Im Galopp : Mädchen, träume

Sammeln, striegeln, streicheln: Warum der Pferdecomic "Wendy" nach 25 Jahren noch immer so erfolgreich ist.

Pia Frey

Hufe donnern über die Rennbahn. Eingehüllt in eine Staubwolke galoppieren acht Rennpferde auf die Zielgerade zu. In letzter Sekunde schiebt sich Schimmelstute Sturmwind nach vorne – und überquert die Linie als Sieger. Die blondgelockte Wendy springt aus dem Sattel und umarmt das Tier, ganz fest. „Ich werde immer für dich da sein! Du bist mein Goldschatz!“ Happy End in der rosaroten Comicwelt der 15-jährigen Wendy vom fiktiven Gestüt Rosenborg in Olemünde. Seit 25 Jahren verkörpert die Heldin des gleichnamigen Pferdemagazins Träume heranwachsender Mädchen. Wendy – stupsnasig, tierlieb und pferdenärrisch – schlichtet Streitereien der Freundinnen, verliebt sich in Stallburschen, rettet vernachlässigte Ponys und will die Welt besser machen.

Für ihre Leserinnen ist sie Identifikationsfigur und große Schwester, im Egmont-Ehapa-Verlag ist „Wendy“ so etwas wie die Großmutter der über 40 Magazintitel. Im Trend liegende Hefte wie „Hannah Montana“, „Spongebob“ oder „Hello Kitty“ tauchen auf, werden verehrt, bekommen ihr Fanmagazin – und verschwinden wieder. Pferde sind geblieben. 152 Millionen Mal ist die „Wendy“ bislang verkauft worden.

Als 1986 die Idee des Pferdemagazins „Wendy“ geboren wurde, träumten Mädchen von Patrick Swayze, sangen Nena-Songs mit und wollten im Fernsehen keine Folge der „Glücksbärchis“ verpassen. 25 Jahre und eine Internetrevolution später vergöttern die Zwölfjährigen Justin Bieber und hoffen auf eine „Germany's Next Topmodel“-Karriere. Eine Beziehung aber ist durch all die Jahre hinweg offenbar stabil geblieben: Mädchen und Pferde.

Mit einer wöchentlichen Reitstunde ist diese Leidenschaft keineswegs erschöpft. Mädchen wollen sammeln, striegeln und streicheln. Mädchen wollen nicht bloß ein Pferd, sie wollen ein Pferde-Universum. „Wendy“ stillt dieses Bedürfnis. „Die Pferdephase gehört bei der Entwicklung von Mädchen einfach dazu“, erklärt „Wendy“-Chefredakteurin Sanya Saydo, 44, den Erfolg der zweiwöchig erscheinenden Zeitschrift. Die „Wendy“-Verantwortlichen im Berliner Redaktionsgebäude des Ehapa-Verlags sind nicht die Pferdegroupies, die man hinter dem Magazin vermuten würde. Saydo selber ist keine Reiterin. Was Mädchen wollen, die in der Pferdephase stecken, erfährt sie von ihren beiden Töchtern.

Mit 20 Heftseiten steht der Comic, eine Kooperation mit dem schottischen Medienhaus D.C. Thompson, im Mittelpunkt des Heftes. An Heldin Wendys’ Seite: ihr Hannoveraner Penny, ihre Westernstute Miss Dixie, Papa Gunnar und Mama Heike, Freundin Bianca und die intrigante Cousine Vanessa, deren Mutter die benachbarte Schönheitsfarm leitet. Auf den restlichen Seiten traben „Shettys“ über Blumenwiesen, galoppieren langmähnige Araberhengste dem Sonnenuntergang entgegen, lernen Leserinnen neue Flechtfrisuren für den Pferdeschweif. Obendrauf gibt es jedes Mal ein kleines Extra: „Gimmicks“ wie Hufnagel-Schlüsselanhänger, Freundschaftsringe oder Bleistifte mit Pferdekopfmotiv. Seit Anfang der 1990er wurde das Pferde-Imperium stetig ausgebaut. Es gibt „Wendy“-Hörspiele, Bücher, Federmäppchen, PC-Spiele und sogar eine „Wendy“-Modelinie. Mit Mädchenträumen lassen sich gute Geschäfte machen.

Die Pferdeliebe heranwachsender Mädchen scheint krisensicher – die Auflagenzahlen sind es nicht. „Wendy“ hat über die Jahre Konkurrenz bekommen: Auch „Lissy“, „Jessy“ oder „Pferd und Co“ buhlen um Leserinnen. Aber trotz ihrer im Auftritt sehr ähnlichen Rivalinnen ist „Wendy“ immer „Wendy“ geblieben und führt das Segment mit einer aktuellen Auflage von 62 000 verkauften Heften noch immer an.

Abgesehen von einem leicht modifizierten Haarschnitt der Heldin hat sich während des 25-jährigen Bestehens des Magazins wenig geändert. Kurzfristig mussten sich die Pferde die Seiten mit Schminktipps und Stargeflüster teilen. Weniger Tiere, mehr Lifestyle, hieß der Versuch, die Zielgruppe durch ein aufgefrischtes Themenspektrum auszuweiten. Das kam nicht gut an, bald war alles wieder so „Wendy“-mäßig wie eh und je.

Verändert hat sich seit der Gründung vor 25 Jahren vor allem der Altersdurchschnitt der Leserinnen. Die 14-jährige Stammleserin von einst ist inzwischen die Ausnahme. Mädchen werden eben schneller erwachsen. Früher denn je wird der Vierbeiner durch den zweibeinigen Freund ersetzt.

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