Medien : „Im freien Fall“

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Von Henryk M. Broder

Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Sogar der Nahost- und der Kaschmir-Konflikt werden eines Tages Geschichte sein, so wie die deutsch-französische Erbfeindschaft und der Ehekrieg zwischen den Wussows.

Manchmal hilft Geduld, manchmal muss sofort gehandelt werden, um das Schlimmste zu verhindern.

Im Fall von Jürgen W. Möllemann, der in seiner eigenen Partei als „tickende Zeitbombe“ gilt, wäre Abwarten die falsche Strategie; denn so sicher Mike Tyson bei der nächsten Gelegenheit die Fassung verlieren und wieder zuschlagen oder zubeißen wird, wird JWM bald wieder ausrasten und seine Partei in Verlegenheit bringen. Beide Seiten haben nur einen Waffenstillstand vereinbart.

Wenn zutrifft, was die „Berliner Zeitung“ am vergangenen Montag berichtete, soll Möllemann am Wochenende in einer Recklinghauser Kneipe in bierseliger Runde gesagt haben: „Kein Christ und kein Moslem in einer Position wie Friedman würde eine solche Sendung im Fernsehen bekommen.“ Das scheint, zumindest für den Mann aus Westfalen, der Kern des Problems zu sein. Wie kommt ein Jude an einen Job, den kein Christ und kein Moslem je bekommen hätte? Wir wissen es auch nicht.

Eine Möglichkeit wäre: Es gibt einen Zufallsgenerator bei den öffentlich-rechtlichen wie bei den privaten Anstalten, der die Jobverteilung regelt. Dafür spricht, dass beinahe jeder, der in einem ordentlichen Beruf gescheitert ist, eine zweite Chance als Moderator bekommt; dagegen spricht, dass es Michel Friedman erwischt hat, denn der ist, als erfolgreicher Anwalt und Funktionär, auf diesen Job nicht angewiesen. Möglich wäre auch, dass der Generator ethnisch programmiert wurde. Bei etwa 80 000 Juden im Land ist jeder tausendste „Mitbürger“ ein Jude, bei den Moderatoren würde ein wenig aufgerundet werden, und dann hätten die Juden eben Anspruch auf einen Moderator.

Dem Publikum würde es die Übersicht enorm erleichtern, wenn es wüsste, welcher Konfession die Moderatoren angehören. Technisch wäre das kein Problem, man könnte jeweils ein kleines Kreuz (schwarz für katholisch, gelb für evangelisch), einen roten Halbmond oder einen blauen Davidstern einblenden; das Verfahren ließe sich auch auf Politiker erweitern. So wäre, im Möllemannschen Sinne, ein Höchstmaß an Transparenz garantiert.

Möllemann selbst, der in seinen jüngeren Jahren den Tag damit begann, dass er eine Nachrichtenagentur anrief und eine Erklärung zu irgendwas abgab, könnte nur pazifiziert werden, wenn er eine eigene Sendung bekäme. Denn das ist der Furor, der ihn antreibt: Friedman hat zwei, er hat keine.

Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Wozu Möllemann taugt, wäre nicht die klassische Talkshow mit Gästen auf einem Sofa, sondern ein ganz neues Format, etwas, das es noch nicht gegeben hat. Etwa so: Möllemann springt in fünf- bis sechstausend Meter Höhe aus einem Flugzeug – während er der Erde entgegenstürzt, kommentiert er in knapper Form die politischen Ereignisse der letzten Tage aus seiner Sicht.

Der passende für die Show wäre „Im freien Fall“ oder „Keine Angst vorm Fliegen“. Es hat schon viele sensationelle Auftritte im deutschen Fernsehen gegeben, so einen noch nicht. Für Möllemann wie maßgeschneidert, für das Fernsehen eine echte Innovation und bestimmt auch ein Quotenhit. Wenn der Mann aus Münster seinen ersten Bambi bekommt oder für den Grimme Preis nominiert wird, werden alle einen gereiften, entspannten und zufriedenen Moderator erleben, keine Axt im Wald und keine tickende Zeitbombe. Auch ein Möllemann kann resozialisiert werden. Kein Jude und kein Moslem würde eine solche Chance verpassen.

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