Medien : „Ich war skalpmäßig im Widerstand“

Barbara Nolte

SETTING

Elf Uhr im ZDF-Hauptstadtstudio. Peter Hahne biegt um die Ecke. Er trägt ein kariertes Hemd, Jeans und einen Gürtel mit einem Ausrufezeichen auf der Schnalle. Das erstaunt, denn Hahne wirkt so, als würde er immer einen Anzug tragen. Selbst beim Hausputz oder im Schwimmbad. In seinem Büro-Schrank, sagt er, hänge eine „Notfallgarderobe“: Anzüge in grau, braun und blau. „Kollegen, die ganz schnell auf Sendung müssen, borgen sich manchmal was aus. Mein graues Jackett können Sie oft im Fernsehen sehen mit immer anderen Köpfen.“ Er lacht laut und rudert mit dem Arm – man soll mitkommen in sein Zimmer.

MATERIALLAGE

Die „Süddeutsche“ hat ihn einmal so beschrieben: „Wonnige Ohrmuscheln, ein lichter Haaransatz und dazwischen ein Breitmaulgrins.“ Und wenn er anfange zu reden, schnappe er nach Worten wie nach einer Wurst.

Bevor man jetzt Mitleid bekommt mit dem netten Hahne: Er teilt selbst ganz schön aus. In seinen wöchentlichen Kolumnen in der „Bild am Sonntag“ geißelt er neureiche Fußballer, Menschen, die an die Zahl 13 glauben, und Raucher. Der ein wenig spießige, aber kompetente Politikjournalist ist ein rechter Ideologe.

THESE 1

Sie sind noch konservativer, als Sie im Fernsehen aussehen.

Toller Gedanke!, sagt Hahne und lacht.

Seine Sekretärin kocht Café. Hahne ruft ins Vorzimmer: „Ich nehme mein Peter-Tässchen!“

Rauchen in Gegenwart anderer, sagt er, finde er „das Intoleranteste überhaupt. Ich pinkle ja auch nicht hier in die Ecke. Und in die Ecke zu pinkeln – Entschuldigung, dass ich das jetzt mal so sage – ist eine rein ästhetische Frage, es würde niemanden gesundheitlich schädigen. Passivrauchen kann tödlich sein.“

In seinem Buch „Schluss mit lustig“, das ein halbes Jahr an der Spitze der deutschen Bestsellerlisten stand, erweitert er den Kreis der zu Verdammenden auf Singles, Selbstverwirklicher und Alt-68er – das Personal einer vermeintlichen Spaßgesellschaft.

THESE 2

Sie sind heilfroh, dass mit Rot-Grün das Intermezzo der 68er vorbei ist.

Richtig. „Die 68er haben mit ihrem Generalangriff auf die Autoritäten ein Vakuum hinterlassen, ein Loch, in das wir jetzt gucken und bemerken, vieles brauchen wir doch – bis zu den verlachten Sekundärtugenden.“

Hahne hat sich an seinen Schreibtisch gesetzt, er schaut hinter einem Papierberg hervor, der mal ein Stapel gewesen sein muss. Seine Schreibtischplatte ist übersät mit verwühlten Kopien, Stiften und kleinen Werbegeschenken. Die Tugend der Ordnung ist bei Peter Hahne nicht besonders ausgeprägt. „Ich weiß ja, wo alles liegt“, sagt er und lacht wieder.

LEBENSLAUF

1952 in Minden geboren, Vater: Drogist, Studium der evangelischen Theologie in Heidelberg, damals eine Hochburg der 68er. Wie hat er es da nur ausgehalten?

THESE 3

Während sich Ihre Mitstudenten über Springer ärgerten, ärgerten Sie sich über Ihre Mitstudenten.

Richtig. Hahne gefiel Springers Israel-Engagement, die Kommilitonen und Professoren nervten ihn dagegen. „Ich habe diese erbärmlichen Professoren gesehen, die gegenüber einem Mob in die Knie gegangen sind. Seitdem habe ich vor Thronen und Altären keine Ehrfurcht mehr.“

Wenigstens mal lange Haare gehabt?

