee?“, fragt sie freundlich.

MATERIALLAGE

„Ist sie nur ein Nachrichten-Luder, eine eiskalte Teleprompter-Puppe?“, fragte der „Spiegel“, um sich sogleich selbst zu antworten: „Von wegen. Eine wunderbare Frau.“

Einen ähnlich schwärmerischen Sound haben fast alle Artikel über ihre Anfangszeit beim „heute journal“, was damit zusammenhängt, dass Anne Will fast gleichzeitig bei den „Tagesthemen“ begann, Sandra Maischberger bei n-tv und dass Maybrit Illner und Sabine Christiansen mit ihren Talkshows so richtig erfolgreich wurden. Da kam eine Legion hübscher Frauen und vertrieb die Männer in die dritten Programme. Dort blieben sie natürlich nicht. Die Männer haben sich aus Amerika Verstärkung geholt. Erst übernahm der ARD- Washington-Chef Kleber das ZDF-„heute journal“, und jetzt hat die ARD Klebers Nachfolger Tom Buhrow für ihre „Tagesthemen“ angefordert. Marietta Slomka arbeitet mittlerweile recht unspektakulär und als solide Nachrichtenfachkraft.

THESE 1

Das Anfangslob ist Ihnen zu Kopf gestiegen. Sie mussten sich erst daran gewöhnen, einen ganz normalen Job zu machen.

Falsch. „Einen Vorteil hat Mainz“, sagt Marietta Slomka. „Alles ist hier so unprätentiös, da bleibt man auf dem Teppich.“

Der Teppich, auf dem sie bleibt, auf dem sie jetzt losläuft Richtung Kaffeemaschine, ist grau und fleckig. Sie kocht den Café selbst. Vor der Maschine steht Claus Kleber und hält eine Tasse mit der Aufschrift Claus in der Hand. Jeder in der Redaktion hat so eine rote Namenstasse. Ein Blick aus dem Fenster: Die Schnellstraße, die den Lerchenberg durchschneidet, die abgeernteten Felder und riesigen Parkplätze. Marietta Slomka hat Recht. Diese Umgebung feit vor Höhenflügen. Das ZDF ist eine Glamour-freie Zone. Das Glamouröseste ist Klebers ironisch-wackelnder Zeigefinger, mit dem er auf die Reporterin zeigt. „Schreiben Sie bloß was Nettes über Marietta!“ Er prustet los. Marietta Slomka lacht über den freundlich gemeinten Scherz des freundlichen Vorgesetzten. Ein nettes Paar.

THESE 2

Mit Ihrem alten Chef Wolf von Lojewski wollten Sie immer gerne über die Welt diskutieren, mit Ihrem neuem Chef Claus Kleber mit dem Cabrio durch den Rheingau fahren.

Slomka nickt: These stimmt. Jetzt nur nichts Falsches sagen. „Mit Claus kann man sicher toll mit dem Cabrio verreisen, toll feiern, aber man kann mit ihm auch über die Welt reden“, formuliert sie vorsichtig. „Von Lojewski war eine Vaterfigur, Claus ist eine Kollegenfigur.“

LEBENSLAUF

1969 in Köln geboren. Das Abitur auch mit eins gemacht wie Anne Will?

„Ja. Ich weiß aber nicht mehr, was hinter dem Komma stand: eine 5, war es 1,5?“

THESE 3

Sie waren ein bisschen eine Streberin, wussten das aber gut zu kaschieren.

Falsch. Sie hatte sogar regelmäßig Disziplinarprobleme. „Meine Eltern bekamen von Lehrern zu hören, dass das Kind aufsässig ist.“ Selbst später, in Uni-Seminaren, hätten sich die Unzufriedenen oft hinter ihr gesammelt. „Ich wurde zu einer Art Rädelsführerin.“

Aber zielstrebig war sie sicher immer. Sonst kommt man nicht so schnell so weit.

„Ich wusste, was ich wollte: Auslandskorrespondentin werden, und da habe ich genau geguckt, was studiere ich dafür am besten, und welche Noten brauche ich.“

Marietta Slomka studierte VWL in Köln und Canterbury.

THESE 4

Die Helden Ihrer Jugend waren Alfred Herrhausen und Dire Straits.

„Herrhausen“, fragt sie, „wie kommen Sie da drauf?“

Weil er der Held der Wirtschaftsstudenten war: der Deutsche-Bank-Vorstand, der Banker mit Gewissen. Trotzdem wurde er von der RAF umgebracht.

