Medien : "Ihr seid nur Tiere - Die Geiseln von Jolo": Die öffentlichste aller Entführungen

Simone Leinkauf

Die Geiseln von Jolo: Monatelang bestimmten sie die Print- und Fernsehnachrichten in Deutschland, Frankreich und Finnland, brachten Zuschauer und Leser dazu, mit ihnen zu bangen und zu hoffen. Und immer wieder stand Renate Wallert im Mittelpunkt - die Frau, die mit den Bedingungen der Geiselhaft am wenigsten klar kam, die weinte und zusammenbrach und schließlich schwer erkrankte. Sie durfte als eine der ersten nach Hause fliegen, Mann und Sohn ließ sie auf Jolo zurück.

Raymond Levy und Mario Schmidt sichteten das reichlich vorhandene Filmmaterial dieser "öffentlichsten" Entführung aller Zeiten und bastelten aus diesen (zu) oft gesehenen Bildern und Interviews der Betroffenen eine einstündige Dokumentation. "Ihr seid nur Tiere - Die Geiseln von Jolo" wird heute abend um 22 Uhr 55 im Rahmen eines Themenabends "Geiseln" auf Arte gezeigt.

Es ist ein Film geworden, der in den nachgestellten Szenen schon fast surrealistische Züge trägt - schöne Bilder und anrührende Texte: Doch dem Zuschauer wird weder eine Chronologie der Ereignisse geliefert, noch wird ihm gezeigt, wie die Menschen nach ihrer Freilassung mit dem "normalen" Leben zurecht kommen. Deutlich wird, dass die Deutschen mit "ihren" Geiseln offensichtlich anders umgehen als die Finnen und Franzosen. Jedenfalls kann sich keiner von ihnen vorstellen, dass der Zusammenbruch von Renate Wallert in einem der Nachbarländer ähnlich negativ aufgenommen worden wäre wie in Deutschland, wo sie als "Heulsuse" bezeichnet wurde.

Noch heute leiden die Wallerts unter dieser negativen Berichterstattung. Ley und Schmidt konstatieren das, ohne die tatsächliche Berichterstattung nachzuzeichnen oder den Gründen für die Wahrnehmung in den deutschen Medien nachzuspüren. Die Geiselnehmer werden aus Sicht der Geiseln als "clownesk" beschrieben, was nachvollziehbar ist. Dagegen wirkt die Charakterisierung der Geiselnehmer durch die Autoren als "dummdreist" schon wieder reichlich oberflächlich. Politische Hintergründe und die reale Lebenssituation auf den Philippinen bleiben ebenso außen vor, wie eine Analyse der Bedeutung der Medien. Und so wird der Zuschauer mit diesem bildlich professionell aufbereiteten Film allein gelassen, ohne dass deutlich wird, warum diese Dokumentation nötig war.

Verständlich wird sie im Grunde nur im Rahmen des Themenabends, an dem um 20 Uhr 45 der Spielfilm "Hundstage" von Sidney Lumet und um 23 Uhr 55 die Dokumentation "Geld oder Leben" über das geheime Geschäft mit dem Kidnapping von Geschäftsleuten und Touristen zu sehen sind.

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