Medien : Im Haifischkragen

Früher galt Mathias Döpfner als Blender. Dann wurde er Springer-Chef – nun könnte der Verlag sogar einen Fernsehkonzern kaufen

Ulrike Simon

Meistens überkommt es Mathias Döpfner im Flugzeug, wo ihn keiner anrufen kann. Dann holt der Springer-Vorstandschef seinen Laptop heraus und beginnt zu tippen. Diesmal schrieb er sich den Ärger über einen Kommentar von Peter Boenisch in „Bild“ von der Seele. Profitgeil seien die Bosse in Deutschland, herzlos noch dazu, hatte Boenisch in dem Text geschrieben. Typisch, mag sich Döpfner gesagt und an die niedrigen Renditen bei Springer gedacht haben, als Boenisch dort noch eine Rolle gespielt hatte. Sechs Wochen vergingen, am vergangenen Mittwoch stand Döpfners Leitartikel dann in der „Welt“. Darin schalt er all jene, die glauben, Unternehmen hätten eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, die vor der Gewinnmaximierung stünde. Es gebe keinen Grund, dass angestellte Manager ihr schlechtes Gewissen wegen erzielter Gewinne kompensieren, indem sie das Geld ihrer Aktionäre ausgeben, um den Weltverbesserer zu spielen, schreibt der wertkonservative Kapitalismusfreund Döpfner – er ist selbst ein angestellter Manager, der Aktionären verpflichtet ist.

Aber welcher Manager hat schon die Möglichkeit, in den konzerneigenen Medien seine Meinung zu äußern? Ist es nicht so, dass sich Döpfner Verhaltensweisen herausnimmt, wie sie sonst nur Verleger des Schlages Rudolf Augstein oder Gerd Bucerius pflegten? Sie gehörten zur Generation der Gründer, Döpfner zur Generation der Manager, die ein Verlegererbe verwalten. In Döpfners Fall besteht das Erbe aus Europas größtem Zeitungshaus mit dem Meinungsmacher „Bild“, dem Imageträger „Welt“, vielen weiteren Zeitungen und Zeitschriften, die von weit mehr als der Hälfte der deutschen Bevölkerung gelesen werden – und schon bald könnte zum Zeitungshaus Nummer 1 auch die Fernsehgruppe Nummer 1 gehören. Und über all dem steht als Herrscher über Meinung und Unterhaltung, Wort und Bild: Mathias Döpfner. Ein 42-Jähriger, der Nähe zulässt, den Gast in seinem Büro nicht an den Glastisch mit den Stühlen, sondern in die Ecke mit den roten Sesseln führt, die Beine übereinander schlägt, jede noch so persönliche Frage zulässt und trotz des nahenden Abendtermins in aller Ruhe beantwortet.

Heute werden die Springer-Aktionäre in den Neubau in der Berliner Kochstraße strömen. Döpfner wird auf das gute Ergebnis des abgelaufenen Geschäftsjahrs (ein Gewinn vor Steuern, Zinsen, und Abschreibungen von 336 Millionen Euro) und die Möglichkeiten für Akquisitionen verweisen. Als Döpfner Vorstandschef wurde, schrieb Springer erstmals in der Geschichte rote Zahlen und galt als Übernahmekandidat. Wenige Wochen vor seinem Antritt schrieb die „Süddeutsche“: „Die Stimmung im Haus ist mies, der Sparplan diffus, die Bilanz mausgrau.“

„Döpfner muss beweisen, dass er mehr kann als Mozart auf dem Piano zu improvisieren“, schrieb die „Financial Times Deutschland“. Sein Aufstieg habe wohl seinen Grund darin, dass er „mit seinen blauen Augen“ eine „Blendgranate auf Friede Springer abgefeuert hat, die in ihm daraufhin prompt die Wiedergeburt des verstorbenen Axel Caesar Springer entdeckte“, spottete die „Woche“. Döpfner hat zwar keine blauen Augen, sondern braune und kann auch nicht Mozart auf dem Klavier spielen, sondern Jazz auf dem Bass, aber solche Kleinigkeiten störten damals nicht, wenn es um Belege dafür ging, warum es Döpfner nicht kann