„Ich war natürlich erschüttert, als Herrhausen ermordet wurde. Aber er war der Held der Banker, nicht meiner. Ich war Volkswirtin. Außerdem fand ich das Studium anfangs grauenhaft.“ Immerhin, die Dire Straits hat sie in ihren Auslandssemestern in England viel gehört. „Großartiger Gitarrist.“

Sie höre Dire Straits immer noch gerne, sagt sie. Marietta Slomka will ihre Jugend offenbar nicht als etwas Abgeschlossenes betrachten, was sehr sympathisch ist, aber schwer umzusetzen in diesem Job in dieser Stadt. Die gepflegte Unordnung in ihrem Büro, die Aussage, dass man mit dem Chef sicher gut feiern kann, zeigen ihren festen Willen, dem biedersten deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz, in das es sie verschlagen hat, die Stirn zu bieten. Doch das Wort sicher, das sie vor das Feiern schiebt, verrät, dass sie beim „heute journal“ eben doch nicht gemeinsam ausgehen, wenn sie ausnahmsweise mal früher frei haben, sondern lieber nach Hause, die Hecken schneiden. Nur der freundliche Heinz Wolf, der die Nachrichten präsentiert, trinkt mit ihr manchmal ein Glas Wein in der Altstadt. Die beiden sind Zaungäste im Mainzer Nachtleben, falls es so etwas gibt. Mehr ginge auch nicht. Nachrichtenmoderatoren können keine Szenefiguren sein, ebenso wenig wie Rädelsführer. Der Preis dafür, irgendwann einmal im Bonner Haus der Geschichte zu hängen, ist, dass man sich ein bisschen zusammenreißt. Und so scheint es ein bezeichnendes Detail, dass Marietta Slomka heute keine Zigarette in der Hand hält, wie in alten Porträts oft beschrieben, sondern eine rote Marietta- Tasse, das Zugehörigkeitssymbol zur egalitären, artigen ZDF-Welt.

THESE 5

Dieses Jahr haben Sie zum ersten Mal Club- Urlaub gemacht und fanden es ganz okay.

Falsch. „Ich habe noch nie Club-Urlaub gemacht, ich möchte nicht animiert werden. Ich habe mir dieses Jahr aber tatsächlich zum allerersten Mal von einem Reisebüro eine Reise nach meinen Wünschen zusammenstellen lassen – nach Südafrika.“

Ein weiteres Indiz ihrer Vermainzung ist, dass sie vor zwei Jahren geheiratet hat. An ihrem Computerbildschirm klebt die Autogrammkarte des Gatten. Es ist Christoph Lang, der Moderator des „RTL- Nachtjournals“. Seltsame Vorstellung, dass ein Ehepaar einen großen Teil der deutschen Spätnachrichten kontrolliert. Wie Ankermann und Ankerfrau wohl privat miteinander umgehen?

THESE 6

Wenn Ihr Mann beim Frühstück die Marmelade von Ihnen will, kann es passieren, dass er gedankenverloren sagt: „Kommen wir zur Marmelade.“

Falsch. Sie frühstücken wochentags nicht gemeinsam, Lang lebt in Köln. Und wenn sie frei haben, schlafen sie aus.

Lesen Sie sich denn bei heiklen Themen die Moderationen gegenseitig vor?

„Um Gottes Willen“, sagt sie. „Wir reden tagsüber gar nicht über die Sendungen, die wir abends machen. Das würde einen beeinflussen, und das darf nicht sein.“

Sie braucht auch keinen Ehemann um Rat zu fragen. Sie ist stilsicher in ihren Texten, die sie mit umgangssprachlichen Wörtern wie „schwups“ anreichert. Ihr Markenzeichen aber ist, wie sie mit ungerührter Mine und stechendem Blick ganz kühl – oder ist es kühn? – Deutschlands Spitzenpolitiker einvernimmt. Bei der ARD-Konkurrenz nennen sie sie deshalb sprechendes Holz, doch das ist gemein: Sie ist nur angenehm sachlich. „Ich frage mich manchmal, was für einen Eindruck von meiner Persönlichkeit entstanden wäre, wenn ich mir die Haare braun getönt hätte und farbige Kontaktlinsen tragen würde“, sagt sie. „Bei meinen hellen Augen und diesem Kameralicht – da müssen Sie massiv gegen anlächeln.“ Privat sei sie auch gar nicht kühl. „Ich bin ein Kerzenanzündmensch.“

Ihr Computer fiept. Eine Eilmeldung ist hereingekommen. Das Weltgeschehen macht ja keine Pause, nur weil Marietta Slomka ein Interview gibt. Es ist eine Schießerei in Syrien und kann ignoriert werden. Doch sie muss langsam mit ihren Moderationstexten anfangen.

ABGANG

Sie fährt noch im grellgrünen Aufzug mit Richtung Ausgang. Das ist nett: Im ZDF hat sich schon mancher Fremde verirrt. „Mich erinnert der Aufzug immer ans Raumschiff Enterprise“, sagt sie und lacht. „Die Fahrt aufs Holodeck.“ Rührend, wie sie nicht aufgibt, dem Lerchenberg etwas Cooles abgewinnen zu wollen.

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