Medien : „Ich wollte keine Bomberjacken mehr“

Herr Kurtulus, mögen Sie den Begriff „Deutschtürke“?

Ehrlich gesagt bin ich diesem Wort gegenüber ziemlich emotionslos, es ist für mich weder positiv noch negativ behaftet. Es ist einfach eine Bezeichnung.

Als Sie 2008 Ihren Dienst als „Tatort“-Ermittler in Hamburg antraten, war oft die Rede vom „Deutschtürken, der den ,Tatort’ übernimmt“. Hat es Sie verwundert und auch gestört, dass Ihre Herkunft überhaupt so eine große Rolle spielt?

Verwundert ist eine treffende Beschreibung. Es wurde nicht wirklich registriert, dass wir das 38 Jahre alte Konzept der Reihe „Tatort“ weiterentwickelt haben. Es ging zu wenig um den Inhalt.

Damals sagten Sie, dass das höchste Maß an Integration für Sie die Normalität sei.

Das ist ein Teil meiner Lebensansicht. Es setzt aber Respekt voraus. Auf der Basis versuche ich mit meiner schauspielerischen Arbeit eine Wirkung bei den Menschen zu erzielen, indem sie sich mit mir zusammen in die Geschichten fallen lassen können.

Es war Ihnen früh wichtig, kein „türkischer Schauspieler“ zu sein.

Als ich 1995 in einem Produktionsbüro stand und den Produktionsleiter, den ich kannte, fragte, ob es da nicht irgendwas für mich gäbe, schaute er nach und meinte: „Spielt nirgendwo ein Türke mit.“ Das hat mich frustriert, dass nicht mal für einen Pizzabäcker oder einen Taxifahrer ein Türke infrage kam. Das war ein wichtiges Schlüsselerlebnis, das mich inspirierte und motivierte.

Was war auf Ihrem Weg die größte Herausforderung, die Sie bewältigen mussten?

Die größte Herausforderung war, Opfer zu bringen. Brillierst du als Mörder, kriegst du gleich drei Angebote als Mörder. Das war bei mir auch so. Beispielsweise bekam ich nach „Kurz und Schmerzlos“ einige Rollen mit Bomberjacke angeboten. Ich wollte aber andere Dinge entdecken und habe keinen weiteren Film in Bomberjacke mehr gemacht. Es geht darum, in dem Moment seinem Idealismus ein bisschen mehr Raum zu geben, anstatt nur die Kohle mitzunehmen.

Das muss man sich aber auch leisten können. Viele Schauspieler nehmen bestimmte Rollen einfach aus dem Grund an, weil sie Geld verdienen müssen.

Dennoch hast du als Schauspieler die Wahl, ja oder nein zu sagen. Ich finde, dass es innerhalb einer Filmografie nicht nur wichtig ist, welche Filme du machst, sondern es auch sehr wichtig sein kann, welche Filme du nicht machst. Es gibt sicher einige Produktionen wo ich heute drei Kreuze mache, dass der Kelch an mir vorübergegangen ist.

Sie sagen anscheinend ab und zu mal Nein, Ihre Filmografie ist recht übersichtlich.

Ich glaube mittlerweile, dass du dir die Filme nicht aussuchst, sondern umgekehrt. Das kostet manchmal Zeit. Und diese Zeit bringe ich mit.

Hat es auch etwas mit dem Gedanken zu tun, sich rar machen zu wollen?

Im Sinne des deutschen Sprichworts „Willst du gelten, mach dich selten“ kann ich das unterschreiben, aber vielmehr scheue ich mich vor Quantität.

Mit Anfang 20 und haben Sie den Filmemacher Fatih Akin kennengelernt. Wie wichtig war er für Ihren Werdegang?

Wir haben damals beschlossen, dass wir einen schönen Weg zusammen gehen werden. Denn wir hatten die gleiche Vergangenheit und wünschten uns die gleiche Zukunft. So entstanden „Getürkt“, „Kurz und schmerzlos“ und „Gegen die Wand“, den wir zusammen produziert haben. Er ist ein sehr wichtiger Weggefährte.

Was für einen Bezug haben Sie heute zu Ihren türkischen Wurzeln?

Was meine künstlerische Präsenz angeht, stehen Deutschland und die Türkei etwa im Gleichgewicht. Im Zuge der Dreharbeiten bei türkischen Projekten habe ich die Türkei noch einmal anders kennengelernt. Es hat sie mir fühlbarer und näher gebracht, indem ich Beleuchterkollegen erlebt habe, die darüber diskutiert haben, wie sie die Stromrechnung bezahlen können. Das hat meinen Blickwinkel erweitert und meine Beziehung vertieft, vorher kannte ich praktisch nur die Getränkekarte.

