Ifa-Eröffnung : Alles so schön flach hier

Ein fescher Bursch in „Multimedia-Tracht“ und andere Ifa-Merkwürdigkeiten. Jetzt ist die Messe für das Publikum geöffnet. Ein Blick in die Zukunft ergab sich schon bei der Eröffnung.

Bernd Matthies
IFA Bildschirme
Die Internationale Funkausstellung wurde in Berlin für das Publikum geöffnet - Ein Blick in die Zukunft. -Foto: ddp

BerlinEs kann nicht ausbleiben, dass der verwirrte Besucher der Ifa nach Bildern oder Symbolen sucht, die ihm bei der Sinnstiftung helfen. Das hier könnte eins sein: An einer Ecke im Gewühl stehen 20 Schaufensterpuppen, bunt bekleidet mit „smarten“ Textilien. Sportlich, metallisch funkelnd, rot blinkend – dazwischen ein fescher Bursch in Lederhose. Was soll der hier? Die Lösung: Er trägt zum MP3-Spieler eine „MultimediaTracht“. Auf dem Hosenbein sind liebevoll die Symbole für Vorlauf, Rücklauf, Pause, Stopp aufgestickt. Laptop und Lederhose – das war gestern. Heute ist das Laptop die Lederhose. Und umgekehrt.

Die Ifa ist jene Veranstaltung, die früher Funkausstellung hieß und eine Publikumsmesse mit gehörig Tralala war. Doch diesen Namen haben die Veranstalter schamhaft verschwinden lassen, er ist irgendwie nicht zukunftsfähig, obwohl doch in den Messehallen gefunkt wird auf Teufel komm raus. Doch seit die Ifa alljährlich stattfindet, hat sich der Fokus ohnehin auf die Fachbesucher verschoben. Der Amateur darf zwar noch rein, wenn er bezahlt hat, aber schon der überall ausgehängte Ausstellungsplan zeigt ihm symbolisch den Stinkefinger – von ein paar Schlüsselworten und dem Programm der ARD-Halle abgesehen ist darauf kein deutsches Wort mehr zu finden. Wir unterscheiden also zwischen „Home Entertainment“, „Audio Entertainment“, „My Media“, „Public Media“ und „Communication“. Auch die Hersteller von Navigationsgeräten können nicht helfen, denn „Navigation wird zum Travel Scouting“. Ach so.

Die aktuelle Hauptfrage des neugierigen Laien („Wo sind denn hier die Flachbildschirme?“) ist dennoch leicht zu beantworten, denn sie sind überall. Praktisch jeder Hersteller behauptet von sich, er habe den größten, und dieser Wettlauf setzt sich bis in die Tüten fort, in denen der neugierige Besucher Prospektmaterial sammelt; einige Firmen gestalten diese Tüten jetzt ebenso groß wie die Bildschirme, was im Gewühl einen höchst lästigen Effekt erzeugt.

Grundig! Graetz! Metz! Alle wieder da, das wird die Schwarz-Weiß-Generation freuen, wenn auch kaum einer dieser Namen noch im Besitz gestandener deutscher Unternehmerpersönlichkeiten sein dürfte – darauf weist Grundig schon mit seinem Slogan „made for you“ hin. Aber man ist auf der Höhe der Zeit, alles verbindet sich mit dem Internet praktisch von allein, sogar die Küchenuhr, die jetzt Küchenclock heißt. Das Radio daneben geht „per WLAN ohne PC ins WWW“, woselbst angeblich 10 000 Sender darauf warten, Gehör zu finden.

