Im Interview : „Die Zwänge werden unterschätzt“

"Zeit"-Redakteurin Susanne Gaschke will Oberbürgermeisterin in Kiel werden. Publizist Michael Naumann über die Gefahren, wenn Journalisten in die Politik gehen.

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Quereinsteiger. „Zeit“-Redakteurin Susanne Gaschke will für die SPD Oberbürgermeisterin Kiel werden. „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein saß für die FDP von 1972 bis 1973 im Bundestag. otos: Nicole Sturz, pa/dpa
Quereinsteiger. „Zeit“-Redakteurin Susanne Gaschke will für die SPD Oberbürgermeisterin Kiel werden. „Spiegel“-Gründer Rudolf...

Herr Naumann, Ihre frühere „Zeit“-Kollegin Susanne Gaschke will sich innerhalb der SPD als Oberbürgermeister-Kandidatin für Kiel bewerben. Eine gute Idee?

Das ist eine ganz hervorragende Idee. Frau Gaschke gehört mit zu den führenden Redakteurinnen der „Zeit“. Sie ist ein politischer Kopf. In der SPD vermute ich sie gewissermaßen in der Mitte und nicht bei den intellektuell erstarrten Verächterinnen der Agenda 2010. In der zeitgenössischen Diktion: Sie ist ein Realo mit dem Herzen am richtigen Ort. Sie könnte also in Kiel Thorsten Albig ersetzen. Immerhin kommt sie aus der Stadt.

Immer wieder zieht es Journalisten in die Politik: „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein saß für die FDP im Bundestag, ZDF-Moderator Steffen Seibert ist derzeit Regierungssprecher, Sie selbst waren unter Bundeskanzler Gerhard Schröder Staatsminister für Kultur und Medien, wollten sich 2008 für die SPD zum Hamburger Bürgermeister wählen lassen. Was reizt Journalisten an einem solchen Seitenwechsel?

Sie könnten auch Egon Bahr, Christian Ude und Willy Brandt nennen, alles ehemalige Journalisten. Ich sehe keinen entscheidenden Unterschied zwischen Journalisten und Menschen aus anderen Berufszweigen, die sich für ein politisches Engagement entscheiden. All denjenigen, die aufgrund ihrer Ausbildung, Lebensumstände und Interessen das Gefühl haben, der Gesellschaft etwas zurückgeben zu wollen und zu können, wird so ein Seitenwechsel reizen, egal ob nun Redakteur, Rechtsanwalt oder Schlosser. Diese sogenannten Quereinsteiger haben den Vorteil, dass sie nicht auf die berufspolitischen Karrieren angewiesen sind. Sie bringen Lebenserfahrung, einen frischen Blick und Idealismus mit.

Hatten Sie selbst das Gefühl, der Gesellschaft etwas zurückgeben zu müssen?

Ja. An der Uni war ich ein Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ein gefördertes Aufsteigerkind aus einer bürgerlichen, verarmten Flüchtlingsfamilie. Ich habe in der Politik meinen nicht geleisteten Wehrdienst nachgeholt. Außerdem empfand ich das Angebot Gerhard Schröders als Ehre. Ist ein wenig aus der Mode gekommen, das Wort ....

Aber sind nicht gerade Journalisten nach jahrelangem Schreiben von Leitartikeln besonders überzeugt, bessere Politik als Politiker machen zu können?

Das ist ähnlich wie im Fußball, da gibt es auch 80 Millionen potenzielle Bundestrainer, die glauben, die Mannschaft besser aufstellen zu können. Ich fürchte, dass die Hälfte bei der EM Recht hatte. Auch wenn es um Politik geht, glauben viele Menschen zu wissen, wie es besser geht oder besser gehen sollte. Oft genug haben sie ja Recht. Und da rede ich nicht nur von Journalisten. Ich würde allerdings nicht abstreiten, dass es im Journalismus einen höheren Grad an Eitelkeit gibt - auch, wenn die meisten Kollegen das sofort abstreiten würden. Und sicher, ein Journalist, der lange über Politik berichtet, bringt gewisse Grundkenntnisse mit und wird nicht völlig überrascht sein, wie es in der politischen Praxis zugeht.

