Medien : Im Bett mit Girlies

Dem ARD-Sonntagskrimi ist die Welt des Verbrechens abhanden gekommen

Barbara Sichtermann

Jede Langzeit-Serie oder steckt in demselben Dilemma. Das Publikum reagiert auf einen sogenannten Wiedererkennungseffekt mit Sympathie und Kredit. Es freut sich, wenn die Dinge bleiben, wie sie sind. Wäre das alles, wär’s prima für die Planer. Aber das Publikum kann auch anders. Unversehens regt sich in ihm die Lust am Wandel, ja sogar am Schmähen dessen, was es gestern noch geliebt hat. Dann haben die Traditionalisten in den Redaktionen schlechte Karten, und die jungen Wilden punkten. Allerdings: Mindestens die Hälfte dessen, was so an Neuerungen präsentiert wird, erweist sich früher oder später als Windei. Kleinlaut kehren die Zuschauer zum Bewährten zurück und wünschen fürs Erste keine Änderung mehr.

Was hier grob als Tendenz skizziert worden ist, kennen wir, fein verteilt in der Realität, als die launische Dynamik der Quoten. Die zu interpretieren, fällt nicht immer leicht. Was soll man zum Beispiel davon halten, dass der Sonntagabend, der doch einem alten Pakt von ARD und Publikum gehorchend dem „Tatort“ und dem „Polizeiruf 110“ gehört, nun den Quoten zufolge in andere Gefilde wegdriftet? Nicht mal Dominik Grafs außerordentlicher „Polizeiruf: Er sollte tot“ konnte die erwartete höchste Einschaltbereitschaft wecken. Ist das nun nur ein Zwischentief oder eine Krise des „Tatorts/Polizeirufs“, des deutschen Traditionskrimis also?

Man weiß es nicht. Man hat aber die neuen Krimi-Formate aus Skandinavien und Amerika zur Kenntnis genommen und ahnt, dass die interessanten neuen Töne, Farben, Konstellationen und Dramaturgien, die sich da entwickeln, eine echte Herausforderung darstellen. „CSI“ zum Beispiel, eine Serie aus drei Städten (New York, Miami und Las Vegas), kreiert einen faszinierenden „Look“, einen spekulativen Einblick in die Welt des Verbrechens, die hier wieder fremd wird. Die „CSI“-Serien präsentieren ihre Ermittler kühl als Techniker, zugleich aber auch als Moralisten, denen es darum zu tun ist, das Böse zurückzudrängen. Und nicht so sehr als „Menschen“ (mit Familie oder gerade nicht, mit kleinen Schwächen, großen Herzen etc.), wie es unser „Tatort“ traditionsgemäß tut. Kann es sein, dass diese neuen Ästhetiken im Krimi-Genre den überkommenen Sonntagabend ein bisschen alt aussehen lassen?

„Der Lippenstiftmörder“, heute mit Kommissarin Lena Odenthal im Ersten, könnte diesen Verdacht erhärten. Die Geschichte: Ein junges Mädchen wird tot auf einer Bank neben den Gleisen eines Kleinstadt-Bahnhofs gefunden. Sie sitzt aufrecht da, als lebte sie noch, ihr Mund ist tadellos geschminkt, obschon sie den Tod durch Ersticken erlitt. Es wird ziemlich viel drumrum drapiert um diesen Leichenfund und das Woher und Wohin des Mädchens; fast alle Kontaktpersonen kommen als Täter in Frage, das heißt, sie haben ein Motiv und wackelige Alibis, weshalb Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe) über die größte Strecke des Films falschen Fährten nachjagen. Das tun sie allerdings mit der gewohnten Akkuratesse bei der Kombination, den Verhören, den Tatortuntersuchungen und dem Schlüsse-Ziehen, wobei die Kamera von Ralf Nowak und die Regie von Andreas Senn an der bewährten Inszenierung der schönen Kommissarinnen-Amazone mit vielen Großaufnahmen und ein wenig sanfter Action festhalten. Dennoch hat das Hin und Her und das Verfolgen falscher Spuren hier etwas Verspieltes im Sinne von unernst. Und auch die Einblicke in das WG-Leben von Odenthal und Kopper erscheinen dem von „CSI“ verwöhnten Zuschauer wie überflüssiger Kinderkram. Klar, auch Bullen sind nur Menschen. Das weiß man ja nun, man muss es nicht immer wieder aufs Butterbrot geschmiert kriegen. Und möchte sich eigentlich nicht anschauen müssen, wie Kopper von einem Girlie, das ihn „abgeschleppt“ hat, geweckt wird, während Odenthal, missbilligend die Augen rollend, daneben steht. Vielleicht ist das ein wichtiger Aspekt beim Wandel eines Genres, das ja auch es selbst bleiben soll: Es wird immer mehr und immer anderes vorausgesetzt. Das Publikum ist lernfähig. Es hat begriffen, dass Gesetzeshüter fehlbar sind und gar fallweise die Gesetze brechen und dass sie zuweilen ganz gerne von einem Girlie oder Macker abgeschleppt werden. Es möchte sich durch die ausführliche Inszenierung solcher Details nicht mehr vom Eigentlichen ablenken lassen: Von der Welt des Verbrechens, wie man in sie eindringt und gegen sie kämpft.

„Tatort: Der Lippenstiftmörder“, ARD, 20 Uhr 15

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