Er hat das nicht vergessen. Aber weder seine Stimme noch seine Körperhaltung signalisieren ein Unwohlsein, darüber reden zu müssen. „Ich bin in der Öffentlichkeit sehr früh sehr kräftig verprügelt worden“, sagt er. „Der Umgang mit Krisen, frühen Misserfolgen, negativer Öffentlichkeit und Widerstand hat mich relativ unempfänglich gemacht für öffentliches Lob. Dadurch behält man Bodenhaftung. Ich weiß, wie launisch öffentliche Urteile sind.“

Viel also wurde Döpfner nicht zugetraut, als er im Januar 2002, kurz vor seinem 39. Geburtstag, den Vorstandsvorsitz übernahm. Er galt als Journalist, der gut Geld ausgeben kann, aber keine Ahnung von kaufmännischen Dingen hat.

Einst wollte Mathias Oliver Christian Döpfner Förster werden. Natur ist für ihn „Schönheit, die Kraft gibt“. Wohl deshalb fährt er jedes Jahr nach Irland. Er liebt Spaziergänge durch Parks und Gärten, für die man sich allerdings gut wappnen muss, will man sein Tempo mithalten. Doch nicht Förster wurde er, sondern Journalist. Mit 18 schrieb der Sohn eines Architekten für seine Heimatzeitung, die „Offenbach Post“. Mit 19 zog er aus, ging nach Frankfurt zum Studium der Germanistik, Theater- und Musikwissenschaft und schaffte es, im Regionalteil der „FAZ“ eine Konzertkritik zu veröffentlichen. Unter seiner Wohnung in Bockenheim, nahe der Universität, hausten manchmal Obdachlose, die Mietsituation hat er als „grotesk“ in Erinnerung. „Aber es war eine tolle Zeit.“ Er schrieb regelmäßig für das Feuilleton der „FAZ“, ging ins Ausland, schrieb zwei Bücher und machte einen Abstecher als Geschäftsführer einer Agentur für Kultursponsoring. Mit 27, nachdem er seine Dissertation über die Musikkritik nach 1945 abgeschlossen hatte, kehrte er als Brüssel-Korrespondent zurück zur „FAZ“.

Von 1992 an arbeitete er bei Gruner +Jahr. Der damalige Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen, dessen Assistent er wurde, merkte, „Döpfner hatte das Zeug zu hohen und möglicherweise höchsten Führungsaufgaben und stand oben auf meiner Liste. Aber ihm fehlten auf verschiedenen Gebieten Erfahrungen. Die musste er noch sammeln und sich bewähren.“ Er schickte ihn nach Paris, dann machte er ihn zum Chefredakteur der linken, ostdeutschen „Wochenpost“ in Berlin. Noch heute erinnern sich damalige Redakteure ungern an diesen Zwei-Meter-Mann. „Er war dieser lange, schnöselige Typ, der sofort alles falsch macht“, wurde einmal eine Redakteurin zitiert. Dazu gehörte, dass sich Döpfner im Blatt selbst interviewte: „Wird die linke Wochenpost jetzt rechts?“, fragte er. Diese Einteilung in Rechts und Links, das sei so „vorbei wie Toast Hawaii“.

Nach seiner Zeit bei der „Wochenpost“ – sie wurde verkauft und dann eingestellt – wollte Schulte-Hillen, dass Döpfner auch mal ein Unterhaltungsmagazin macht. Doch Döpfner wollte nicht zu „Gala“, sondern zur „Berliner Zeitung“. Dafür war er G+J aber zu unerfahren. Er bekam die „Hamburger Morgenpost“. Zu dem proletarisch geprägten Blatt, das er zu einer intelligenten Boulevardzeitung machen wollte, passte Döpfner wieder nicht, die Auflage sank, man sprach von der „Döpfner-Kurve“. Bald, nachdem er den Posten aufgegeben hatte, wurde das Blatt verkauft. Wohin Döpfner kommt, droht der Untergang, hieß es. Immerhin hatte Döpfner die Chance, erstmals eine eigene Mannschaft aufzubauen. Auch bei Springer scharte er Vertraute um sich – seine „buddies“. Manchmal kommen Zweifel auf, ob bei ihm zuvorderst ihre Kompetenz oder doch eher ihre Loyalität ausschlaggebend sind, wenn er Posten besetzt.

