Im Fernsehen : Klarsfelds „Aktionen“

Ein Arte-Spielfilm über die Jagd nach dem Nazi-Verbrecher Klaus Barbie. In der Rolle der Beate Klarsfeld ist Franka Potente zu sehen.

Hendrik Feindt
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Gegen das Vergessen: Beate Klarsfeld (Franka Potente) demonstriert in Köln gegen den Naziverbrecher Lischka. Foto: WDRWDR

Der Fall Klaus Barbie hatte einmal zu einem Meisterwerk des Dokumentarfilms Anlass gegeben: Der Kommandant der Gestapo im besetzten Lyon, Jahrzehnte später am gleichen Ort von einem Schwurgerichtshof zu lebenslanger Haft verurteilt, war Gegenstand eines gleichermaßen analytischen wie bissigen Porträts, das Marcel Ophuls vor 20 Jahren auf der Berlinale mit „Hôtel Terminus“ vorstellen konnte.

Lange zuvor schon war derselbe Klaus Barbie – justiziell damals noch unbehelligt – der Gesprächspartner eines nur fünfminütigen Interviews, das zu den legendären Momenten der Geschichte des Fernsehens zählt: Der französische Journalist Ladislas de Hoyos schaffte es 1972 im bolivianischen La Paz, einen Mann vor die Kamera zu bringen, der genauso hartnäckig behauptete, Klaus Altmann zu heißen, wie er leugnete, jemals mit der Verfolgung der französischen Résistance oder der Deportation von Juden aus Frankreich betraut gewesen zu sein, geschweige denn, diese aus eigener Befehlsgewalt angeordnet zu haben.

Die Messlatte lag also hoch, als sich der französische Filmemacher Laurent Jaoui vor zwei Jahren daranmachte, den von juristischen und diplomatischen Hindernissen gespickten Weg der Auffindung und Inhaftierung eines für die deutsche und französische Geschichte maßgeblichen Kriegsverbrechers auf den Bildschirm zu bringen. „Die Hetzjagd“ nennt der Regisseur seinen Film, den Arte als Koproduzent am Freitag in Erstausstrahlung zeigt.

Seine Jäger, Serge und Beate Klarsfeld, gespielt von Yvan Attal und Franka Potente, bewegen sich in ihm ein wenig unbeholfen und wie unzeitgemäße Heroen. Bisweilen scheinen sie, etwa wenn ihnen die Entführung eines schadlos in Köln lebenden Altnazis misslingt, dem Kleinkriminellenmilieu eines frühen Fassbinder-Streifens entsprungen zu sein. Bisweilen aber auch, wenn sie in Regenmänteln mit Armeegenerälen und im Puppentheater mit Mossad-Agenten über Auslieferungs- und Erschießungsszenarien debattieren, fühlen sich die beiden dem Habitus französischer Agententhriller verpflichtet.

Anders der Gejagte, Klaus Barbie, inkarniert von Hanns Zischler. Schlüssig, umstandslos und mit der gebotenen Mischung aus jovial-professioneller Selbstherrlichkeit und einer für kurze Momente außer Kontrolle geratenen Heuchelei gibt er das Bild eines Mannes, der sich nach dem Krieg jahrzehntelang den Institutionen der Macht, dem Geheimdienst der USA wie den Diktaturen in Südamerika, angedient hatte und den offenbar niemand zu Fall, das heißt vor Gericht bringen wollte oder konnte. Wären nicht der Spürsinn und der lange Atem der Klarsfelds, wäre nicht die Diplomatie des Che-Guevara-Gefährten Régis Debray und wäre nicht die besondere politische Konstellation eines Neuanfangs gewesen, den Frankreich und Bolivien zur selben Zeit, Anfang der achtziger Jahre, durchleben konnten.

Die Arbeiten von Serge und Beate Klarsfeld entstanden, wie sie in ihrem Buch „Vichy – Auschwitz“ (Darmstadt 2007) schreiben, aus „Aktionen“. Es ist dies eine heutzutage selten gewordene Einheit von politischem Denken und Handeln. Gelegentlich vermag auch ein Spielfilm wie „Die Hetzjagd“ daran zu erinnern. Hendrik Feindt

„Die Hetzjagd“, Arte, Freitag, 21 Uhr

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