Im Diktatorenland : „Deutschland hat ein positiveres Image“

Antonia Rados berichtet für RTL aus Libyens Hauptstadt Tripolis. Nach fünf Wochen verlässt sie das Land. Ein Resümee.

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Nähe und Distanz. Antonia Rados konnte in Tripolis auch mit Machthaber Gaddafi sprechen. Heute verlässt sie Libyen, ihr RTL-Kollege Dirk Emmerich wird übernehmen. Foto: RTL
Nähe und Distanz. Antonia Rados konnte in Tripolis auch mit Machthaber Gaddafi sprechen. Heute verlässt sie Libyen, ihr...

Frau Rados, fünf Wochen lang haben Sie aus Tripolis berichtet. Fühlten Sie sich in dieser Zeit an den Irakkrieg erinnert, als Sie live aus Bagdad berichteten, während links und rechts die Cruise Missiles und die Bomben einschlugen?

Die Situation ist nicht zu vergleichen mit der im Irakkrieg, hier wird um vieles weniger gebombt. Was nicht heißt, dass die Bevölkerung keine Angst hat. Ich kenne eine Deutsche, verheiratet mit einem Libyer. Sie lebt mit ihrer Familie nahe am Flughafen. Sie erzählt mir, ihre Töchter wären schon völlig traumatisiert. Andere, die gegen Gaddafi sind, hoffen, dass das Regime militärisch durch die Angriffe so geschwächt wird, dass es fällt. Im Moment gibt es keine Anzeichen dafür.

Für den Fernsehzuschauer ist es erstaunlich, dass das Gaddafi-Regime westliche Korrespondenten berichten lässt.

Das Gaddafi-Regime lässt ungefähr 100 Reporter aus aller Welt aus Tripolis berichten. Ich bin eine unter vielen. Wir arbeiten alle unter den gleichen Bedingungen, deutsche, amerikanische oder chinesische Medien. Wir dürfen nicht allein hinaus – nur mit sogenannten Aufpassern.

Was verspricht sich das Regime davon?

Nachdem zu Beginn des Konfliktes tagelang nur von der anderen Seite, aus Bengasi, über die Rebellen berichtet wurde, durften Reporter plötzlich nach Tripolis. Das Regime möchte offenbar seinen Standpunkt – ob man den teilt oder nicht – in den verschiedensten Medien vertreten sehen. Daher die weitgestreute Gruppe von Reportern in Tripolis, vom türkischen Fernsehen bis zum amerikanischen CNN.

Werden die Berichte zensiert?

Zensur bei Live-Berichterstattung oder beim Verfassen von Berichten gibt es nicht. Artikel und Berichte werden im nachhinein offenbar überprüft.

Sie sprachen von „Aufpassern“.

Das Gaddafi-Regime hat einen jungen, Englisch sprechenden Pressesprecher, Dr. Ibrahim Musa, im Westen ausbilden lassen. Der ist rund um die Uhr im Einsatz. Er wohnt mit seiner Frau, einer Deutschen, plus Kind, im selben Hotel wie wir. Presseerklärungen macht er mit Vorliebe gegen 23 Uhr. Aufpasser, Übersetzer, Fahrer leben ebenfalls im Hotel. Unser „Zusammenleben“ mit dem Regime hat seine Höhen und Tiefen. Manchmal scherzt Dr. Musa mit uns Reportern, dann wieder brüllt er uns an. Das Wichtigste für uns ist, nicht zu vergessen, weshalb wir da sind: Um über das zu berichten, was wir sehen, hören und trotz Einschränkungen erfahren.

Konnten Sie sich trotzdem ein eigenes Bild von der Situation in Tripolis und von der Situation Gaddafis machen?

Ja, wenn auch eingeschränkt. Ich war bereits mehrmals in Libyen und habe Kontakte. Das hilft bei der Einordnung.

Deutschland hat sich bei der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat über die Flugverbotszone der Stimme enthalten. Ist das in irgendeiner Weise hilfreich für Ihre Arbeit?

Deutschland hat heute fraglos ein positiveres Image als Frankreich oder Großbritannien. Für die Berichterstattung ist das weder hilfreich noch hinderlich.

Wie gefährlich war Ihre persönliche Lage und die Ihrer Mitarbeiter?

Ich würde die Gefahr weder überschätzen noch beschönigen. Die Luftangriffe waren – bisher zumindest – auf militärische Stellungen gerichtet.

Sie verlassen Tripolis, Gaddafi bleibt.

Im Moment scheint mir, dass diese Krise noch lange dauern wird. Militärisch und politisch sind die Fronten festgefahren. Das Einzige, was die Lage sofort ändern könnte, wäre der Rücktritt Gaddafis. Aber den sehe ich nicht kommen – nicht im Moment. Wir selbst werden heute abgelöst. Nach beinahe fünf Wochen in Tripolis muss jeder einmal raus.

Das Interview führte Joachim Huber.

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