• „Ich würd’ beim SFB zwei, drei Wände einreißen“ „Tatort“-Kommissar Dominic Raacke vermisst in Berlin die Lust an der kreativen Verschwörung

Medien : „Ich würd’ beim SFB zwei, drei Wände einreißen“ „Tatort“-Kommissar Dominic Raacke vermisst in Berlin die Lust an der kreativen Verschwörung

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Das ist ja laut bei Ihnen…

Naja, ich hab’ die Fenster offen. Draußen sind Presslufthämmer.

Sie leben in München. Sollte ein Berliner „Tatort“-Kommissar nicht auch in Berlin wohnen?

Warum? München ist meine Stadt. Berlin ist mein Arbeitsplatz. Klar ist Berlin der aufregendere Ort. Ich werde jetzt wieder zwei Monate dort sein, weil ich zwei Filme drehe.

Alle SFB-„Tatort“-Kommissare vor Ihnen waren mehr oder weniger Berliner. Heinz Drache, Günter Lamprecht, Winfried Glatzeder…

Die hätten 1999 ja auch einen Berliner nehmen können. Ich hab’ jedenfalls nie versucht zu berlinern, nur weil ich den Kommissar Ritter spiele. Und wie viele Bayern, Thüringer oder Sachsen leben jetzt in Berlin!

Was fällt Ihnen spontan zu Berlin ein?

Diese Riesen-Wände. Diese Narben. Manchmal nur Brachfläche, wo Müll draufgeschmissen ist. Sachen, die abgerissen werden oder nur halb hoch gezogen sind. Wenn wir drehen, wohne ich immer am Potsdamer Platz.

Mögen Sie den?

Sehr. Auch hier, diese Häuserwände. Das ist für mich das totale Berlin-Bild. Wenn ich die sehe, fühle ich mich wohl.

Sie schreiben selber Drehbücher. Es wird viel gejammert über die Qualität deutscher Drehbücher.

Diesmal gibt es nichts zu jammern. Dieser Tatort „Filmriss“ basiert auf einer Idee von mir: Lass den Kommissar eine Affäre mit einer unbekannten Frau haben, dann neben der toten Frau aufwachen, und er weiß nicht mehr, was passiert ist. Ritter sollte mal in eine emotionale Situation kommen.

Eine Dominic-Raacke-Story: Der Schauspieler mit dem Macho- Cowboy-Image in seiner Paraderolle.

Ritter gefällt mir schon ganz gut so, aber der Typ darf sich auch weiterentwickeln. Er ist sensibler geworden, das Outfit glamouröser. Da kann ich wilde Seiten von mir ausleben.

Wie sehen die aus?

Macho sein, brüllen, zusammenbrechen, saufen, schießen, huren. Was will man mehr? Ich kriege sogar noch Geld dafür, Dinge zu tun, die ich mich nicht trauen würde. Herrlich.

Gerade wurde Ihr dreizehnter „Tatort“ abgedreht. Damit sind Sie der dienstälteste SFB- Kommissar.

Ja, klasse, nicht? Und das bei diesen Strukturen.

Sie meinen den SFB.

Haben Sie schon mal vorm SFB-Hochhaus in der Masurenallee gestanden? 14 Stockwerke. Ich steh’ immer wieder und sage mir: Das alles für drei „Tatort“- Ausgaben, zwei Mal „Scheibenwischer“ im Jahr und ein bisschen Teletext-Betreuung. Jetzt werden die noch fusioniert mit dem ORB. Ich komme mit denen ja klar. Wir kämpfen, wir streiten, wir mögen uns auch.

Das klingt nicht gerade nach der großen Liebe.

Wenn ich da etwas zu sagen hätte, würde ich erst mal den Laden ein bisschen umkrempeln. Auf jedem Stockwerk bei zwei, drei Zimmern die Wände einreißen, Kühlschrank und Sofas reinstellen und da für sechs Wochen ein paar junge Autoren hineinsetzen. Die hätten eine gute Zeit und wir noch bessere Geschichten.

Wie sehe der ideale „Tatort“ aus?

Erst mal brauchen wir mehr Geld, um sich mehr Freiheiten zu schaffen. Es gibt Regisseure, die sagen, in nur 22 Drehtagen, wie beim „Tatort“ vorgesehen, drehe ich nicht. Es gibt Tage, da verlasse ich eine Redaktionssitzung, fühle mich verdammt einsam und denke, das darf doch alles nicht war sein. Da fehlt mir die kreative Verschwörung, die Lust, Berliner Geschichten auszuhecken…

...was wäre das: Politikerskandale, Stasi, Wanzen im Reichstag?

Als nächstes machen wir ja eine Stasi-Geschichte. Aber warum nicht mal einen Tatort drehen über den Staatsbesuch von George Bush? Da bin ich vielleicht trivial veranlagt, aber das mag ich. The other side. Bush kommt nach Berlin, die Gullydeckel werden zugeschweißt, der CIA läuft drei Wochen vorher rum, zwei kleine Großstadt-Bullen mittendrin, die plötzlich nichts mehr zu melden haben.

Schreiben Sie doch selber diese Geschichte.

Das ist mir zu viel Stress. Aber keine Sorge, ich bleibe am Ball. Wir sind der Hauptstadt-Krimi. Und ich will die Nummer eins werden.

Das Gespräch führte Markus Ehrenberg.

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