Medien : Im Bett mit Bello

Sendungen zur Tiererziehung kommen bestens an – auch wenn sie für Hundebesitzer peinlich sind

Jeannette Krauth

Der arme Lucky. Als Munitions-Nanny anrückt, hat der Dalmatiner keine Chance mehr: Am Kopf trägt er Riemen über Nase und Hinterkopf („Halti“ heißt das), dahinter ein Halsband, und um den Rumpf eine Seilkonstruktion über Brust, Hinterteil, Bauch und Rücken. Drei Leinen macht das. Dazu kommt noch die letzte Waffe, ein zweites Halsband, aus dem eine übel riechende Flüssigkeit herausspritzt, wenn Nanny auf die Fernbedienung drückt, weil Lucky böse bellt.

Oh Grausen! Mit so einem Waffenarsenal beginnt die erste Folge von „Die TierNanny“, eine Doku-Soap über Hundeerziehung, die heute mit der dritten Staffel auf Vox startet. „Tier-Nanny“ ist das Pendant zur „Super Nanny“. Sie schickt nicht die armen Kinder in die stille Ecke, sondern holt ein Leinenreservoir heraus, um etwa diesem Lucky abzugewöhnen, auf andere Hunde loszugehen. Erziehungssendungen sind Quotengaranten, inzwischen gibt es sie in jeglicher Form. Für Familien ist Katja Saalfrank da, Vera Int-Veen und Detlef D! Soost belehren Antriebsschwache, Tine kümmert sich darum, ganz Deutschland in Ikea wohnen zu lassen, die Kochprofis machen deutsche Gaststätten flott, und bei den „Sex-Inspectors“ gaben Infrarotkameras das Liebesleben zur Begutachtung frei. Jetzt eben Hunde. Das Einzige, was noch fehlt, sind die Beziehungs-Kitt-Nannys.

Die „Tier-Nanny“ ist die dritte Erzieherin für deutsche Hunde im Fernsehen. „Die Superfrauchen“ liefen auf RTL2, die ARD setzt auf „Ein Team für alle Felle“, „Eine Couch für alle Felle“ gab es im WDR Fernsehen. Sowieso gehen Tiere im Moment hervorragend: Am Sonnabend erst ist ein neues Tiermagazin im NDR Fernsehen angelaufen, zum Thema „Auf den Hund gekommen“ wurde am selben Tag im Südwest Fernsehen getalkt. Hundevermittlungsshows sind in jedem Regionalsender Pflicht.

Letzte Neueroberung sind die Zoo-Doku-Soaps. Erst aus Leipzig, dann Münster und Berlin. Da kann man sehen, wie der Pfleger dem Affen beibringt, für ein Leckerli den Po gegen das Gitter zu drücken. Das erleichtert das Fiebermessen, wenn der Affe den Trick begreift. Okay, das klingt jetzt sehr affig und ist auch nicht ganz fair. Denn gerade die Zoo-Dokus zeigen die ganze Bandbreite des Lebens im Kleinen. Tod, Leben, Umzug – alles da. Eine Welt, die ihre Schwierigkeiten hat, aber unter dem Strich positiv ist. Das wird gemocht.

Und die Tier-Erziehungs-Sendungen? Zugute halten kann man ihnen einen aufklärenden Effekt. Das ist Oswald Kolle für Tierbesitzer, sozusagen. Ist doch wichtig, mal zu sagen, dass die über fünf Millionen Hunde in Deutschland nicht von selbst ausgeglichene, angenehme Tierchen sind. Dass sie etwa einen Boss brauchen, weil Hunde, die im Rudel leben, auch einen Boss haben.Vielleicht versteht Herr Mayer so, dass es nicht liebevoll gemeint ist, wenn sein Rottweiler sich auf dem Sofa immer näher an Frauchen drückt. Sondern dass er schlicht meint, Frauchen sei rangniedriger und sollte sich schleunigst vom Sofa bewegen. Aber: Der arme Hund, dessen Mensch auf die Idee kommt, mit drei Leinen und Sprüh-Halsband auf ihn loszugehen. Weil die Frau im Fernsehen das schließlich so gemacht hat.

Den großen Kritikpunkt an der „Super Nanny“, beispielsweise von Seiten des Kinderschutzbundes, dass die Sendung die Privatsphäre der Kinder missachtet, Kinder entwürdigt, der greift bei den Hunden zumindest nicht. Allerdings stehen die Hundehalter ziemlich blöd da. Die „Tier-Nanny“ lästert gern mal frontal in die Kamera, wenn die Besitzer nicht dabei sind: „Wir müssen hier tatsächlich bei Null beginnen“, oder: „Ich glaube ihr nicht, dass sie geübt hat“. Da kommt rüber: Total meschugge, diese Klientin.

Generell mag der Zuschauer so ein gewisses Gefühl von Überlegenheit. Deshalb funktioniert auch „Wer wird Millionär?“ so gut. Das Selbstbewusstsein wächst im deutschen Wohnzimmer, wenn man den Kandidaten im Fernsehen für ein bisschen unterbelichtet halten kann. Deshalb graben die Hunde-Shows Tierhalter aus, die mehr als kurios sind.

Mir als Hundebesitzer ist das immer ein bisschen peinlich. Eine Familie hat fast jeder, wenn keine eigenen Kinder, dann eine Herkunftsfamilie. Wohl kaum einer versucht daher, von der Kinder-Nanny auf Eltern an sich zu schließen. Anders ist das bei Hunden. Wie obskur müssen Hundehalter auf jemanden wirken, der seine Erfahrung nur aus Straßenbegegnungen und dem Fernsehen bezieht? Wenn Vox und RTL2 Monsterbesitzer vorführen, wie etwa eine Mittzwanzigerin bei den „Superfrauchen“, die ihren Terrier regelmäßig unter die Bettdecke schlüpfen lässt, und fast in Löffelchen-Stellung mit dem einschläft? Oh je, dann graust es der zuschauenden Hundehalterin. Das ist echte Nahrung für das Vorurteil, Tierhalter seien ein wenig absonderliche Menschen ohne jede soziale Kompetenz. Wie sagte letztens eine Kollegin? Manchen Singles mit Hund wolle man raten, es doch noch mal mit Menschen zu versuchen. Urgh. Als Mensch mit Hund fühlt man sich dann fast versucht, Adressbuch und Terminkalender zu zücken und zu sagen: „Schau mal! Ich habe Freunde!“

Obwohl – als ich heute Morgen den Futterbeutel von meinem Hund (Apportieren, simulierte Hasenjagd, ist Seelennahrung für Hunde) drei Mal hintereinander zwei Meter in die Höhe statt zehn Meter über die Wiese warf, das war schon peinlich. Denn Zuschauer standen zehn Schritte entfernt am Glascontainer. Tja, mit Hund lernt man jeden Tag, nicht eitel zu sein. Zugegeben: Man könnte es schon als etwas sonderlich bezeichnen, morgens um acht im Park zu stehen, die Finger riechen nach Bifi-Leckerlis, die Füße sind nass von einer Stunde Winter-Spaziergang – und dennoch zu grinsen, weil der Hund so schön durch den Schnee hüpft.

„Die Tier-Nanny“, Vox, 19 Uhr 15

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