Medien : „Ich will Gesichter groß sehen“

40 Jahre „Sportstudio“: Harry Valérien machte Aerobic mit Sidney Rome und hätte gern die Technik von heute gehabt

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Herr Valérien, was haben Sie am 2. August um 18 Uhr 10 gemacht?

Samstag? Na, die „Sportschau“ geschaut.

Und abends um zehn?

Nichts.

Wie, Sie lassen Ihr „Sportstudio“ sausen?

Gott, ich hab drei Stunden Premiere gesehen, dann „Sportschau“. Es war einfach zu spät, ich musste am nächsten Tag um halb fünf raus.

Was hat sich seit Ihrer Zeit geändert?

Die Gesichter vor und hinter der Kamera, die Technik, die Art der Darbietung mit extremen Zeitlupen, Grafikanimationen, die Brillanz der Bilder.

Neidisch?

Ich hätte diese Technik gern gehabt. Kürzlich habe ich „Porgy and Bess" gesehen und gedacht: Wo ist hier das Closeup, ich will Gesichter groß sehen. Ob das ein Fußballer ist, ob Jan Ullrich beim Berganstieg: Ich wünsche mir ein Maximum an Bild. Es wird so weit kommen, dass im Ball eine Kamera steckt.

Ich hätte jetzt erwartet, dass ein Fernsehmann der alten Schule wenig Wert auf viel Brimborium legt.

Das ist wie mit dem Essen: Man muss das richtige Maß finden, die richtige Wahl treffen. Ich hab’ mit Bubi Scholz mal drei Minuten gesparrt und mit Sidney Rome Aerobic vorgeführt.

Was war denn nun damals anders?

Ach damals. Ich hab’ ja bis 1988 das „Sportstudio“moderiert. Die Gäste waren nicht so fernsehgeschult.

Und wie lautete Ihr Rezept dagegen?

Ich habe zum Beispiel einmal Gerd Müllers Frau mit eingeladen. So haben beide geredet.

Von Problemen bei der Selbstvermarktung kann nun keine Rede mehr sein.

Nein. Aber Marketing muss ja nicht schlecht sein. Und die Marketingabteilungen haben immer versucht, ihre Köpfe gut rüberzubringen. Deshalb bin ich zu Puma gegangen, wenn ich den Pelé wollte, und für JeanClaude Killy zu Porsche.

Heute werden schon Nachwuchssportler mediengerecht getrimmt, damit sie beim Interview gut ’rüberkommen…

Davon hängt nun mal ihr Marktwert ab. Das ist auch eine Frage veränderter Kommunikation. Schauen Sie, wie Kinder heute mit ihren Eltern, Großeltern, Lehrern reden; das war zu meiner Zeit unmöglich.

Wer war in Ihrer Zeit der beste Gesprächspartner?

Lauda war der Präziseste, Beckenbauer der Unterhaltsamste, Messner der Philosophischste. Es gab viele Charaktere. Man muss nur passend und fair mit ihnen umgehen.

Ist es dafür ratsam, wie Sie mit der Talkshow „Live" in andere Genres zu schnuppern?

Schon. Nehmen Sie den Beckmann oder Johannes B. Kerner. Das tut ihren Sendungen und ihrer Arbeit doch nur gut.

Sie haben gesagt, im Interview soll keiner als Sieger oder Verlierer den Ring verlassen.

Wenn ich 40 bin und mein Gast ist 20, kann ich den Burschen nicht laienhaft aussehen lassen. Der Zuschauer hat ein feines Gespür für so was.

Heißt das, die Intimsphäre ist tabu?

Früher ja. Es gab aber ein Nachhaken, eine Art nötiger Penetranz.

Hätten Sie Oliver Kahn zu seiner Affäre befragt?

Das geht mich gar nichts an, es sei denn, er bittet darum. Ein Tennisspieler hatte mal was mit der Caroline von Monaco. Da sagte ich im Vorgespräch zu ihm: „Wir sind eine Samstagabend-Show, da sollte dieses Thema möglich sein“. Aber eigentlich ist das nicht mein Stil.

Erschreckt Sie die Entwicklung, wie sehr der Kommerz den Profisport beherrscht?

Man muss Dinge akzeptieren, die nicht zu ändern sind. Sport ist ja nichts anderes als die Gesellschaft, der Ausfluss des Seins. Aber man kann nicht begeistert sein über das, was passiert. Geld verdirbt eben leicht den Charakter. Beckenbauer hätte auch gespielt, wenn er nix gekriegt hätte. Aber sie haben ihm die Scheine ja förmlich nachgeworfen.

Das Gespräch führte Jan Freitag.

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