Medien : Im Hier und „Jetzt“ vereint

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Von Eva Meschede

Auf einem Protest-Flugblatt gegen das Sterben des „Jetzt“-Magazins ballt sich eine Faust. Doch die ist in der Wirklichkeit lange nicht so hart und drohend, wie sie gedruckt aussieht. Das zeigt am besten eine kleine Geschichte nach der Kundgebung am Sendlinger Tor in München: Jessica, Aktivistin von der „Stabsliste“ des Organisationskomitees, hat bereits 20 Minuten vergeblich nach einem Auto gesucht, das das bereits ordentlich auseinander gebaute Podest abtransportieren könnte. Die Demonstranten ziehen ab zur Party im „Atomic-Cafe“. Schließlich weiß Jessica sich nicht anders zu helfen und wendet sich an Dirk Rumberg, Leiter der Unternehmenskommunikation „Süddeutsche Zeitung“. Ob er nicht vielleicht ein Fahrzeug hätte? Rumberg ist auf dieser Bühne, um die er sich nun kümmern soll, vor nicht einmal einer halben Stunde lauthals ausgebuht worden; er repräsentiert mit Pressesprecher Sebastian Lehmann das Feindeslager, den Süddeutschen Verlag, der das Jugendmagazin „Jetzt“ eingestellt hat.

Rumberg schaut die zierliche 27-Jährige an wie ein Vater, dem die Tochter einen Joint mal kurz zum Halten in die Hand gedrückt hat. Er ist aber dann doch bemüht, eine Lösung zu finden. Und so wären die Reste des Protestes gegen den Süddeutschen Verlag beinahe im Hof des Süddeutschen Verlages gelagert worden. Es ist dann aber doch noch ein junger Mann mit roten Haaren und einem Kleinbus aufgetaucht, der bereit war, Rumberg die Arbeit abzunehmen.

Die Kundgebung ist sozusagen der erste „In-echt-Protest“ gegen die Einsparung der montäglichen Jugendbeilage der „SZ“. „In-echt-Treffen“, so wurden auch die Kennenlernaktionen von „Jetzt“-Lesern in der Wirklichkeit genannt, die sich unter jetzt.de gegenseitig „gepostet“ hatten.

Vor diesem realen Protest in der Münchner Innenstadt am Sonnabend hatte sich der Widerstand vor allem im Internet formiert: So kamen innerhalb von einer Woche nach Bekanntgabe der Einstellung von „Jetzt“ 1200 Einträge des Entsetzens im schwer überlasteten Internet-Forum von jetzt.de zusammen, dessen Zugriffszahlen hatten sich zeitweise von 60 000 auf 130 000 täglich verdoppelt. 1200 Briefe gingen - meist elektronisch - bei der Leserbriefredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ ein. Dies sei eine Menge, wie sie sonst nur bei „Großereignissen“, etwa der Affäre Kohl oder beim Beginn des Kosovo-Krieges, zu verzeichnen ist, sagt der zuständige Redakteur.

8000 Unterschriften, vor allem mit @-Adressen versehen, enthält die Petitionsliste an den Verlag. Drei Protest-Homepages entstanden im Netz, und der Provider gmx hat ein Banner geschaltet, erzählen die Aktivisten für die „Echt-Demo“. Sie haben sich ebenfalls zuerst über das Internet gefunden, sind dann per Auto oder Bahn von Berlin, Hamburg oder Köln nach München gereist, um den Widerstand auf offener Straße zu organisieren.

Das ist etwas Neues für diese Internet-Jugend: Die Journalistin Jessica zum Beispiel war zuletzt gegen den Golfkrieg demonstrieren, „damals war ich 16“. Baas, der in Berlin studiert, freut sich, dass man mit der Aktion der entlassenen „Jetzt“-Redaktion „Trost spenden“ kann. Künstlerin Chandra, die am Tag vor der Demo mit Turban auf dem Kopf und Muschelkette um den Hals die Presse empfängt, lassen die hohen virtuellen Zahlen träumen: „Was machen wir, wenn 5000 kommen?“ Alle stimmen Birgi, der „Lindenstraße“-Schauspielerin Brigitta Weizenegger zu, dass es auf jeden Fall „so toll ist, wie wir uns alle zusammengetan haben“. In dieser Atmosphäre der freudigen Erwartung kursiert zeitweise sogar das Gerücht, Bundeskanzler Gerhard Schröder habe die „SZ“-Chefredaktion in Sachen „Jetzt“ angerufen.

Am Tag der echten Demo ist Chandra bleich vor Aufregung, schwitzt unter dem großen Turban. Jessica gibt hektisch jungen Menschen Anweisungen, die Zettel „Ordner“ auf die „Jetzt“-T-Shirts geheftet haben. Zum Glück: Bis 13 Uhr füllt sich der Platz. Mit echten Leuten, die echte Schilder mit Sprüchen wie „Jetzt für immer“ tragen. Mit Mädchen und Jungs, noch einmal zehn Jahre jünger als die Organisatoren, die in Grüppchen auf dem Boden lagern. Sie habe sich jeden Montag die „SZ“ von Freunden organisiert oder sogar gekauft, sagt die 20-jährige Ineke. Ihre Eltern seien „FAZ“-Leser. Die 18-jährige Lisa protestiert: Sie habe keine Lust mehr auf die „SZ“ ohne „Jetzt“.

Die „Sportfreunde Stiller“ dröhnen aus den Boxen, 25 Fans tragen auf der Bühne Gründe vor, warum „Jetzt“ lebenswert ist. „Lebenswert“, das ist seit neun Jahren die beliebteste Seite im Jugendmagazin. Chandra ruft ins Mikro: „Gesagt bekommen, was man tun kann, aber nicht, was man tun soll!“ Jessica muss beim Reden mit den Tränen kämpfen. „SZ“-Mann Rumberg wird ordentlich ausgepfiffen. Und Brigitta Weizenegger liest mit dem Kollegen Steffen Wink Promi-Grüße vor: Smudo von den „Fantastischen Vier“, der Journalist Friedrich Küppersbusch, die Schauspielerin Michaela May, bei den „No Angels“ lachen die Zuschauer, die sind nicht ihr Stil. Christian Seidl, einer der leitenden „Jetzt“-Redakteure, bedankt sich für die Solidarität und sagt, „dass man der Jugend ihre Stimme nehmen kann, aber nicht ihre Seele“.

Bei der anschließenden Party platzt das dunkle „Atomic Cafe“ fast aus allen Nähten, obwohl draußen die strahlendste Sommersonne im blauen Himmel steht. Alle sind glücklich, die Demo war ein Erfolg, weitere Aktionen werden geplant, Ideen zur Rettung des Lieblingsmagazins diskutiert: Auffanggesellschaft. Eigenregie. Verkauf am Kiosk. Agenturen, die Anzeigen spendieren … Irgendwie geht es doch auch sonst immer weiter im Leben.

Am heutigen Montag liegt in der „SZ“ das Abschieds-„Jetzt“ mit 3657 Gründen: „Warum es sich zu leben lohnt.“ Und keiner hier will glauben, dass es das letzte ist – in echt.

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