Doch nicht überall quäkt, raschelt und rumpelt es nur dünn. Dafür steht die Redaktion der Zeitschrift „Audio“, die alljährlich die sogenannte teuerste Hifi-Anlage der Welt aufstellt. Das ist zwar ein wenig hypothetisch, weil sich auch die teuerste Anlage durch den Anschluss weiterer Lautsprecher ins Unendliche verteuern ließe. Die hier kostet 663 000 Euro und wiegt zwei Tonnen, das ist ja schon mal was. Die Leinwand allein kostet 10 000 Euro, der Beamer das Fünffache, und das ist nur fürs Sehen. „Nicht, dass Sie glauben, hier gibt’s kühles Bier“, scherzt der zuständige Redakteur, „das ist kein Kühlschrank, sondern ein Tieftöner.“ Entsprechend donnert die Orgel, als werde sie nicht von Graf Dracula, sondern von Godzilla persönlich geschlagen. Immerhin gibt es in der gut 20-minütigen Vorführung ein paar Momente der Konzentration auf Musik, bevor James Bond beim Schurkenverfolgen eine Großbaustelle in Schutt und Asche legt. Die Anlage überträgt das in Originallautstärke und lässt Daniel Craigs Schweiß authentisch glitzern.

Womit wir beim Kaiser Franz wären. Er ist zwar nicht unbedingt, was man heute „technikaffin“ nennt. Doch als Werbeträger muss er ran und wird also in ein seltsames Interview verwickelt, in dem es um hochauflösendes Fernsehen und Fußball geht. Ob denn die Frauen jetzt noch schärfer auf den schönen Luca Toni seien, fragt der Moderator, wenn sie ihn in HDTV sehen könnten? „Joooaaaa“, antwortet Beckenbauer, „wenn einer von Natur aus so schwarzhaarig aussieht, so rassig, dann ist er natürlich ein Frauentyp.“ So könnte es noch stundenlang weitergehen in zweckfreier Gaga-Kommunikation, aber der Kaiser muss weiter. Bleibt nur noch der Weg zur ARD, wo ein paar Journalisten sich mit sich selbst und Anne Will beschäftigen, von der wir erfahren, dass die ARD ein superduper Archivsystem hat und journalistisch nicht zu schlagen ist.

Das Gespräch tanzt eine Weile auf dem Grat zwischen tod- und sterbenslangweilig, wir müssen raus – und laufen vier Gestalten in die Arme, die in violetten Plüschwürfeln stecken und Buchstaben verkörpern sollen. Eine Anleitungskraft weist ihnen resolut den Weg: „B und E nach links, N und Q nach rechts!“ Nun erkennt niemand mehr, dass sie eigentlich den Namen „BenQ“ darstellen sollen. Aber bis zum Ende der IFA können sie noch kräftig üben.

ÖFFNUNGSZEITEN

Die Funkausstellung dauert bis 5. September, also kommenden Mittwoch. Die Messehallen unter dem Funkturm sind täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

TICKETS

Die Tageskarte kostet 13 Euro, ermäßigte Tickets gibt es für 9,50 Euro. Die Schülerkarten sind für 5,50 Euro zu haben, Kinder unter sechs Jahren kommen gratis rein. Wer nur kurz vorbeigucken will, besorgt sich das „Happy-Hour-Ticket“ für 8 Euro – das ist ab 14 Uhr gültig. Und für Familien gibt es auch ein Angebot: Zwei Erwachsene und bis zu drei Kinder kommen für 26 Euro auf die Ifa.

ANFAHRT

Traditionell gibt es am Messegelände wenig Parkplätze, in Eichkamp wird resolut abgeschleppt. Wer zur Ifa will, sollte daher die BVG und S-Bahn nutzen. Eine Alternative sind die Parkplätze auf dem Olympischen Platz – von dort verkehrt ein kostenloser Bus-Shuttle im Zehn-Minuten-Takt zum Messegelände.

STAUGEFAHR

Achtung: Heute hat Hertha BSC ein Heimspiel im Olympiastadion, es wird also nicht nur auf den Parkplätzen an der Heerstraße und am Olympiastadion eng – sondern auch bei der An- und Abreise.

KONZERTE

Täglich treten Künstler bei der Ifa auf: Heute findet im Sommergarten das Open-Air-Konzert mit der Hip-Hop-Band Freundeskreis statt – Karten kosten 22 Euro; Beginn: 17.30 Uhr.

KONTAKT

Info-Telefon der Ifa: 3069- 6924

www.ifa-berlin.de AG

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