Medien : Im Bauch von Berlin

Am Donnerstag beginnt die dritte Staffel der realistischsten deutschen Polizeiserie: „Abschnitt 40“

Barbara Sichtermann

Nah dran am wirklichen Geschehen wollen sie ja meistens sein, die Krimiserien, und seit Doku-Soaps und Reality-Formate so tun, als wären sie das Geschehen selbst, weiß die Wirklichkeit kaum noch wohin vor lauter Kameras und Mikrofonen. Dem Publikum schwant längst, dass alles, was von einem Objektiv erfasst wird, seine Unschuld als Wirklichkeit verliert und sich in Fernsehen verwandelt. Und dass ihm die Wirklichkeit nicht dadurch näher gebracht wird, dass Fernsehmacher sie belauern, kopieren oder überfallen, sondern sie, beispielsweise in der Fiktion, mit Könnerschaft und Klugheit darstellen.

Genau diesen Weg sind die Macher der zu Recht mit Preisen bedachten Serie „Abschnitt 40“ (Produktion: Typhoon Networks AG, Regie der acht neuen Folgen: Florian Kern, Rolf Wellingerhof, Andreas Senn) gegangen. Weg vom So-tun- als-ob mit wackelnder Kamera und stammelnden Laien, hin zu entschiedener Professionalität. Die Geschichten spielen auf breiten Boulevards, engen Fluren und winkeligen Hinterhöfen, kurz: in Berlin. Die Helden sind keine charismatischen Ermittler, sondern schlichte Streifenpolizisten, ihre Täter keine großen Tiere, sondern Leute von der Straße mit Geldsorgen, Ticks und Träumen. Dieser unspektakulären Szenerie dann doch die nötige Serien-Spannung abzugewinnen und erzählenswerte Geschichten aus scheinbar minimalen Anlässen zu destillieren – „Alles wegen einer Marmeladenstulle“ –, darin besteht das besondere Verdienst von „Abschnitt 40“.

Es ist immer noch eine Männerwelt, das Revier mit Dienstgruppenleiter Burrow (Heinz-Werner Kraehkamp) als Mittelpunkt und den Teams Harald/Grischa, Jan/Cora und Ulf/Sebastian drumrum. Aber die Frauen sind im Kommen – wenn auch vorderhand in Gestalt von Männerfantasien. So ist Polizeimeisterin Sonja wider alle Wahrscheinlichkeit und ohne jede Chance in Sebastian verliebt und zwar offensiv. Trotz diverser harscher Zurückweisungen heftet sie sich dem verheirateten Kollegen, dessen Frau kurz vor der Entbindung steht, unverdrossen an die Fersen, nur um sich die nächste Demütigung einzufangen. Liebe Autoren (Christoph Darnstädt, Oliver Hein): Solche Frauen gibt es nicht, auch nicht bei der Polizei. Und dass die schöne Kommissarin Cora, die mit Jan auf Streife geht, ihrem Partner gleich erotisch verfällt und zwar ausgiebig und illegitim, das ist auch weniger dem Leben, als dem Männerwunschtraum abgelauscht. Aber lassen wir’s gut sein. „Abschnitt 40“ macht sonst keine Fehler. Von der Männerwelt Revier geht’s hinaus in die bunt gemischte Welt der Stadt mit ihren Märkten, Kneipen und Mietshäusern, und hier wartet die kleine, die versehentliche und die bizarre Kriminalität darauf, dass ihr die Bullen von der Streife in den Arm fallen. Und das tun sie: je nachdem mit Schneid, Pedanterie, Vorsicht oder Bravour. Alle Polizisten sind Persönlichkeiten, die auf ihre Art reagieren und interagieren; man freut sich auf jeden einzelnen und erkennt ihn nicht nur am Gesicht, sondern ebenso am Gemüt. Und lachen kann man auch. Da holt zum Beispiel ein Bürger die Bullen, weil er glaubt, von der missgünstigen Nachbarin verhext worden zu sein. Alles Mögliche habe sie ihm geraubt, vom Vorderzahn bis zur Manneskraft. Die süße Geliebte guckt auch um die Ecke. Ulf kann seine Augen nicht abwenden und sagt zum Kollegen: „So’ne Frau und du kriegst kein’ hoch!“ Antwort: „Da würd ich auch die Polizei rufen.“

„Abschnitt 40“ wühlt sich in den Alltag, in die Dinge des Lebens, während die sich mit dem Gesetz anlegen, und die Serie stößt dabei auf die Dramatik der Normalität, die fesselt, weil sie nah ist. Zum geschliffenen Handwerk von Regie, Buch und Kamera addiert sich die Kunst der Schauspieler (besonders überzeugend: Sebastian Bezzel als Ulf). Teils mit coolem Understatement, teils mit sonniger Chuzpe legen sie ihre überforderten Streifenbeamten hin, dass es eine Art hat. Den Leiter Burrow plagt noch ein Extraproblem: die Angst davor, zum alten Eisen geworfen zu werden. Im Fernsehen ist ein Eisen von der Art der Burrow-Figur dann allerdings auf edle Weise alt, nämlich klassisch.

„Abschnitt 40“ – dritte Staffel, Donnerstag, 10. Februar, RTL, 21 Uhr 15

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