Sie sagen, dass Sie sich sowohl in der Türkei als auch in Deutschland wohl fühlen. Haben Sie den Eindruck, dass es der jungen Generation heute genauso geht?

Die dritte Generation hat große Schwierigkeiten, weil sie oberflächlich betrachtet weder etwas mit der Türkei noch etwas mit Deutschland anfangen kann. Wir haben uns gewünscht, dass wir als zweite Generation ihnen Türen öffnen werden. Mit Filmen wie „Kurz und schmerzlos“. Oder Büchern wie „Kanak Attack“. Durch Autoren wie Feridun Zaimoglu oder Akif Pirinçci. Mit Hip-Hop aus Hamburg oder Design aus Wolfsburg. Aber ich höre und sehe in Berlin leider ganz andere Dinge.

Was kennzeichnet die dritte Einwanderergeneration?

Sie kämpft um eine eigene Identität, teilweise mit falschen Idealen im Gepäck.Die Jugendlichen sprechen weder richtig Deutsch noch richtig Türkisch. Sie fühlen sich weder hier akzeptiert noch in der Türkei. Diese lose Gefühlswelt birgt Gefahren. Sie haben die Bilder von den Agriffen in der Münchner U- und S-Bahn und den jüngsten Amokläufen vor Augen. Die Täterprofile lassen die Menschen erschreckende Rückschlüsse ziehen.

Enttäuscht Sie die dritte Generation?

Unabhängig von der Schuldfrage bin ich persönlich einfach darüber enttäuscht, dass das, was man sich gewünscht hat, nicht in dem Maße eingetreten ist. Das heißt, dass die dritte Generation nicht die noch produktivere, noch erfolgreichere ist. Es gibt natürlich tolle Ausnahmen, aber die Rütli-Schule ist ein Symbol dafür. Ich glaube, dass die Realität im Verborgenen noch eine ganz andere ist.

Dagegen ist die zweite Generation der türkischen Einwanderer die erfolgreiche.

Wir, Teil der sogenannten zweiten Generation, hatten eher das Gefühl, hier etwas bewegen zu wollen. Wir haben die Flucht nach vorne angetreten.

Berlins Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin hat die Integrationsdebatte durch seine Äußerungen im September 2009 befeuert, als er sagte, große Teile der arabischen und türkischen Einwanderer seien „weder integrationswillig noch integrationsfähig“.

Ich bin der Meinung, dass die Art und Weise, wie es Sarrazin ausgedrückt hat, nicht glücklich gewählt war. Aber die Stoßrichtung war anscheinend die richtige. Zumal nicht nur der Mund eines einzelnen Menschen gesprochen hat, sondern laut einer Forsa-Umfrage 51 Prozent der Bevölkerung diese Meinung vertreten. Daher habe ich Sarrazin nicht verurteilt. Ich dachte vielmehr: Es brauchte also diesen brennenden Pfeil, um solch einen Flächenbrand hervorzurufen.

Wohin führt das Ganze?

Es ist immer eine Chance für eine Gesellschaft. Ich glaube, dass wir generell allen Jugendlichen in diesem Land ein gewisses Selbstbewusstsein zurückgeben müssen. Ich differenziere in dem Punkt überhaupt nicht, was die Herkunft angeht. Alle Kinder sind in derselben Situation. Schauen Sie sich mal das Fernsehprogramm an. Es geht permanent um Casting-Situationen und die Frage: Wie kann ich im Sinne Andy Warhols wenigstens für 15 Minuten im Rampenlicht stehen oder sogar zum Star werden? Wir leben in einer Zeit, in der man sich wenig Zeit nimmt für das, was man macht. Es muss immer ganz schnell gehen.

Sie leben derzeit mit Ihrer Familie parallel in Berlin und Los Angeles. Haben Sie vor, irgendwann wieder ganz nach Deutschland zu ziehen?

Nicht in allzu naher Zukunft, da die Kinder in Los Angeles in die Schule gehen. Es war nach den Wahlen, als Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde, ein tolles Gefühl, in einem Land zu sein, das von einem schwarzen Präsidenten regiert wird.

Das Interview führte Tobias Goltz.

„Tatort: Vergissmeinnicht“, Sonntag, 20 Uhr 15, ARD

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