„Dass er damals zur ,Welt’ ging, war schade“, sagt Schulte-Hillen. „Aber Springer brauchte dort eben einen guten Mann wie ihn, und ich konnte ihm zu der Zeit nichts Entsprechendes anbieten.“ Döpfner setzte radikaler fort, was sein Vorgänger bei der „Welt“ bereits begonnen hatte: Er jagte den Muff aus dem Blatt, holte neue Journalisten jeglicher politischer Couleur, motzte die Optik auf – und bekam von Springer alles Geld, das er dafür brauchte.

Dann wurde der „Musikus“ zum „Streicher“, spottete die „Woche“. Er wurde Zeitungsvorstand und designierter Vorstandsvorsitzender. Als Döpfner an die Spitze des Verlags trat, kam die Anzeigenkrise. Er gab den knallharten Kostensenker, hin und her gerissen zwischen der Notwendigkeit zu sparen und dem Wissen, dass guter Journalismus teuer ist. Strategisch wichtig war gleich zu Beginn seiner Amtszeit ein Coup: Angesichts der drohenden Pleite von Großaktionär Leo Kirch löste er eine Option zum Verkauf der Springer-Anteile an der Sendergruppe ProSiebenSat1 ein. Das Ende ist bekannt: Kirch, der ewige Unruhestifter, ist raus bei Springer.

Drei Jahre, nachdem Döpfner den Vorstandsvorsitz übernommen hat, könnte er nun schaffen, was Kirch nicht gelingen wollte und was auch Axel Springers Vision war: einen Medienkonzern schaffen, der Print und Fernsehen vereint. Spätestens im August könnte Springer die Mehrheit an der Sendergruppe übernehmen.

Döpfner ist bei Springer seit langer Zeit der erste Manager, der zugleich Journalist ist. Will er in die Fußstapfen des Verlegers treten, sein wie Axel Springer? Döpfner, der im 18. Stock des Berliner Springerhochhauses mit Blick über das alte Zeitungsviertel residiert, legt die Stirn in Falten. „Ein Verleger ist dadurch definiert, dass er Eigentümer ist und sein eigenes Geld verwaltet.“ Natürlich verkörpere er als „Journalist und Inhaltemensch, der ich immer war und geblieben bin“, einen anderen Managertypus. Er würde es sich aber nie anmaßen und sei auch gar nicht in der Gefahr, sich mit Axel Springer zu vergleichen: „Vielleicht bin ich unbefangener, gerade weil ich Axel Springer nie kennen gelernt habe.“

Es ist nicht abzustreiten, dass die Fusion von Springer und ProSiebenSat1 ein historischer Sieg wäre. Aber von emotionalen Faktoren dürfe man sich nie leiten lassen, sagt Döpfner. „Ich habe den ausgeprägten Ehrgeiz, in diese Managerfalle nicht zu tappen. Wir werden uns in keinen Deal hineintreiben lassen um des Prestiges willen.“

Springer – das war das Unternehmen mit zwei Standorten, Hamburg und Berlin, einem riesigen Kopf aus auslandsunerfahrenen Führungskräften und dem Image eines politisch getriebenen, konservativen Zeitungshauses, das fast nur durch Neugründungen wuchs. Ganz anders der Medienriese Bertelsmann, der mit einer kleinen Zentrale in Gütersloh sitzt, sich mit seiner Stiftung einen sozialen Anstrich gibt und durch Zukäufe weltweit operiert. Über Döpfner, der eine ganze Reihe Mitarbeiter von Bertelsmann und dem Bertelsmann-Verlag Gruner+Jahr abgeworben hat, heißt es, er habe viel von Schulte-Hillen gelernt. Der stimmt dem zu: „Viele sagen mir, dass Döpfner die Begeisterung, den Spaß an der Sache, die Zielorientierung von Gruner+Jahr mitgebracht hat.“

