Medien : „Ich weiß nicht, was mich da geritten hat“

Ulrike Folkerts über Lebensbeichten, die TV-Kommissarin Lena Odenthal und die Kunst der Versöhnung

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Sie sehen strahlend aus, sehr zufrieden.

Mir geht’s einfach sehr gut. Da sind plötzlich Dinge, die ich mir lange, lange gewünscht habe. Ich würde jetzt aber nicht sagen, Erfolg macht glücklich. Da gibt’s andere Sachen in meinem Leben, zum Beispiel eine gut funktionierende Beziehung.

Aber eben auch ein Ulrike-Folkerts-Buch, ein großes Theaterprojekt, am Montag mit „Die Leibwächterin“ seit langer Zeit wieder einen Film mit der Folkerts, der kein „Tatort“ ist. Ist das Zufall oder Absicht?

Das mit dem Buch kam auf mich zu. Ich hätte nie gesagt, ich muss mal eine Autobiografie schreiben. Ich kann gar nicht wirklich schreiben, ich kann erzählen. Man glaubt natürlich auch, mit einer Ulrike Folkerts kann man Publikum erreichen. Wie gesagt: Jetzt kam halt alles zusammen, Buch, Theater, Film. Ich ernte die Früchte.

Das tut Ihnen offenbar gut. Haben Sie Angst, dass dieses Glücksgefühl wieder verschwindet?

Es ist für mich wohl leichter, eine negative Kritik in der Zeitung zu lesen. Da kann ich mich dran abarbeiten und aufregen, mich verletzt fühlen, womöglich schlecht drauf kommen, schimpfen. Wenn da aber steht, es war toll, was die Folkerts gemacht hat, denke ich: Upps, damit kann ich gar nicht richtig umgehen. Das habe ich bei der Arbeit am „Jedermann“ gemerkt. Andere mussten mir sagen: Ulrike, freu dich doch!

Apropos Zeitung lesen. Sie haben sich seit der Outing-Geschichte in der „Bild“ 1999 öfters in den Medien missverstanden, abgestempelt gefühlt. Kaum fügen Sie mit einer Autobiografie Ihre eigene Sicht der Dinge zu, kommt wieder die „Bild“, greift sich ein Kapitel aus Ihrem Buch und titelt „Ulrike Folkerts – So wurde ich lesbisch“.

Lebensbeichte! Das Wort stand da. Das hat mich als einziges gestört. Ich spreche ja nicht mit dieser Zeitung, weil ich das versucht habe und für sinnlos erachte. Ich drehe die Chose jetzt einfach um. Der Verkauf des Buches ist durch den Artikel erhöht worden. Ok, „Bild“, danke für die Werbung. Sie haben zumindest richtig abgeschrieben, was die Zitate betrifft.

Sie haben Ihre Entscheidung für das Buch nicht eine Sekunde bereut?

Mit den Schlagzeilen musste ich rechnen. Da bin ich vorbereitet.

So gefasst? Das glaube ich Ihnen nicht.

Als der „Bild“-Artikel kam, war ich im Urlaub. Per SMS wurde ich benachrichtigt. Dann habe ich mir die Zeitung besorgt. Die Fotos waren korrekt. Nochmals, ich muss es einfach umdrehen, dann kann ich damit leben. Ich verstehe auch gar nicht, wovor ich da Angst habe. Es kann gar nichts mehr passieren. Meine Homosexualität ist nicht mehr spektakulär.

Kommen wir zur Tatort-Kommissarin Lena Odenthal, Ihrer Paraderolle. Einerseits verdienen Sie mit drei Krimis im Jahr Ihren Lebensunterhalt, andererseits werden Sie rollenmäßig festgelegt. Sie haben sechs Jahre auf andere Filme gewartet, das immer wieder moniert, die Branche kritisiert. Wie oft haben Sie in Gedanken Redakteure oder Produzenten umgebracht?

Ich habe meinem Haussender, dem SWR, auf die Füße getreten. Einerseits heißt es, ich bin das beste Pferd im Stall, dann sehe ich Tatort-Kollegen wie Dietmar Bär oder Klaus J. Behrendt, die auch andere Dinge drehen, im eigenen Haus. Ich sage dem SWR: Tut was für mich, schenkt mir einen 90-Minüter.

Jetzt kommt „Die Leibwächterin“, das Geschenk, nicht im Ersten, sondern im ZDF.

