Medien : Im Club der Millionäre

Hörbücher für Erwachsene waren lange an das Medium CD gebunden. Inzwischen findet das Wachstum besonders im Internet statt

Kurt Sagatz

„Ich höre 101.5. Und jetzt lassen Sie eine Geisel frei“. Der „Cash-Call“ des Berliner Radiosenders verläuft an diesem Morgen alles andere als normal. Die Hörerbindungsaktion wird zum Albtraum. Ein Psychopath hat den Moderator des beliebten Dudelsenders und fünf Studiogäste als Geiseln genommen und droht damit, jede Stunde eine von ihnen zu erschießen, wenn es der Polizei nicht gelingt, seine Verlobte herbeizuschaffen – doch die gilt seit genau acht Monaten als tot. Bereits der erste Roman „Therapie“ des Berliner Schriftstellers und Radiomachers Sebastian Fitzek war ein Überraschungserfolg, sein neues Werk „Amok Spiel“ wird von den Kunden des Hörbuchportals aber noch euphorischer bewertet. Auf einer Skala von eins bis fünf liegt Fitzeks Roman bei 4,7, und das, obwohl es dieses Hörbuch auf eine Gesamtlänge von fast elf Stunden bringt – oder eher gerade deswegen.

Die erste Million ist bekanntlich die schwerste, das gilt auch für Hörbücher, die aus dem Internet geladen werden. Anfang dieser Woche hat Audible diese wichtige Marke genommen. Das Ende 2004 in Deutschland gestartete Unternehmen, eine Kooperation der amerikanischen Audible-Mutter mit dem zu Bertelsmann gehörenden Verlag Random House sowie den Verlagsgruppen Holtzbrinck und Lübbe, hat zweieinhalb Jahre gebraucht, bis die inzwischen 250 000 Kunden eine Million Hörbücher vom Portal geladen haben. Lange war das Hörbucherlebnis im Erwachsenenbereich fast ausschließlich mit dem Medium CD verbunden. Doch nun, mit dem Siegeszug des MP3-Player, werden Internetportale wie Audible.de, Soforthoeren.de oder Claudio.de und Libri.de zunehmend für die Kunden interessant, weil man sich so das umständliche Digitalisieren der Hörbücher für das mobile Abspielgerät erspart und dabei sogar noch sparen kann. Zurzeit bieten rund zwanzig Portale Hörbücher zum Download an, davon bedient ein Viertel vor allem den Markt für Kinderhörbücher. Platzhirsch bei den Erwachsenenportal ist Audible, das es auf einen Marktanteil von gut 70 Prozent bringt.

Die starke Stellung hat mehr als nur technische Gründe. Die Internetnutzer unter den Hörbuchfreunden gehören nach Einschätzung von Audible-Geschäftsführer Arik Meyer zu den absoluten Vielhörern, sowohl was die Zahl als auch die Länge der Hörbücher angeht. Und sie lassen sich zunehmend für Serien begeistern, selbst wenn es dazu nötig wird, Abonnent zu werden. Wie sehr sich der stationäre Handel mit Hörbuch-CDs vom Internetdownloadmarkt unterscheidet, zeigt sich auch an einem anderen Beispiel. Die „Starken Stimmen“ aus der „Brigitte“-Reihe sind gut für Hörbucheinsteiger, so Meyer, auf der Internet-Plattform waren sie hingegen weniger erfolgreich. Möglicherweise hängt das aber auch mit der Geschlechterverteilung zusammen. Mit den Downloadportalen verhält es sich ähnlich wie mit dem Internet in den Anfangsjahren, denn auch hier dominieren bislang die jungen, männlichen und technophilen Kunden, die auch bei Hörbüchern die „härtere Kost“ bevorzugen. Die Vorlieben der Internetnutzer beziehen sich einerseits auf die Genres. Besonders erfolgreich sind neben Krimis und anderen Thrillern vor allem Science-Fiction und Fantasy-Stoffe. Doch auch bei den Autoren unterscheidet sich die Internetnische noch vom Handel mit CDs. Zwar findet man auch auf den Downloadportalen Autoren wie Thomas Harris mit seinen „Hannibal“-Schockern und auch andere erfolgreiche US-Autoren wie Douglas Preston und Lincoln Child haben ihr Stammpublikum. Erfolgsautoren wie Frank Schätzing verkaufen sich hingegen als Geschenk-CD immer noch besser als beim Hörverlagableger Claudio.de. Hinzu kommt, dass einige Autoren wie die Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling sich bislang komplett gegen die Verbreitung ihrer Werke über das Internet sträubt, während die von Rufus Beck vertonten Harry-Potter-CDs zu den ganz großen Erfolgstiteln gehören, mit denen andere, verlegerisch gewagtere Projekte mitgetragen werden.

Möglicherweise wird das für die Verlage in Zukunft etwas einfacher, wenn technische und urheberrechtliche Probleme an Bedeutung verlieren. Einerseits stellen sich die Hersteller von MP3-Playern zunehmend auch auf spezielle Formate für Hörbuchdateien ein. Andererseits zeichnet sich beim Kopierschutz ein Umdenken ab. Einige Hörbuchverlage setzen bereits auf offene Systeme beispielsweise mit digitalen Wasserzeichen.

Interessant an der Entwicklung des Hörbuchdownloadmarktes ist aber auch, dass Deutschland anders als in vielen anderen Zukunftsmärkten nicht erst im Mittelfeld zu finden ist, sondern in Europa zusammen mit Großbritannien zu den führenden Nationen gehört. Franzosen, Spanier und Italiener haben die Möglichkeiten zum bequemen Herunterladen hingegen noch nicht erkannt, und selbst die ansonsten in Internetfragen sehr viel weiter entwickelten Skandinavier halten sich noch zurück.

Während die erste Million bei Audible zweieinhalb Jahre gebraucht hat, bei der nächsten soll es schneller gehen. „Wenn es so weitergeht, ist die zweite Million Mitte nächsten Jahres erreicht“, ist Audible-Chef Meyer sicher. An guten Autoren, die den Hörer wie Sebastian Fitzek mit seinem Geiseldrama auch über viele Stunden fesseln, mangelt es den Internethörbuchhändlern jedenfalls nicht.

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