Als Stärke gilt Döpfners Akribie. Eine Schwäche wird ihm bei Personalentscheidungen nachgesagt. Es dauert eine Weile, bis er es merkt. Hinterher ist er dann selbst enttäuscht. Der Grund dürfte darin liegen, dass er sich gern mit Typen umgibt, die rhetorisch begabt sind, Pointen lieben und Positionen vertreten, die fernab des Mainstreams liegen. Schräge Typen, Menschen bei denen die Amplitude ausschlägt, imponieren und amüsieren Döpfner. „Mir ist einer, der etwas Falsches sagt, aber davon in diesem Moment wirklich überzeugt und begeistert ist, näher als einer, der sich überhaupt nicht exponiert, um nur ja kein Risiko einzugehen. Noch schlimmer sind die, die zu besonderen Empfindungen oder Gedanken gar nicht fähig sind – die strukturellen Langweiler.“ Döpfner mag es, sich mit anderen für eine Idee zu begeistern und sich darüber in Rage zu reden. Es war wohl eine dieser Ideen, als Springer, „Spiegel“ und „SZ“ beschlossen, im Schulterschluss mit der „FAZ“ Politik zu machen und die Rechtschreibreform kippen zu wollen.

Einer, der ihn gut kennt, sagt, müsste er Döpfner vor etwas warnen, dann wären es Eitelkeit, Zynismus und Arroganz. Zugute zu halten ist Döpfner, dass er diese Eigenschaften bei dem Gespräch selbst anspricht. Die Beine lang vor sich ausgestreckt, sagt er, er habe festgestellt, dass sich andere im Umgang mit ihm geändert haben, anders auf ihn reagieren. „Man muss sich daran gewöhnen, dass ab einer bestimmten Führungsverantwortung jede Geste, jeder Blick in einem Höchstmaß interpretiert und auch überinterpretiert wird. Sie kommen in einen Raum, sehen jemanden nicht, und der interpretiert das als Arroganz oder als Reaktion auf einen Fehler, den er vielleicht gemacht hat.“

Unbestritten ist Döpfner eitel. Zum Treffen erscheint er im grauen Anzug mit weißen Nadelstreifen, weißem Hemd mit Haifischkragen und fliederfarben gestreiftem Schlips. Die Krawatte legt er dem Vernehmen nach nicht einmal beim Grillen ab. Döpfner weiß um seine Eitelkeit. Im Sessel aufgerichtet, lauter als bisher im Gespräch, sagt er, seine Eitelkeit konzentriere sich auf eine „weibliche“ Art auf Äußerlichkeiten. Er versuche, sie zu kontrollieren, um nicht die maskuline Form anzunehmen, „die in eher kläglichen Männlichkeitsritualen mit Alphatiergehabe mündet“.

Wenn Döpfner schreibt oder eine seiner staatsmännisch wirkenden Reden hält, fühlen sich Kritiker veranlasst, ihn einen „Demagogen“ zu nennen. Nein, er sei ein „leidenschaftlicher Zeitgenosse“, der davon überzeugt sei, etwas bewegen zu können, sagt einer aus seinem Umfeld. Als Döpfner in einem Leitartikel vom April 2004 eine Wahlempfehlung für George W. Bush abgab und den Irakkrieg verteidigte, raunte es im Verlag: Hat nun jeder Mitarbeiter die Meinung des Chefs zu teilen, um nicht anzuecken? „Er ist Vorstandschef, soll er sich doch um die Zahlen kümmern und basta“, sagte einer. „Wenn ich schreibe, schreibe ich als Journalist eine von vielen Meinungen, die im Unternehmen geäußert werden können“, sagt Döpfner. Das sei „keine Meinungsvorgabe“, betont er immer wieder. Selbst wenn ihm das nicht jeder auf Anhieb abnimmt – spätestens beim zehnten Mal, ist sich Döpfner sicher, hätten es die Mitarbeiter dann verstanden.

Als er 2002 Vorstandschef wurde, hieß es, er bleibe dies mindestens für zehn Jahre. Dann wäre er gerade mal 49. Manche, vor allem gleichaltrige Männer, neiden ihm die Karriere und fragen, was der Schnellaufsteiger denn noch alles werden wolle. Was, wenn die Ära Springer für ihn morgen vorbei ist? Die Fähigkeit, Texte verfassen zu können, sagt Döpfner, habe ihm immer die Sicherheit gegeben, dass es da noch etwas anderes gibt, was er beherrscht und jederzeit wieder tun würde: ganz Journalist sein und nur noch schreiben.

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