Der SWR hat das Buch abgelehnt. Für den Stoff braucht man vielleicht ein bisschen Mut, weil es auch um eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen geht. Da hört man in den Redaktionen die Antwort: Das will keiner sehen. Das ZDF scheint mutiger zu sein, was das betrifft.

Waren Sie mutig genug? Ein lesbisches Liebespaar in einem Politthriller – so weit weg ist das ja nicht von Ulrike Folkerts. Wieder keine 100%ige Verwandlung, keine Hetero-Liebesgeschichte.

Was ist schon mutig? Mir ging’s einzig und allein darum, eine andere Rolle als Lena Odenthal überzeugend darzustellen. Eine andere Seite von mir zu zeigen. Diesen Film habe ich vor vier Jahren ja selber forciert. Ok, vielleicht wird mit der „Leibwächterin“ wieder das bedient, was man von der Folkerts eh erwartet.

Liebesszenen mit Barbara Rudnik…

…,wir waren beim Dreh alle ein bisschen aufgeregt, wussten nicht, wie es geht. Im Buch stand „Die beiden Frauen schlafen miteinander“. Das ist einfach für einen Autor. Aber wie viel zeigt man davon? Damit muss man vorsichtig umgehen, supersparsam. Wir wollten uns nicht die Klamotten vom Leib reißen.

Das wollten Sie sicher auch nicht in Ihrer Autobiografie. Als Kind sollen Sie still, schüchtern, trotzig gewesen sein. War es jetzt schwer, Persönliches mitzuteilen, Bilder zu zeigen, von Selbstwertgefühlen zu schreiben, der Trennung Ihrer Eltern?

Ich weiß gar nicht genau, was mich da geritten hat. Ich habe aus dem Nähkästchen geplaudert. Ich bin Mitte 40. Ich schaue mit einer anderen Distanz auf meine Familie, habe das analysiert, auch Therapie gemacht. Über das Buch habe ich mich noch mal mit meiner Familie versöhnt, auch mit der Schuldgeschichte, die ich als Kind bei der Trennung meiner Eltern laufen hatte. Ich hatte mich immer gefragt: Hätte ich vielleicht mehr tun müssen, damit sie zusammenbleiben?

Machen Sie noch Therapie?

Immer wieder mal. Viele Zeiten bin ich ja nicht da. Dann muss ich unterbrechen. Ich habe damit in der Schauspielschule angefangen, als alles drunter und drüber ging und ich Hilfe brauchte. Man muss bei dem Thema aber aufpassen, dass das nicht in den falschen Hals kommt. Es gibt auch da wieder Presse, die drauf herumreitet.

Mit der Odenthal müssen Sie auch aufpassen. Bei den letzten Tatort-Folgen aus Ludwigshafen stimmte zwar die Quote, aber die Geschichten…

…die Rolle liegt mir sehr am Herzen. Die Drehbücher müssen aber besser werden, das stimmt. Es gibt so viele spannende Themen, Ehrenmorde zum Beispiel. Das ist natürlich heikel, damit macht man sich vielleicht Feinde. In den Redaktionen sitzen zu viele Bedenkenträger. Ich vermisse die Lust und den Spaß am Aneckenwollen mit akuten, aktuellen Themen. Bei drei Tatorten im Jahr sollte einer drin sein, der aus der Reihe tanzt, dafür war Lena Odenthal stets bekannt. Mir macht es Freude, wenn die Menschen am Montag noch Gesprächsstoff haben wegen des Themas im Tatort vom Sonntagabend. Ich bleibe dran und versuche alles, um das zu erhalten.

Das Gespräch führte

Markus Ehrenberg

AUSBILDUNG

Geb. 1961 in Kassel, Schauspielschule Hannover, Engagement am Theater Oldenburg.

TV-KARRIERE

1988 für die Rolle der Tatort-Ermittlerin Lena Odenthal entdeckt. 2002 Publikums-Bambi als beliebteste deutsche TV-Kommissarin.

THEATER, PROJEKTE

Engagiert sich für Kids in Burundi und gegen Landminen. Spielte im Sommer in Salzburg den „Tod“ im „Jedermann“, schrieb die Autobiografie „Das macht mich stark“. Heute ist sie in „Die Leibwächterin“ zu sehen (ZDF, 20 Uhr 15), einem Politthriller und einer Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen.

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