Medien : "Ich werde nicht mitnaddeln"

Frau Mikich["Monitor" ist eine der renommierteste]

Sonia Mikich, 49, moderiert heute zum ersten Mal als Nachfolgerin von Klaus Bednarz "Monitor". Mikich ist die Tochter einer deutschen Übersetzerin und eines serbischen Hoteliers, und aufgewachsen in London, volontierte bei der "Achener Volkszeitung", studierte Soziologie und volontierte danach beim WDR-Fernsehen. Von Vorher leitete sie von 1992 bis 1998 die ARD-Studios in Moskau und Paris. m Moskauer ARD-Studio, das sie seit 1995 auch leitete. Von 1998 an führte sie das ARD-Studio Paris. Für ihre Reportagen aus Krisengebieten erhielt sie den "Telestar" und das Bundesverdienstkreuz.

Frau Mikich, "Monitor" ist eine der renommiertesten Sendungen des deutschen Fernsehens. Aber irgendwas scheint an ihr zu sein, das Kritiker herausfordert... .

die angebliche Humorlosigkeit, der erhobene Zeigefinger. Ich bin oft gefragt worden, ob ich denn auch ähnlich moralinsauer sein wolle, wie es Klaus Bednarz angeblich war. Ich frage mich, was moralinsauer mit Haltung zu tun haben soll. Mit der Haltung, sich für bestimmte Sachen einzusetzen.

Sie wollen Haltung zeigen.

Aber ganz bestimmt. Wir leben in keiner abgrundtief schlechten Gesellschaft. Aber es kann noch sehr viel verbessert werden. Wenn man so will, war und ist das Beste an "Monitor" ja gerade die Bereitschaft, die Mächtigen herauszufordern.

Was wollen Sie an "Monitor" verändern?
"Monitor" wird thematisch breiter werden. Und wir werden mit journalistischen Formaten experimentieren. Das Beste wird beibehalten, und jetzt kommt eben noch die Mikich-Farbe hinzu.

Die Mikich-Farbe. Was genau ist das?

Man sagt mir nach, gut Alltagspolitik analysieren zu können. Ich nenne das: Geschichten in der Nussschale. In einer kleinen Sache das Große entdecken und deutlich machen, das ist mein Ansatz.

Was ist an "Monitor" unvergleichlich?

Es gibt auch Hervorragendes bei unseren Konkurrenten. Aber "Monitor" zeichnet eine Vorliebe für tiefergehende Recherchen aus, die manchmal auch zu Lasten einer gefälligen Präsentation gehen.

Wollen Sie mehr Wert auf die Präsentation legen?

Mich interessiert, Emotion und Gründlichkeit in eine Balance zu bringen, die den Zuschauer fesselt. Aber auf keinen Fall will ich etwas versimpeln, nur um eine schöne Geschichte zu haben. Viel wichtiger ist doch die politische Relevanz.

Ein Ausdruck aus den siebziger Jahren.

Ich bin ein Kind der Siebziger. Ich finde Aufklärung gut und schön. Aber noch schöner ist es, etwas zu bewirken. Ich habe erlebt, zum Beispiel durch meine Berichte aus Tschetschenien, dass Journalisten durchaus etwas bewirken können. Es gab damals Anfragen im Bundestag.

In den Siebzigern war ein Magazin wie "Monitor" eine Instanz. Heute gehen die Politiker in Talkshows. Dort können sie ihre Statements loswerden. Auf kritische Anfragen aus Redaktionen antworten sie manchmal gar nicht mehr.

Dann machen wir eben Sisyphos-Arbeit, eine ehrenvolle Arbeit. Wir dürfen doch nicht resignieren.

Klingt moralisch.

Im Englischen würde man meine Haltung mit "concerned hedonism" bezeichnen, also einmischender Hedonismus.

Ist guter Journalismus nicht immer amoralisch?

Auch wenn Sie mit Hanns Joachim Friedrichs meinen sollten, dass man sich als Journalist nicht mit einer Sache gemein machen sollte, ich sage dazu: nein. Objektiv zu sein heißt für mich nicht, ohne Haltung zu sein. Alle Fakten präsentieren und außerdem kenntlich machen, dass sie durch meine Hände gegangen sind, das ist journalistisch fair.

Wollen Sie der Spaßgesellschaft nicht wenigstens einen Zentimeter entgegenkommen?

Ich kann mich damit journalistisch befassen, das ist in Ordnung. Für mehr reicht es nicht, ich werde nicht mitnaddeln.

Sie sehen sich aber gern schlechte Filme an.

Ja, aber das macht mich noch nicht zum schlechten Menschen

Sie haben mal gesagt, dass Sie an der Filmkomödie "Snatch" das wunderbar Bösartige begeistert. Werden Sie bei "Monitor" auch wunderbar bösartig sein?
Wenn ich das Talent dazu habe. Ich stelle mir in meinen kühnsten Träumen immer vor, witzig, schlagfertig, bösartig, und trotzdem moralisch und politisch kompetent zu sein

Ein neuer Chef muss in den ersten Tagen ändern, was er ändern will, sonst ist es zu spät. Wird es Entlassungen geben?

Ich bin kein eiserner Besen. Die Redaktion ist hoch motiviert. Schließlich ist es eine Liebesehe: Die Redaktion wollte mich haben.

Der 11. September wird immer als Zäsur bezeichnet. Wie haben Sie die Anschläge empfunden?

Ich erzähle Ihnen jetzt eine kleine, wahre Geschichte. Am 11. September war ich unmittelbar nach dem Anschlag eine Bellizistin, die alle Bösen mit einem Schlag vernichten wollte, mittags eine Pazifistin der Siebziger, nachmittags zynisch und abends total unglücklich. Das ging so über Wochen. Ich hatte Albträume, weil alle meine Werte zusammengebrochen waren. In dieser Situation bin ich zur amerikanischen Kirche in Paris gegangen. Der Priester fragte in seiner Predigt, "warum hassen sie uns?" Ich habe dort Trost gefunden. Das ist vielleicht altmodisch - aber es hat mir sehr gut getan.

Glauben Sie an das Gute?

Ja. Und daran, dass der Mensch nicht verloren ist.

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