„Nee. Die wären bei mir auch nie so gewachsen. Wenn Sie lange Haare als Kennzeichen einer Generation betrachten, war ich skalpmäßig im Widerstand, weil ich kurze Haare und auch eine dicke Brille hatte.“

Hahnes Clique war die evangelische Studentengemeinde, sie lebten in einer Art WG, was er natürlich nie so nennen würde. Irgendwas muss damals vorgefallen sein.War Hahne nur abgestoßen vom Gruppenzwang zu Joint- und Partnertausch, der damals herrschte? Oder hat der junge Hahne, dem einfach keine herrliche Mähnenfrisur wuchs und der ohne dicke Brille nichts sehen konnte, auf den Parties der Studentenbewegung Zurücksetzung erlebt? Bis heute arbeitet er sich an den 68ern ab: an ihrem Hedonismus, ihrer Weinerlich- und Schludrigkeit.

THESE 4

Das Schlimmste, was Ihnen heute passieren kann, ist, beim Bundespresseball neben Claudia Roth gesetzt zu werden.

Falsch. „Wenn man sie zum Interview trifft und dann kommt das berühmte Roth’sche Küsschen, dagegen kann sich kein Mann erwehren“, sagt er. „Sie ist eine sympathische, streitbare und gleichzeitig humorvolle Gesprächspartnerin.“

Aus Hahne soll einer klug werden? Er hasst die 68er, mag aber Claudia Roth. Er hasst Unordnung, außer auf seinem Schreibtisch. Und zur Gruppe, die er selbst für Deutschlands Unglück verantwortlich macht, zählt er auch noch: Er ist ein kinderloser Single, der sich selbst verwirklicht.

Hahne ist bigott, oder?

Im Gespräch wirkt er auch sympathisch, umgänglich, fast ein bisschen schelmisch – ganz anders als das Horrorszenario, das er gerade begeistert ausmalt: Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Höflichkeit müssten wieder zu den Säulen der deutschen Gesellschaft werden. „Tanzkurse, Benimmkurse, Kochkurse sind wieder in. Auch Kopfnoten und Fleiß sind gerade bei den ganz jungen Leute wieder attraktiv.“

Hahne lacht, schon wieder. Er ist der, der zuletzt lacht. Nach 30 Jahren Warten glaubt er sich nun an der Spitze der Studentenbewegung. Die Verkaufszahlen seines Buches bestätigen ihn. „Früher war ich verhasst, niedergeschrieben worden, bis zum Gehtnichtmehr. Dann war ich Exot, wurde in die Talkshows eingeladen. Es gibt ja keine Talkshow, die ich nicht schon zehn Mal besucht hätte. Und jetzt erlebe ich, was man als späte Genugtuung bezeichnen könnte: Ich bin selbst im Trend.“

Nur hat sich schon wieder neue Häme über ihn ergossen. Am Wahlabend hat er Angela Merkel als Frau Bundeskanzlerin begrüßt, die große Überraschung ignorierend, dass Merkel die sicher geglaubte Wahl zu dem Zeitpunkt noch gar nicht sicher hatte. Hahnes „Frau Bundeskanzlerin“ wurde zum Symbol dafür, wie falsch die Journalisten mit ihren Prognosen lagen: Sie hätten den Kontakt zu den Wählern verloren. „Das war nur ein verschwurbelter Satz“, sagt Hahne, „der dazu führte, zu sagen: Der Traum ist geplatzt.“

ABGANG

Kurz vor 12 Uhr. Gleich ist Schaltkonferenz, das bedeutet: Die ZDF-Journalisten in Mainz und Berlin sitzen über einer Mikrophonanlage aus Plastik, die aussieht wie ein Joystick der ersten Generation, und planen über 600 Kilometer hinweg einen neuen Politiktag. Da darf Hahne nicht fehlen. „Kann ich Ihnen noch etwas Kleines schenken?“, sagt er. Er schaut sich um in seinem Zimmer, findet aber nichts Rechtes. „Ein paar Mainzelmännchen vielleicht?“

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