Medien : Im Dschungel von Berlin

Die ZDF-Reihe „Der Kontinent“ erzählt die Geschichte Europas – und beginnt vor 500 Millionen Jahren

Thomas Gehringer

Und Europa bewegt sich doch. Selbst Skandinavien schipperte mal irgendwo südlich des Äquators herum, der Rest sogar am Südpol. Europa war da noch ein „Riesenpuzzle“ auf einem Planeten, der sich wie eine „Hexenküche“ gebärdete, heißt es am Sonntagabend im ersten Teil „Die Geburt Europas“ aus der ZDF-Reihe „Der Kontinent“. Reichlich früh setzt dieser bildgewaltige Vierteiler ein, etwa vor 500 Millionen Jahren. Europa in der gegenwärtigen Form gibt es erst am Ende der ersten 45 Minuten, da war man schon circa 495 Millionen Jahre weiter. Was uns das heute angeht? Immerhin bedienen sich die Europäer noch aus dem Erbe zum Beispiel der Karbon-Zeit (vor 360 bis 290 Millionen Jahren), als meterdicke Schichten aus Pflanzenresten durch gewaltige Wasser- und Erdbewegungen zusammengepresst wurden – zu Kohle.

Es ist ein rechtes Spektakel, das die öffentlich-rechtlichen Sender BBC, ORF und ZDF da in Koproduktion veranstalten. Um die Natur- und Kulturgeschichte des Kontinents zu erzählen, haben sie rund 150 Natur- und Spielfilmprofis vier Jahre lang beschäftigt, haben 600 Drehtage in 20 Ländern absolviert, haben mit Realmodellen und Schauspielern gearbeitet, haben Computeranimationen beigefügt und dabei 4,2 Millionen Euro ausgegeben. „Der Kontinent“ ist eine Natur- und Wissensdokumentation ganz auf der TV-technologischen Höhe der Zeit. Die Kontinental-Verschiebung etwa wird mit Bildern veranschaulicht, die wie gestochen scharfe Satellitenfotos aussehen. Natürlich dürfen lebensechte Computerwesen wie Dinosaurier, falkengroße Libellen und meterlange Tausendfüßler nicht fehlen. Sehr hübsch sind auch die Montagen, in denen das Brandenburger Tor im Dschungel, der Eiffelturm im Meer und der Trafalgar Square im Gletscher versinken. Allerdings kann man sich leicht erschlagen fühlen, nicht nur von den fortwährenden Vulkanausbrüchen und Überschwemmungen, sondern auch von dieser Flut an eindrucksvollen Bildern, die allzu hastig am Auge vorbeiziehen. Gerne wäre man länger in der Blauen Lagune auf Island abgetaucht oder hätte die in Salz gehauene polnische Kathedrale näher erkundet.

Dabei will die aufwändige Reihe mehr sein als ein spektakulärer Reiseführer durch die Geschichte des Kontinents. Das Beispiel Kohle weist den Weg, und nach und nach soll diese entscheidende Frage in den Mittelpunkt rücken: Wie haben sich Natur- und Kulturgeschichte gegenseitig beeinflusst? Teil zwei beschäftigt sich mit der Eiszeit (25.9.), doch spannend wird es vor allem werden, wenn der Homo sapiens auf den Plan getreten ist. Von den Bauern der Jungsteinzeit bis zum brachialen Abbau von Rohstoffen während der Industrialisierung wird der Einfluss des Menschen im dritten Teil (2.10.) dargestellt. Am Ende verbreitet die Reihe in Teil vier (3.10.) Optimismus und zeigt Beispiele dafür, dass sich die Natur verloren gegangenes Terrain wieder zurückerobert. Wo etwa früher der „Eiserne Vorhang“ Ost und West trennte, sei nun ein grüner Korridor quer durch den Kontinent entstanden.

„Überfällig“ sei eine solche Dokumentation, meint ZDF-Redakteurin Renate Marel, weil sie in einer Zeit politischer Diskussionen daran erinnert, „woher dieser Kontinent kommt und welche Schätze und Chancen er den Europäern bietet“. Die aktuelle Krise der EU wird „Der Kontinent“ sicher nicht bewältigen helfen, aber es schadet auch gewiss nichts, wenn unter dem Oberbegriff Europa mal was Unterhaltsames im Fernsehen läuft.

„Der Kontinent – Die Geburt Europas“: ZDF, 19 Uhr 30

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