Medien : Im eisigen Osten

Das ZDF zeigt neue Guido-Knopp-Reihe über Kriegsgefangene

Simone Schellhammer

„Irgendwo ist es auch Kunst, was wir machen“, sagt Guido Knopp plötzlich, als er zusammen mit seinen Autoren die neue fünfteilige Dokumentationsreihe „Die Gefangenen“ in Hamburg vorstellt. Der Leiter der Redaktion Zeitgeschichte beim ZDF beherrscht eine Methode, mit der er historische Dokumentationen so erfolgreich macht, wie es sonst nur Unterhaltungsformate sind: Geschichte wird in Bildern, mit Menschen und mit starken Emotionen erzählt. Aber Kunst? Kritiker hielten Knopps Filme bisher eher für Kitsch, mussten aber immer anerkennen, dass sie regelmäßig Millionen Zuschauer fanden.

Auch bei dieser neuen Reihe, die sich ein weiteres Mal mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt, schnürt es einem immer wieder die Kehle zu: Die qualvollen Todesmärsche Richtung Osten, das Grauen der sowjetischen Lager, die spektakulären Fluchtversuche. Dann am Ende die bewegenden Spätheimkehrer-Szenen, in denen Mütter nach zehn Jahren ihre Söhne, Ehefrauen ihre Männer in die Arme schließen. Aufgelockert, aber damit nicht weniger emotional, werden die Dramen durch kleine Anekdoten oder große Liebestragödien wie etwa im ersten Teil, der heute unter dem Titel „Ab nach Sibirien!“ läuft: Hier wird unter anderem die Geschichte von Willy Birkemeyer erzählt, der sich im Lager in eine sowjetische Ingenieurin verliebte und ein Kind mit ihr zeugte. Erst nach über 50 Jahren traf er sie in Moskau wieder.

Zum Thema Überemotionalisierung sagt Heiner Wember, einer der Autoren des heutigen Films: „Keine Dokumentation darf auf die Tränendrüse drücken. Weil dabei nur Tränen rollen, die künstlich erzeugt werden. Unser Thema ist aber eines zum Heulen. Wenn jeder vierte Gefangene nicht zurückkam, ist das ein Thema voller Trauer. Eine Dokumentation über Kriegsgefangenschaft, die den Zuschauer nicht anrührt, geht am Thema vorbei.“ Nicht zuletzt die Filmemacher selbst, sagt Guido Knopp, seien von ihren Filmen immer wieder angerührt.

Elf Millionen deutscher Soldaten und etwa eine Million Zivilisten gerieten im Zweiten Weltkrieg in Gefangenschaft. Die ersten kamen schon ein paar Wochen nach der Kapitulation nach Hause, die letzten erst 1956. Der erste Film der Reihe zeigt aber auch, wie Millionen von Rotarmisten in deutschen Lagern starben, also die andere Seite des Grauens. Dass damit auch automatisch Schuld verglichen wird, lässt sich kaum vermeiden. „Die Aufrechnung von Schuld findet nur dort statt, wo ein Thema tabuisiert wird“, erklärt Wember, der über das Thema „Internierungslager für Nationalsozialisten in der britischen Besatzungszone“ promovierte. „Wenn man anerkennt, dass auch deutsche Gefangene gelitten haben, dann ist das eine Voraussetzung für Versöhnung.“ Tatsächlich bringen die im Film auftretenden Zeitzeugen (diesmal sind es nicht so unübersichtlich viele wie sonst) bei allem Leid, das sie erlebten, nie Hass auf die Gegenseite oder Rachegefühle zum Ausdruck. Bei den meisten spürt man, wie erleichternd es für sie ist, sich all die Erfahrungen von der Seele reden zu können. Kaum einer von ihnen hat dafür je professionelle, therapeutische Hilfe aufgesucht. Vielen machte es die deutsche Nachkriegsgesellschaft, die dieses Thema lange tabuisierte, schwer, überhaupt darüber zu sprechen.

Nächste Woche widmet sich die Reihe den Gefangenencamps in Kanada und den USA, in denen mit Bibliotheken, Kinos und bester Verpflegung meist ausgezeichnete Lebensverhältnisse herrschten. „Mein Vater war bis zum Mai 1946 ,Prisoner of War’ in Texas, Florida und Kalifornien“, erzählt Guido Knopp. „Dort ließ es sich bei Cornflakes, Schweinebraten und Steaks gut aushalten. Der dünne Junge nahm zwölf Kilo zu, die er im deutschen Hungerwinter 1946/47 aber schnell wieder verlor.“

Begleitend zur Reihe hat das ZDF eine Aktion unter dem Titel „Die letzte Hoffnung“ ( www.zdf.de ) gestartet, in der mit Hilfe von neuerdings zugänglichen sowjetischen Aktenbeständen ungeklärten Schicksalen nachgegangen werden soll.

„Die Gefangenen“: 20 Uhr 15, ZDF

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