Manche Journalisten werden offenbar trotzdem vom politischen Alltag überrascht. Was unterschätzen sie beim Schritt in die Politik?

Ich persönlich habe nichts unterschätzt, denn ich wusste, worauf ich mich einließ. Was menschliche Enttäuschungen nicht ausschloss. Wie sonst im normalen Berufsleben ja auch. Aber was Journalisten in der Politik sicher sehr schnell kennenlernen, sind die Prozesse und Zwänge der Konsensfindung, in die sie anders als in einer Redaktion eingebunden werden. Sei es nun in der Fraktion, im Senat, im Kabinett oder in Koalitionen. Das mag manchen nicht leicht fallen, denn ein Journalist ist in der Regel frei, zu schreiben, was er will - vorausgesetzt, er arbeitet für eine Zeitung, bei der er das kann. Durch diesen politischen Kompromisszwang entsteht bei manchen dann doch schnell das Gefühl, wieder zurück in ihren angestammten Beruf kehren zu wollen. Aber auch das trifft nicht nur auf Journalisten, sondern wohl auf alle politischen Seiteneinsteiger zu.

Welche Ihrer Expeditionen in die Politik würden Sie als erfolgreich bezeichnen, welche als gescheitert?

Scheitern heißt ja in dem meisten Fällen, dass man die Ziele, die man hat, nicht durchsetzen konnte. Und ich bin zweifelsohne 2008 bei der Wahl zum Bürgermeister in Hamburg gescheitert. Das war bitter. Aber immerhin haben wir im Vergleich zur vorherigen Wahl zur Hamburger Bürgerschaft drei Prozent mehr an Wählerstimmen für die SPD gewonnen. Als Staatsminister für Kultur habe ich eigentlich all das erreicht, was ich wollte. Ich hatte Schröders Unterstützung. Das war entscheidend. Mit einer Ausnahme: Das Goethe-Institut ist nicht in meinen Beritt gekommen. Das war ein Fehler, aber das lag nicht an mir, sondern an den Ressort-Besitzansprüchen des damaligen Außenministers Joschka Fischer.

Warum hat es Sie trotzdem wieder zurück in den Journalismus gezogen?

Das hatte rein private Gründe. Leicht ist es mir jedenfalls nicht gefallen. Ich wäre gern geblieben.

Werden Journalisten für ihren Seitenwechsel schief von den Kollegen angeschaut, wenn sie aus der Politik wieder zurück in ihre Redaktionen kehren?

Ich fürchte ja. Es ist nicht auszuschließen, dass man in den politischen Machtzusammenhängen gefangen bleibt, wenn man einmal in ihnen gearbeitet hat. Mir selbst ist es nicht passiert, das liegt unter anderem daran, dass mich politische Macht als solche nie sonderlich gereizt hat.

Aber die Sympathien für die jeweilige Partei schwinden ja nicht automatisch mit dem Wechsel zurück in die Redaktion.

Nein, aber sie dürfen das journalistische Urteilsvermögen in Kommentaren nicht trüben und erst recht nicht bei Recherchearbeiten. Helmut Schmidt war Bundeskanzler, heute schreibt er in der "Zeit" weiterhin Artikel und weiß, dass die Leser seine Texte nicht als Parteimeinung verstehen, sondern als Äußerungen des Publizisten Schmidt. Das Gleiche gilt auch für Theo Sommer, der Planungschef der Bundeswehr unter Schmidt war. Auch bei Ulrich Wilhelm, Merkels früherem Regierungssprecher, der jetzt Intendant des Bayerischen Rundfunks ist, habe ich nicht den Eindruck, dass er parteipolitischen Rundfunk protegiert. Das liegt sicher auch an einer gewissen Selbstdisziplin und persönlicher Souveränität.

2013 stehen wieder Bundestagswahlen an, welches Ministeramt streben Sie an?

Da werde ich 72 Jahre alt sein. Danke, nein.

Das Gespräch führte Sonja Pohlmann.

Michael Naumann war „Zeit“-Herausgeber, „Cicero“-Chefredakteur und Kulturstaatsminister. Ab September begleitet er als Direktor den Aufbau der Barenboim-Said-Akademie.

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