Medien : Ich war doch gut!

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Von Désirée Bethge

Haben Sie’s gesehen? Sonntagabend? ZDF-Eröffnung der Sommerfestspiele … Studioinhaber gegen Amtsinhaber – oder auch: Peter Frey befragt Gerhard Schröder. Bekanntes Stück, neuinszeniert. Erster Eindruck: Welch ein Aufwand – kein Zweifel, hier ist Großes geplant.

Und man lauert – auf Neues! Der Anfang: Gelungene Irritation durch die Begrüßung, die in die falsche Kamera gesprochen wurde. Das lässt hoffen. Und wo die da stehen. Keine Berge, keine Seen, kein Fluss in Sicht, noch nicht mal eine Strickjacke, wie Kohl sie damals trug. Das freut uns. Minimalismus. Sommer, das ist heuer Rasen vor dem Berliner Kanzleramt. Karg. Der Zuschauer muss sich selber seine Bilder machen. Allerdings: Teakholzstühle! Also doch Ambiente – ein Rückfall in traditionell-konservative Bühnenbilder. Die Kostüme: dunkler Anzug – für beide. Die Körperhaltung, Beine übergeschlagen – bei beiden gleich – bestimmt gewollt!

1. Akt. 1. Szene. Auftritt Peter Frey, ganz emotional: Hat Gerhard Schröder Spaß, ist er nervös und will er überhaupt lieber mit Doris nach New York? Schröder gibt sich unbeeindruckt: Hier geht’s um Pflicht, von wegen nervös und New York schon mal gar nicht!

2. Szene. Frey eiert. Stoiber läge vorn. Hat er seinen Text nicht drauf? Schröder schon. Das ist nicht richtig, Herr Frey. Oder auch: Falsch Frey, Fünf, setzen! Wir kapieren: Zwischen diesen beiden geht nichts.

2. Akt 1. Szene. Frey wechselt die Spielart. Er gibt den Angreifer. Hart würde er gerne sein. Schröder ist es. Beim Nachfragen hat Frey ein Problem. Er hat nichts zum Nachlegen. Schröder hat die Ruhe weg und die Bräsigkeit einer Gans, die sich bei ein bisschen Regen einfach schüttelt.

2. Szene. Peter Frey setzt sich jetzt körperlich und mimisch voll ein – zeigt die Zähne, legt den Kopf schief, will er beißen oder lächeln oder beides – ist auf dem Sprung, eine Hand nach vorne, will Gerhard Schröder unterbrechen – aber der ist in seinem Text nicht zu stoppen und spielt die Rolle angemessen: Er gibt den Fels in der Brandung (und so doll brandet es ja auch nicht). Spannung signalisieren nur seine Zehen: Die werden in Erwartung von Fragen dann und wann hochgezogen – ein kleines Signal nur, da muss der Zuschauer schon Obacht geben, um des Kanzlers karges Körperspiel nicht zu verpassen.

3. Akt 1. Szene. Peter Freys Spiel wird mühsamer und angestrengter. Sein Lächeln ist auf seinem Gesicht wie festgeklebt. Als ob es ihm wehtäte. Er kriegt immer wieder „das stimmt nicht, Herr Frey“ um die Ohren – und offensichtlich hat er da wieder keinen Text. Spult aber weiter tapfer seine Rolle ab. Legt den Kopf zur Seite. Weil er ja nicht wirklich in die Konfrontation geht. Er hat schon verstanden, dass sein Partner ihm keinen Applaus lässt, dass er gnadenlos ist, eine Rampenqualle eben, da kann er, der Peter Frey, sich einen Wolf spielen. Aber er macht tapfer weiter.

2. Szene. Jetzt liefert Frey das Stichwort für den Schluss. Schröder kommt dazu, seinen Lieblingstext zu bringen: Wie das so ist, mit dem Regieren, mit ihm, der Partei und was er alles Gutes will für uns Deutsche, wenn er die Arbeit weiterführen darf. Sein Blick: sorgen-, aber auch hoffnungsvoll.

Das Ende – neu und überraschend. Kein Smalltalk, sondern: kurzer Diener Studioinhaber, abrupter Abgang Amtsinhaber. Minimalistisch eben.

Erster Eindruck: Neues hat sich nicht durchsetzen können. Und die Ankündigung, hier würden mal qualitativ andere Aussagen gemacht, die haben die Veranstalter nicht eingehalten. Die alten Texte sind zwar mit ein paar neuen Stichworten aufgemöbelt worden, aber das war’s auch schon. Und die Neubesetzung im Ensemble hat nicht überzeugt. Frey hat sich Mühe gegeben – aber das genügt nicht. Der junge Studioinhaber war dem erfahrenen Amtsinhaber nicht gewachsen. Sein Spiel blieb im reinen Gestus stecken.

Ach übrigens: Es ging um Scharping, Telekom, Arbeitlose und Hartz und die obligaten Koalitionsspekulationen. Keine Sorge, Sie haben nichts verpasst, was gesagt wurde, das kennen Sie alles schon.

Und: Gerhard Schröder hat zwar seinen Partner an die Wand gespielt – aber hat er auch die Zuschauer gewonnen? Seine Rolle war arg eindimensional, es fehlte die Vision für die Zukunft, das Beharrliche „ich war doch gut“ reicht nicht aus. Das Publikum will nicht mit dem professionellem Rollenspiel einer Charaktermaske abgespeist werden. Es liebt Helden, die nicht perfekt sind und die auch souverän eigene Fehler eingestehen können. Gesamturteil: enttäuschend – aber es war ja auch umsonst und draußen.

Désirée Bethge moderierte unter anderem „ZAK“, „Stern TV“, „Focus TV“ und coacht jetzt Moderatorinnen und Führungskräfte aus der Wirtschaft. Sie wird für den Tagesspiegel Interviews, Talkshows und Duelle im Fernseh-Wahlkampf beobachten.

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